2.06.2017
Deutsch-russische Tage in Bayreuth

Wie die Reformation in Russland gefeiert wird

Bei den deutsch-russischen Tagen im Mai in Bayreuth ging es vor allem um internationale Wirtschaftsbeziehungen - aber auch um die lutherische Kirche in Russland. Warum das 500. Reformationsjubiläum dort nicht so groß gefeiert wird, erklärte der russische Erzbischof Dietrich Brauer.
Erzbischof Dietrich Bauer (Mitte) mit dem katholischen Pater Stephan Matula (Bayreuth, links) und dem evangelischen Goldkronacher Pfarrer Hans-Georg Taxis beim Segensgebet.
Unter Humboldts Augen: Erzbischof Dietrich Bauer (Mitte) mit dem katholischen Pater Stephan Matula (Bayreuth, links) und dem evangelischen Goldkronacher Pfarrer Hans-Georg Taxis beim Segensgebet.

Eigentlich ist es ein Weihnachtslied, aber es ist gleichzeitig auch eines der bedeutendsten Lieder Martin Luthers und ein Lied mit einer zutiefst evangelischen Botschaft: "Vom Himmel hoch, da komm ich her". Der Titel des Lieds war gleichzeitig auch das Motto für ein außergewöhnliches Konzert in der Bayreuther Stadtkirche mit zeitgenössischen und klassischen Kompositionen sowie Lyrik russlanddeutscher und deutscher Poeten. Veranstalter war der Internationale Verband der deutschen Kultur, der Anlass war der 500. Jahrestag der Reformation.

In einer Zeit der großen Verunsicherung ist die frohe Botschaft des Luther-Lieds wichtig und zeitlos, sagte Stadtkirchenpfarrer Martin Kleineidam. "Vom Himmel hoch" stehe aber auch für deutsches Kulturgut mit völkerverbindendem Charakter. Genau das bestätigte auch Olga Martens, erste stellvertretende Vorsitzende des Internationalen Verbands der deutschen Kultur: "Der Glaube hat uns geholfen, unsere Identität als Deutsche zu erhalten."

Das Reformationsgedenken sei eine wichtige Brücke zwischen Deutschland und Russland, sagte Hartmut Koschyk, Bayreuther CSU-Bundestagsabgeordneter und Bundesbeauftragter für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. "Der christliche Glaube ist, war und bleibt eine ganz wichtige Stütze für die Identität der Russlanddeutschen." Besonders hob Koschyk hervor, dass das Reformationsgedenken auch in Russland im ökumenischen Geist gefeiert werde, sowohl mit der katholischen, als auch mit der russisch-orthodoxen Kirche.

Nach 1917 endete das lutherische Leben in Russland

Bereits zu Lebzeiten Martin Luthers war in Moskau die erste protestantische Kirche entstanden. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte es in Russland vier Millionen Lutheraner und rund 2000 Lutherkirchen gegeben. Mit der Revolution 1917 wurde das lutherische Leben verboten, die Kirchen wurden abgerissen oder als Getreidelager, Viehställe und Clubs genutzt.

Eindrucksvoll werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der lutherischen Kirchen in Russland mit einer Ausstellung dokumentiert, die noch bis Pfingstsonntag (4. Juni) in der Bayreuther Stadtkirche zu sehen ist. Die Gemälde waren im Rahmen eines großangelegten Projekts entstanden, das durch den Internationalen Verband der deutschen Kultur realisiert wurde. Das "Art-Laboratorium russlanddeutscher Künstler" hatte im zurückliegenden Jahr eine Expedition ins Wolgagebiet unternommen und Anfang des laufenden Jahres die Großstädte besucht. Das "Art-Laboratorium" gehört zur Künstlervereinigung der Russlanddeutschen, die mit Unterstützung des Internationalen Verbands der deutschen Kultur gegründet wurde.

In Russland werde das 500. Reformationsgedenken allerdings vom Gedenken an die Oktoberrevolution vor 100 Jahren überschattet. Darauf hat der Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, Dietrich Brauer, bei der Eröffnung des Goldkronacher Kultursommers hingewiesen. "Unsere Kirche erlebte in der Folgezeit einen echten Völkermord. Leider wird er nicht so genannt, aber es war ein echter Völkermord", sagte Brauer am Himmelfahrtstag in der evangelischen Stadtkirche von Goldkronach im Dekanat Bayreuth-Bad Berneck.

Deutsche Minderheit in Russland im Blick

Ein Gemeindeleben habe es nach der Oktoberrevolution nicht mehr gegeben, erinnerte der Theologe, der 2011 mit damals 28 Jahren als einer der jüngsten Bischöfe einer lutherischen Kirche gewählt worden war. Kirchen seien abgerissen oder geschändet, Pastoren und Kirchenvorstandsmitglieder hingerichtet worden. Erst vor rund zweieinhalb Jahrzehnten sei die lutherische Kirche in Russland wieder entstanden. Wenn auch die Religion längst nichts Selbstverständliches mehr sei, hätten die Menschen das Evangelium als frohe Botschaft inmitten aller schlimmen Nachrichten nötiger denn je, sagte Brauer, seit zwei Jahren Erzbischof der beiden lutherischen Diözesen Europäisches Russland (ELKER) und Ural, Sibirien und Ferner Osten (ELKUSFO). Er sprach sich zugleich für einen verstärkten interkonfessionellen Dialog vor allem mit der russisch-orthodoxen Kirche aus.

Neben diesen beiden Veranstaltungen wurde drei Tage lang bei der 22. Sitzung der Deutsch-Russischen Regierungskommission für die Angelegenheiten der Russlanddeutschen internationale Politik in Bayreuth gemacht. So begrüßten beide Seiten den Fortgang der im zurückliegenden Jahr wiederaufgenommenen Arbeit an einem neuen Abkommen über die Zusammenarbeit zwischen der deutschen und der russischen Regierung zur Förderung der Russlanddeutschen in der Russischen Föderation.

Dazu gehöre auch die im April erfolgte Gründung der neuen Assoziation "Kultur- und Geschäftszentrum der Russlanddeutschen in Kaliningrad" durch die Selbstorganisation als wichtigen ersten Schritt hin zu einer nachhaltigen ethnokulturellen Arbeit der dortigen Angehörigen der deutschen Minderheit.

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