17.05.2017
Regensburger Religionsgespräch

Wenn Theologen friedlich streiten

Mit einem öffentlichen Disput ist die historische Tradition der Regensburger Religionsgespräche wiederbelebt worden. Je zwei Theologen der evangelischen und katholischen Kirche diskutierten im historischen Reichssaal über Taufe und Papstamt.
Theologen diskutieren im Regensburger Reichssaal.
Im Regensburger Reichssaal diskutierten Theologen über Taufe und Papstamt (v. links): Marschler, Klausnitzer, Höfelschweiger, Nüssel und Hailer.

Es war eine kleine Sensation: 500 Jahre nach Beginn der Reformation ist in Regensburg erneut öffentlich über Themen gesprochen worden, die damals noch zur Kirchenspaltung geführt haben. Wo 1541 noch Philipp Melanchthon und Johannes Eck disputierten, diskutierten nun auf evangelischer Seite Friederike Nüssel und Martin Hailer (beide Heidelberg) und auf katholischer Seite Wolfgang Klausnitzer (Bamberg) und Thomas Marschler (Augsburg). Dabei gelang es, inzwischen erreichte Übereinstimmungen herauszuarbeiten, aber auch nicht überwundene Differenzen anzusprechen.

Der katholische Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer resümierte, es sei geradezu sensationell, dass in einem öffentlichen Rahmen ein so schwieriges Thema wie die Erbsünde diskutiert worden sei. "Wir haben uns nichts geschenkt, es ist gelungen, Differenzen offen auszusprechen, ohne übereinander herzufallen", sagte er und sprach von einem "historischen Abend", dessen Verlauf "zuversichtlich" stimme. Für das Format wünschte sich Voderholzer eine Fortsetzung.

Reformationsgedenken ist mehr als Luther-Folklore

Der evangelische Regionalbischof Hans-Martin Weiss betonte, dass das Gespräch mehr als ein Schaukampf oder Schlagabtausch gewesen sei. Er unterstrich "die Intensität und Ernsthaftigkeit", mit der diskutiert worden sei. Weiss äußerte die Hoffnung, dass von dieser Veranstaltung zum Reformationsgedenken eine nachhaltigere Wirkung ausgehe als von Luther-Bieren und Luther-Spielzeugfiguren, die er für "nette Folklore" halte, "aber nicht mehr".

Beide Theologen betonten, dass es heute zwischen den Kirchen mehr Verbindendes als Trennendes gebe. Bei der ökumenischen Verständigung könnten Religionsgespräche laut Weiss "Hoffnungsträger" sein. "Ein verheißungsvolles Format, an dem man weiterarbeiten sollte."

Die Debatte über Taufe und Papstamt erfolgte in zwei Durchläufen. Bei der Taufe gibt es mittlerweile einen breiten Konsens. Er führte 2007 zur Unterzeichnung eines Dokuments, in dem die meisten hierzulande vertretenen christlichen Konfessionen wechselseitig die Taufe anerkennen.

 

Regionalbischof Weiss, Oberbürgermeisterin Maltz-Schwarzfischer und Bischof Voderholzer.
Von der Neuauflage beeindruckt (von links): Regionalbischof Weiss, Oberbürgermeisterin Maltz-Schwarzfischer und Bischof Voderholzer.

Unterschiede treten allerdings auf, wenn es um die Frage der Sünde und Erbsünde geht. Sie hatte auch Martin Luther in tiefe Verzweiflung gestürzt. Seine Erkenntnis: Zur Anthropologie des Menschen gehöre "der Hang zum Bösen". Ein Getaufter bleibe "gerecht und Sünder zugleich", konstatierte Martin Hailer für die evangelische Seite. Der Mensch könne sich daraus nicht selbst befreien und sei zeitlebens auf Gottes Gnade angewiesen. Laut katholischem Verständnis hingegen entreißt die Taufe vollends aus den Sünden. Alle Verstrickung in Schuld werde durch die Taufe aufgehoben.

Grundlegende Differenzen bestehen allerdings bis heute beim Papstamt. Die Kirchen der Reformation lehnen ein von einer Person ausgeübtes Kirchenleitungsamt mit absoluten Rechtsbefugnissen ("Unfehlbarkeit des Papstes") ab, wie es die katholische Kirche 1870 auf dem Ersten Vatikanischen Konzil als Dogma verkündet hat.

Die katholische Seite räumte ein, dass das Papstamt sich nicht direkt aus der Bibel ableiten ließe. "Das Papstamt ist kein Stiftungsakt, sondern ein geschichtlicher Gründungsprozess", sagte Klausnitzer. Ihmzufolge wäre viel gewonnen, wenn auf protestantischer Seite eine Diskussion darüber einsetzte, ob es sich dabei nicht um eine evangeliumsgemäße und legitime Traditionsbildung handle.

Die evangelischen Theologen deuteten an, dass der Papst möglicherweise als so etwas wie der Sprecher der ganzen Christenheit verstanden werden könnte. Seine Befugnisse dürften aber nicht die Gleichheit und Würde aller Gläubigen beeinträchtigen. "Ein Ehrenprimat ginge in der evangelischen Kirche nur ohne juristische Sondervollmachten", erklärte Hailer.

 

»Es kommt ganz darauf an, was mit 'Primat' gemeint ist«, die Behauptung einer päpstlichen Unfehlbarkeit in Lehrfragen lässt sich jedenfalls nicht aus der Bibel ableiten: die Disputation zum Thema »Papstamt« beim Regensburger Religionsgespräch 2017.
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