24.02.2021
Pflege

"Wir vergraulen unseren Nachwuchs": Pflege-Azubis fühlen sich in der Corona-Krise häufig alleingelassen

Beim Umbau der Lehrinhalte für die neue generalistische Pflegeausbildung blieb kein Stein auf dem anderen. Eine Kraftanstrengung für die Schulen. Als es nach zäher Vorbereitung endlich losgehen sollte, kam Corona. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Als die Bundesminister Jens Spahn (CDU) und Franziska Giffey (SPD) jüngst vorschlugen, wegen akuter Personalnot Pflege-Azubis für Corona-Schnelltests in Heimen heranzuziehen, reagierte die Branche mit Entsetzen: Ausbildung habe Vorrang vor Hilfsarbeiten in Heimen. Und es gab deutliche Hinweisen auf ein arg erschwertes Lernumfeld in Pandemie-Zeiten.

"Seit Beginn der Pandemie haben sich die Bedingungen in der generalistischen Pflegeausbildung per se erschwert. Der theoretische Unterricht findet digital statt, die Inhalte sind umfassender und die Praxisanleitung hat nicht den Rahmen, den sie haben müsste", sagt Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerates. Azubis hätten keine Zeit für Aushilfsjobs in Heimen:

"Wir vergraulen unsere Zukunft, indem wir den Nachwuchs heillos überfordern."

Für die Generalistik mussten sich größere Schulverbünde finden, Lehrpläne sind taufrisch, viele Dozentinnen noch unerfahren. Ziel ist es, die getrennten Ausbildungen in der Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege in einer Schulung zusammenzuführen - das fordert jedoch den Nachwuchs weitaus mehr als in der Vergangenheit.

Für Carsten Drude, Geschäftsführer der Franziskus Gesundheitsakademie Münster, hat der Start der Generalistik bundesweit ganz gut geklappt. Zwar gebe es gelegentlich noch Verbesserungsbedarf, aber die Schulen hätten die Kurse unter hohem Zeitdruck meist pünktlich zum Laufen gebracht, berichtet Drude, der auch Vorsitzender des Bundesverbandes Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe ist.

Ausbildung in der Pflege

Aber: "Die Pandemie bleibt eine tägliche Herausforderung", berichtet der Fachmann. Probleme bereiteten die permanente Umstellung der Einsatzpläne für die Azubis - immer dann, wenn in Einrichtungen Infektionen auftreten und alle Planungen über den Haufen werfen. Dann würden Abteilungen geschlossen oder zusammengelegt, in denen Azubis arbeiten sollten. Drude:

"Das flexible Reagierenmüssen ist der Knackpunkt."

Die außergewöhnlichen Belastungen gingen an den Azubis nicht spurlos vorüber. Rückmeldungen von den Mitgliedsschulen des Verbandes deuteten auf eine Abbrecherquote von etwa zehn Prozent hin. Aber Drude gibt auch zu bedenken: Gescheiterte Ausbildungen habe es schon immer gegeben.

Es gibt Hinweise zu möglichen Gründen: Auszubildende fühlen sich während der Corona-Krise häufig hilflos und alleingelassen. Sie erleben gestresste Pflegefachpersonen und weniger Anleitung. Das sind Ergebnisse einer Umfrage des Diakonischen Bildungszentrums (DBZ) Bergisch Land, die dem Portal "BibliomedPflege" vorliegen.

Im Zeitraum Oktober 2020 und Januar 2021 hat das DBZ 136 Azubis gefragt, wie sie ihre praktische Ausbildung während der Pandemie erleben. 94 Azubis beteiligten sich an der Online-Umfrage. 13 Prozent gaben an, ihre Praxisanleiter während der Pandemie überhaupt nicht gesehen zu haben. 21 Prozent hatten regelmäßigen Kontakt. Im Ergebnis fühlt sich der Nachwuchs auf einer Skala von eins bis fünf nur mittelmäßig betreut.

Ausbildung in Corona-Zeiten

Befragt man die Verantwortlichen bei den Trägern und in den Schulen über die Ausbildung in Corona-Zeiten, ergibt sich ein ambivalentes Bild. Die fast zeitgleich mit der Einführung der Generalistik nötigen aufgetretenen Corona-Einschränkungen "haben sich sehr negativ auf den Beginn der generalistischen Pflegeausbildung ausgewirkt", berichtet Karin Wolff, die Pädagogische Leiterin der St. Hildegard Akademie in Berlin.

"Der Einsatz ist auf einigen Stationen, Wohn- oder ambulanten Bereichen gar nicht möglich, um die Gesundheit der Auszubildenden nicht zu gefährden."

Folge sei gewesen, dass an anderen Einsatzstellen Azubis vermehrt eingesetzt werden mussten - was sich wiederum negativ auf die Organisation und die Praxisanleitungen auswirkte: "Weil auch in der Schule kaum Präsenzunterricht möglich war, war ein Tausch von Theorie- und Praxiseinsätzen nicht möglich."

Beim kirchlichen Träger Diakoneo in Neuendettelsau habe man die Reform gut gemeistert, sagt Sprecher Markus Wagner: "Die Anzahl der Auszubildenden, die die Ausbildung während der Probezeit beendet haben, ist gering und liegt im vergleichbaren Rahmen der Vorjahre." Und: Die Rückmeldungen des Nachwuchses seien grundsätzlich positiv. Die Azubis "sind sehr zufrieden".

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