28.06.2020
"Nicht instrumentalisieren lassen"

Über den "Memminger Freiheitspreis 1525" und die Bedeutung der Zwölf Bauernartikel

Das gesellschaftliche Bild von Freiheitsbewegungen hat sich nach Ansicht des Memminger Ehrenbürgers Herbert Müller in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt.
Herbert Müller
Herbert Müller, Gründungsvorsitzender des "Memminger Freiheitspreises 1525“

Während die Bauernkriege einst von der DDR hochgeschätzt und in Westdeutschland nur wenig anerkannt waren, habe man mittlerweile begriffen, "welch unglaublichen Schatz wir etwa mit den Zwölf Bauernartikeln aus dem Jahr 1525 haben", sagt der Memminger Ehrenbürger und 75-jähriger Protestant Herbert Müller, der auch Gründungsvorsitzender des "Memminger Freiheitspreises 1525" ist.

In fünf Jahren will man dort das 500-jährige Jubiläum groß feiern, nächste Woche wird der Preisträger für 2021 bekanntgegeben.

Herr Müller, welche Bedeutung haben die Zwölf Bauernartikel heute noch?

Herbert Müller: Die "Zwölf Bauernartikel" gelten als Symbol der ersten großen Freiheitsbewegung der deutschen Geschichte.

Sie haben deshalb eine besondere Qualität, weil sie erstmals Freiheit und Würde des Menschen benennen und sie mit dem Evangelium begründen.

Die grundgesetzlich verankerte Würde des Menschen gilt nicht nur für alle Staatsbürger in Deutschland, sondern beispielsweise auch für Flüchtlinge. Gerade deshalb haben sie auch heute noch eine epochale Bedeutung.

Was ist das Besondere an der Schrift?

Müller: Der Ansatz der Bauernartikel ist auf Dialog ausgerichtet, und nur in Gesprächen und im Dialog kann man Probleme lösen. Im Grunde genommen waren sie der Beginn einer Forderung, die Jahrhunderte später in den Artikel eins des Grundgesetzes mündete. Die Artikel haben eine besondere Qualität, die tragfähig und für die Zukunft der Demokratie beachtenswert ist.

Sie wurden damals in einer Auflage von rund 24.000 Exemplaren gedruckt - das war ein Sturm, der durch Deutschland fegte. Heute müssen wir eher aufpassen, dass die Artikel nicht von den Rechten instrumentalisiert werden. Deshalb müssen wir genau hinschauen, wie wir die Inhalte der Schrift und deren Bedeutung darstellen.

Sie stecken bereits in den Vorbereitungen für das Jubiläum in fünf Jahren, was sind die nächsten Schritte?

Müller: Wir werden in der kommenden Woche den nächsten Preisträger des Freiheitspreises bekannt geben, der dann nächstes Jahr verliehen wird, das ist dann schon eine erste Etappe hin zum Jubiläum.

Wir überlegen derzeit, in welcher Form wir das Jubiläum umsetzen wollen, unter anderem wird es auch ein Theaterstück dazu geben. Und wie beim 475-jährigen Jubiläum vor zwanzig Jahren wird es vermutlich übers ganze Jahr hinweg Veranstaltungen dazu geben. Demnächst werden wir dazu auch einen Aufruf starten.

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