21.08.2020
Psychologie

In der Corona-Krise droht das Burn-out-Risiko anzusteigen: Therapieplätze sind rar

Am Anfang versuchen die meisten noch, sich innerlich einen Ruck zu geben: "Es wird schon gehen!" Bis irgendwann nichts mehr geht. Das Gefühl, ausgebrannt zu sein, das kann in der Corona-Krise schneller kommen, sagen Experten.
Burnout Muedigkeit

Menschen, die einen Burn-out haben, können eine Depression entwickeln oder körperlich zusammenzubrechen. "In den aktuellen Corona-Zeiten ist diese Gefahr auf besondere Weise gegeben", sagt Heilpädagogin und Burn-out-Beraterin Gabriele Dorrer, die in Würzburg zwei Selbsthilfegruppen für Menschen mit Burn-out leitet.

Bei all jenen, die sich nur noch mit der Arbeit quälen, die keinen Sinn mehr sehen in dem, was sie tun, und noch dazu das Gefühl haben, nichts mehr frei entscheiden zu können, sollten stets die Alarmglocken schrillen, meint Dorrer. Die Corona-Pandemie verschärft alle drei Faktoren.

Arbeitnehmer, die gezwungen sind, im Homeoffice zu arbeiten, daheim allerdings keinen angemessenen Arbeitsplatz haben, können stark unter dem Gefühl von Einengung leiden. Kommunikative Menschen, denen direkter Kontakt mit Kollegen wichtig ist, haben plötzlich das Gefühl, völlig abgeschnitten zu sein. Allein die Tatsache, dass plötzlich nichts mehr ist wie sonst, kann stark unter Stress setzen: Man weiß nicht, wie man das Neue, das Corona beschert hat, bewältigen soll.

Burn-out und Corona: Aktuelle Situation führt zu Verschlechterung des Zustands

Fachleute sprechen dabei von "Veränderungskrisen". Vor allem Menschen, denen es schon vor Corona seelisch nicht gutging, klagen bei Dorrer, dass sich ihre Situation nun noch mal verschlechtert hat. Das betraf zum Teil auch jene 16 Männer und Frauen, die bereits einen Burn-out hinter sich haben, und nun in den von ihr angeleiteten Selbsthilfegruppen versuchen, das Geschehene zu verarbeiten.

Menschen, die in einem Pflegeheim arbeiten, die Klienten in Krisen beraten oder sich in ihrer eigenen Familie um Kranke kümmern, sind in der Corona-Krise besonders gefährdet, sich zu überlasten. "Überall dort, wo in sozialen Beziehungen Leistung erbracht werden muss, kann die Arbeit an die Erschöpfungsgrenze bringen", bestätigt Robert Doerr, Chefarzt des Fachzentrums für Psychosomatische Medizin der Schön Klinik Berchtesgadener Land.

Noch sind in seiner 140-Betten-Abteilung keine "Corona-Fälle" aufgetaucht: "Dafür ist es zu früh." Doch spätestens, wenn eine zweite Welle kommt, werde sich die Klinik füllen, erwartet er. Das Burn-out-Risiko hänge nicht unbedingt davon ab, ob man täglich acht Stunden oder sogar länger arbeiten muss. Doerr stimmt mit Gabriele Dorrer darin überein, dass dem Faktor "Zufriedenheit" eine hohe Relevanz zukommt: Menschen, die extrem unzufrieden mit ihrer aktuellen Situation sind, können sehr rasch ausbrennen.

Zweite Corona-Welle: Burn-out-Gefahr könnte steigen

Beschäftigte allerdings, die jetzt in der Corona-Zeit beruflich stark gefordert sind und darin auch einen Sinn sehen, könnten trotz eines hohen Arbeitspensums gesund bleiben. Sollte es im September oder Oktober eine zweite Corona-Welle geben, werde jedoch die Burn-out-Gefahr steigen, prognostiziert Doerr. "Noch schöpfen viele Menschen aus einem Kraftreservoir, doch diese Kräfte werden bald aufgebraucht sein", erläutert der Psychiater.

Doerr denkt vor allem an Mütter, die in den letzten Monaten vielfach belastet waren und mit Homeoffice, Homeschooling und womöglich noch häuslicher Pflege unter immensen Druck gerieten. Viele hätten es geschafft, die Herausforderungen zu meistern. Ob das bei einem erneuten Anstieg des Infektionsgeschehens noch mal so gut gelingen wird, erscheint fraglich. Übersteigt das Geforderte die Kräfte, bleibt den Betroffenen nichts anderes übrig, als sich aus der krank machenden Situation herauszuziehen und sich behandeln zu lassen.

 

Therapieplätze für Burnout sind rar

Doch Therapieplätze sind rar, sagt Doerr: "Auch wir haben Wartezeiten von mehreren Wochen bis zu mehreren Monaten." Angesichts der hohen Zahlen an Menschen, die psychisch erkranken, bräuchte es mehr ambulante und stationäre Therapieplätze: "Doch wir hätten für einen Ausbau derzeit ja nicht einmal die Fachleute." Letztlich sei es aber auch kritisch zu sehen, dass Kliniken auffangen sollen, was in der Gesellschaft und der Arbeitswelt schiefläuft.

Laut Doerr kommt es nahezu nie vor, dass "seine" Burn-out-Patienten erzählen, sie seien von ihrem Vorgesetzten auf ihr Befinden angesprochen worden: "In den Betrieben wird kaum aktiv nach psychischem Stress geschaut." Dabei sind Arbeitgeber auf Basis des Arbeitsschutzgesetzes seit einigen Jahren zu einer "Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung" verpflichtet.

Ausfallkosten: 70 Milliarden Euro kostet Burn-out jährlich

Burn-out und andere psychische Krankheiten verursachen hohe Kosten. So weist das von den Ärzten Alexander Hierl und Christian Burghardt gegründete "Burn-out-Diagnostik Institut" in München darauf hin, dass durch Burn-out Ausfallkosten in der Produktion von jährlich über 70 Milliarden Euro entstehen. Gute Arbeitgeber achten deshalb darauf, wie es ihren Beschäftigten geht, und verweisen auf Hilfsangebote.

Dass die aktuelle Lage seelisch angeschlagene Menschen besonders belasten kann, weiß Alix Veh vom Paritätischen Wohlfahrtsverband in Bayern: "Bei uns im Landesverband wurde der Fall eines Mitarbeiters bekannt, dessen psychisches Leiden sich unter dem Eindruck von Corona deutlich verschärfte." Insgesamt sei die Arbeitsbelastung stark gestiegen: "Doch gerade bei jenen unserer Beschäftigten, die in der Sozialpolitik unmittelbar mit der Bewältigung der Krise befasst sind, wurden bislang keine Fälle bekannt, die zu einem Burn-out im Sinne eines Erschöpfungssyndroms geführt hätten."

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Fränkische Mundart

Johann Müller
Autor
Launige Alltagsbetrachtungen aus dem Steigerwald, verklärte Verse über die verloren gegangene Unbekümmertheit der Jugend und bissige bis nachdenkliche Analysen des Zwischenmenschlichen - all dies gehört seit Jahren zur "Gschicht" von Liedermacher Johann Müller. Und seit zwei Jahren eben auch Depression und Burn out, von denen der 57-Jährige bei seinem ersten Konzert nach langer Krankheitspause in Gnodtstadt freimütig erzählte.