1.12.2020
Welt-Aids-Tag

HIV-Pandemie gerät wegen Corona aus dem Blickfeld: Ein Betroffener aus Unterfranken erzählt seine Geschichte

Die Diagnose reißt den jungen Philipp vor sechs Jahren aus seinem bisherigen Leben: HIV positiv. Der junge Mann hatte Glück: Seine Infektion wurde früh entdeckt, er wird seither behandelt und hat den tödlichen Virus deshalb gut im Griff.

Als Philipp vor etwas mehr als sechs Jahren eine Hausarztpraxis aufsucht, denkt er nicht im Traum an solch eine Diagnose.

Er hat Probleme mit der Haut und sein Allgemeinbefinden ist seit einiger Zeit nicht so gut. Auch als die Ärztin ihm nicht einfach bloß eine Creme verschreibt, sondern einen HIV-Test macht, hat Philipp noch keine Vorahnung. 

Die Diagnose: HIV positiv

Einige Tage später steht das Testergebnis fest, und für den damals 24-Jährigen bricht eine Welt zusammen: HIV positiv. Seit sechs Jahren lebt der Mann aus Unterfranken mit dem tödlichen Virus. "Heute geht es mir gut", sagt Philipp.

Bis heute weiß Philipp nicht genau, wann und wo er sich mit dem Virus infiziert hat. Aber eine Vermutung hat er. Anfang des Jahres 2014 besucht er eine Schwulensauna in Frankfurt am Main.

"Klar bin ich aufgeklärt worden, aber mir war in diesem Moment nicht klar, dass ich ein Risiko eingehe", erinnert er sich. Philipp hat mit einem Mann Sex, den er nicht kennt und danach nie wieder sieht.

Ein halbes Jahr später, im August, erhält er seine Diagnose. "Ich war dumm, ich war naiv, ich habe nicht aufgepasst: "Die Frage nach dem Warum begleitet mich jetzt mein Leben lang."

HIV-Infektionen: Aktuelle Situation in Deutschland

In Deutschland leben nach aktuellen Schätzungen rund 90.000 Personen, die HIV positiv sind, davon sind gut 80 Prozent Männer. Dazu gehören die gut 90 Prozent, die von ihrer Infektion wissen, sagt Michael Koch, der Leiter der HIV- und Aids-Beratungsstelle Unterfranken der Caritas.

Aber eben auch eine Dunkelziffer von rund zehn Prozent: "Das sind Menschen wie Philipp vor sechs Jahren, die sich angesteckt haben, das aber nicht ahnen." Dass die Infektion bei dem jungen Mann schnell entdeckt wurde, sei sehr erfreulich: "Manchmal dauert das auch viele Jahre."

Genau das ist auch das Problem, warum die HIV-Infektionszahlen seit Jahren zwar leicht sinken, aber nicht gegen Null gehen. Denn die unwissend Infizierten geben das Virus weiter. Bei Philipp etwa ist das fast ausgeschlossen.

Die Antiretrovirale Therapie - Behandlung der Infektion

Er macht eine Antiretrovirale Therapie (ART), täglich nimmt er Tabletten, die die Vermehrung des Virus beinahe völlig blockieren. Alle drei Monate wird bei einem Check überprüft, wie hoch die Zahl der HI-Viren ist.

"Sie sind eigentlich nicht mehr nachweisbar", sagt Philipp. Und das heißt, dass er das tödliche Virus momentan nicht mehr weitergeben kann.

Diese medizinischen Fortschritte sind Fluch und Segen zugleich. Sie ermöglichen HIV-Infizierten ein normales Leben mit einer ganz normalen Lebenserwartung. Aber sie nehmen dem tödlichen Virus auch in gewisser Weise den Schrecken. 

Weltweit Millionen Tote infolge einer Aidserkrankung

"Die schlimmen Bilder von Aids-Kranken aus den 1980er Jahren, die kennt heute kaum noch jemand - vor allem nicht die jüngeren Menschen", sagt Koch.

Das HI-Virus verschwinde immer mehr aus dem öffentlichen Blickfeld. Dabei ist HIV und die Folgekrankheit Aids weltweit nach wie vor eine pandemische Seuche mit Millionen Toten weltweit.

Das liegt auch daran, dass Millionen Betroffener weltweit nicht den gleichen Zugang zu Medikamenten haben wie etwa Philipp. Durch die ART kann er ein normales Leben ohne Einschränkung führen - zumindest auf den ersten Blick.

Ein ganz normales Leben?

Denn außer der Familie und engen Freunden wissen nur wenige von der Infektion. Das hat nicht nur Auswirkungen auf sein Sexualleben, aber vor allem darauf.

Einen Partner hatte er seit 2014, "weil ich von Anfang an offen und ehrlich sein will". Ob es einfach nur nicht geklappt hat, oder er sich wegen HIV nicht mehr traut? Philipp schweigt.

Und dann sagt Philipp doch etwas, aus dem man heraushört, wie schwer der seelische Ballast sein muss: "Ich wünsche mir, dass die Menschen entspannter mit HIV-Infizierten umgehen."

Und es brauche mehr Aufklärung, dass eben HIV nicht automatisch Aids bedeute und eben nicht mehr zwangsläufig tödlich ende.

Gerade die Aufklärungsarbeit ist durch die Corona-Pandemie momentan stark beeinträchtigt, sagt Beratungsstellenleiter Koch: "Und auch unsere Klienten können teilweise nicht mehr zu uns kommen. Wir beraten jetzt eben vermehrt online und per Telefon."

Verknüpfungen zwischen HIV und Covid-19

Es gebe auch noch weitere Verknüpfungen zwischen HIV und Covid-19, sagt Koch. Denn nur wegen der Erkenntnisse aus der jahrzehntelangen HIV-Grundlagenforschung sei es nun möglich gewesen, in so kurzer Zeit Corona-Impfstoffe zu entwickeln.

Und: Wie auch Corona sind sich Forscher heute weitgehend einig, dass HIV eine "Zoonose" ist, also ein Erreger, der seinen Ursprung im Tierreich hat und irgendwann auf den Menschen übergesprungen ist: "Auch wenn Corona gefährlich ist: HIV ist nicht so ansteckend - aber es ist ohne Behandlung sicher tödlicher", sagt Koch. 

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