26.04.2020
Serie "Den Glauben entdecken"

Gibt es Gott? Kann man ihn beweisen? Warum antwortet er nicht? Oder tut er es manchmal doch?

Ist Gott da? Und was wäre wenn nicht? Helmut Frank über Gottesbeweise, Stoßgebete und seine persönlichen Momente der Gottesnähe.
Gardasee Wasser Steg Berge Italien

Es war ein Campingurlaub am östlichen Ufer des Gardasees, als mir meine Tochter sagte, dass sie sich erst einmal nicht konfirmieren lassen will. Der Konfirmandenunterricht hatte eigentlich ganz gut begonnen – mit einer Konfi-Freizeit in einem evangelischen Gästehaus in den Bergen. Das Gemeinschaftserlebnis empfand sie als "unheimlich toll", vor allem weil zwei von den ansonsten härteren Jungs in einer stillen Andacht in der Kapelle weinten. Gut waren die Gespräche über Gott und Jesus, ob es Gott gibt, warum er in Jesus Christus auf die Welt kam, wozu der Glaube hilft.

Doch auf dem langen Badesteg offenbarte mir nun meine Tochter, dass sie sich eher als Buddhistin sieht. Sie ernährte sich schon einige Zeit vegetarisch und praktizierte Yoga. Im Gespräch kam heraus, dass sie den Buddhismus für den besseren Ansatz hielt, um achtsam zu leben und in der Welt Frieden zu schaffen. Ich brachte Jesus ins Spiel, der genau dies lebte und tat, aber noch einiges darüber hinaus. Meine Tochter stimmte mir zu, kam aber am Ende zu der Aussage:

Jesus ja, aber Gott – gibt es den überhaupt? Warum ist er nicht da? Warum antwortet er nicht auf Gebete?

Ich erzählte ihr eine Geschichte, die sich zehn Jahre zuvor zugetragen hatte, als sie noch ein Kind war.

Es war im Sommerurlaub 2007, im toskanischen Archipel bei Punta Ala. Lange, naturbelassene Sandstrände, Pinienwälder, bei klarem Wetter kann man die Insel Elba sehen.

Es war etwas windiger als sonst, die Brandung stärker, das Meer aufgewühlt. Man sollte die Brille beim Schwimmen nicht aufbehalten. Das wusste ich erst, als eine große Welle von rechts kam. Die Brille war weg. Was einem in diesem Moment alles durch den Kopf geht: ohne Brille kein Autofahren, ohne Auto kein Nachhausekommen.

Gibt es in Italien überhaupt Brillengeschäfte? Italiener tragen keine Brillen, ich kannte keinen Italiener mit Brille: Adriano Celentano, Berlusconi, Luca Toni – ein Volk ohne Brillen. Im Urlaub dürfen bestimmte Dinge nicht passieren. Das Auto sollte nicht kaputtgehen, der Geldbeutel mit den Plastik-Karten sollte nicht abhandenkommen – und die Brille sollte nicht verloren gehen.

Wo das passierte, war das Meer nur etwa einen Meter tief. Was macht man in so einem Moment?

Ich griff mit den Händen ins Wasser und tastete den Meeresboden ab. Nichts. Im näheren Umkreis war die Brille nicht zu sehen, es war eigentlich im Wasser überhaupt nichts zu sehen.

Eine Taucherbrille musste her. Mit einem Blick ans Ufer versuchte ich mir den Ort des Unglücks gut einzuprägen, um die Stelle später wiederfinden zu können. Von den Strandnachbarn besorgte ich mir eine Taucherbrille, zusammen mit meiner Familie beteiligte sich eine Gruppe von sechs Beachvolleyball-Spielern an der Suche.

Doch wo war das gleich noch mal? 50 oder 100 Meter weg vom Strand? Vielleicht doch etwas weiter südlich? Mit der Taucherbrille war auch nichts zu sehen. Der starke Wind und die Wellen hatten den feinen, schlammigen Sand ins Wasser vermischt, eine braune Brühe mit 0,0 Millimetern Sicht.

Nach einer Viertelstunde schickte ich die Volleyball-Spieler zurück auf ihr Feld. "Das hat keinen Sinn, danke." Doch ich selbst hatte in meiner Verzweiflung die Sache damit noch nicht aufgegeben. Ich setzte mich an den Strand und kam von dem Gedanken nicht los, dass die Brille ja irgendwo da draußen auf dem Meeresboden liegt. Könnte man am nächsten Tag suchen, wenn sich das Meer beruhigt hätte? Wahrscheinlich wäre dann das gute Stück im Sand versunken. Es muss jetzt passieren.

"Gott, bitte hilf mir jetzt!" Ein Stoßgebet. "Gott, das ist deine Chance, dich zu zeigen… Wenn es dich gibt, dann kannst du jetzt eingreifen… Natürlich soll es nicht umsonst sein. Wenn du jetzt eingreifst, dann will ich dich bekennen, bezeugen..."

Es war fast schon ein Gelübde. Ich wollte vernünftig bleiben: "Ich will dich nicht bedrängen, Gott, natürlich gibt es dich, völlig unabhängig, ob du jetzt eingreifst oder nicht. Gott, du bist größer als diese Brille, als meine vermasselte Lage."

Mit dem Blick auf das unruhige Meer wurde mir klar, wie klein die Chance ist, dass die Brille noch einmal aus dem Wasser auftaucht. Aber sie ist doch da draußen, nicht weit. "Gott, wenn das gut ausginge, es wäre ein Gottesbeweis, ein Erweis deiner Existenz!"

Mir kamen die klassischen Gottesbeweise der Theologie und der Philosophie in den Sinn.

Anselm von Canterbury (1033-1109) mit seinem ontologischen Gottesbeweis, wonach Gott existiert, weil über ihn hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Oder Thomas von Aquin (1225-1274), der den kosmologischen Gottesbeweis führte: Alles, was in Bewegung ist, wird von einem anderen bewegt; deshalb muss es einen ersten Beweger geben, der von keinem bewegt wird. Das Bewegende ist Gott.

Oder Immanuel Kant (1724-1804), der den moralischen Gottesbeweis postulierte: Wenn es keinen Gott gäbe, gäbe es für uns Menschen letztlich keinen zwingenden Grund, uns sittlich und moralisch zu verhalten.

Die klassischen Gottesbeweise sind allesamt Denkmodelle mit eklatanten Schwächen. Sie sind keine Beweise. Sie zeigen eher, dass Gott sich auf intellektuelle Weise gerade nicht beweisen lässt.

Gott ist weder die oberste Vernunft noch der erste Beweger eines vom Menschen überrissenen Systems. Gott ist ein Gott der Begegnung, der Erfahrung. Aber wo bitte zeigt er sich? Zeigt er sich in der Not? Wo ist er jetzt? "Gott, zeig dich jetzt, es ist deine Chance ..."

Eine Weile noch blieb ich am Strand sitzen und starrte aufs offene Meer hinaus, hörte dem Wind und den Wellen zu. Durch das verzweifelte Verhandeln mit Gott fühlte ich mich ihm nah, und es stellte sich ein beglückend-fatalistisches Gefühl der Geborgenheit ein. "Du wirst es schon richten, mit oder ohne Brille."

Noch einmal wollte ich hinausgehen aufs Meer. Ich versuchte mich zu erinnern, wo mir die Brille vom Gesicht gerissen wurde. Ich beobachtete die Richtung der Meeresströmung und schätzte ihre Stärke ein. Ich überschlug die Zeit, die seither vergangen war. Alle Wind- und Meeres-Daten zusammen ergaben den Bereich, in dem die Brille jetzt liegen musste. Ich watete gute hundert Schritte durch die Wellen zu der gedachten Stelle.

Ich griff ins hüfthohe trübe Wasser – bis zum Boden. Ich hatte die Brille in der Hand.

Ich konnte die Geschichte gut erzählen, weil ich sie einmal als "toskanischen Gottesbeweis" in einem Magazin zum Thema "Glück" veröffentlicht hatte. Meine Tochter hörte sehr aufmerksam zu, sie konnte sich noch an die Suchaktion im Meer erinnern. Es entspann sich eines der schönen Glaubensgespräche.

Sie hatte noch Nachfragen: warum Gott sich nicht in anderen, weit schwierigeren Situationen zeigt, ob man überhaupt mit Gott handeln darf, ob er sich wirklich nötigen lässt. Die Antwort: Ja, Gott lässt sich nötigen, aber für einen Lottogewinn sollte man besser nicht versuchen, ihn in die Pflicht zu nehmen.

Doch dann geschah etwas Unglaubliches.

Wir beschlossen, noch in der Abendsonne eine Runde im See zu schwimmen. Der schöne Ausklang eines erfüllten Tages. Ob sich meine Tochter konfirmieren lassen wollte oder nicht, war in dem Augenblick nicht mehr wichtig. Ich hatte für mich entschieden, mehr über meine Erfahrungen mit Gott und Jesus zu erzählen. Schweigend schwammen wir nebeneinanderher und ließen das Gesagte auf uns wirken.

Als wir aus dem Wasser stiegen, ein Schrei: "Oh nein, die Perle ist weg!" Den Perlenring hatte sie von ihrer Großmutter bekommen, ein Erbstück, das sie immer an sie erinnerte. Ich spürte, wie meine Brillengeschichte wertlos wurde, wie sie im Wortsinn im Meer versank. Wir suchten eine Weile im Wasser, am Ufer und an der Stelle, wo wir vom Steg aus reingesprungen waren. Meine Tochter weinte.

Die Perle war weg – und damit auch der Glaube an den Gott, der eingreift, die Hoffnung, dass er da ist, wenn man ihn braucht.

Es war aussichtslos. Eine Perle ist eben doch sehr viel kleiner als eine Brille. "Wahrscheinlich hat sie ein Fisch verschluckt, das wäre am besten", sagte meine Tochter, als sie sich die Tränen abwischte.

Wir beschlossen, noch einmal auf den Steg zu gehen, um von der Perle Abschied zu nehmen. Traurig liefen wir über die Holzplanken bis nach vorne. Da lag die Perle, genau zu ihren Füßen.

 

Wo hat sich Gott bisher in Ihrem Leben gezeigt?

Wie bewerten Sie die klassischen Gottesbeweise von Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin und Immanuel Kant? Haben Sie einen persönlichen Gottesbeweis?

Schreiben Sie es uns in die Kommentare unter diesem Artikel!

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Kommentare

Von Mutzenbauer Elisabeth am Sonntag, April 26, 2020 - 10:09

Daß wir Geistbegabt sind und ein Gewissen haben kann zu einer allgemeinen Ethik führen:So ist Kant am ehesten einsichtig auch für Zweifler

Von Rene Goeckel am Montag, April 27, 2020 - 11:41

Sie glauben tatsächlich, dass der Schöpfer eines Universums Ihnen behilflich war, Ihre Brille zu finden? Ist das nicht arg vermessen?

Von Jutta am Montag, April 27, 2020 - 21:29

In reply to by Rene Goeckel (nicht überprüft)

Ich finde das nicht vermessen. Wir sind Gottes Kinder. Und genauso wie ein Vater seinem Kind helfen würde etwas verlorenes zu finden (z.b.eine Perle) hilft Gott uns. Schließlich war die Brille auch wichtig um heil wieder nach Hause zu kommen, und welcher Vater lässt zu, dass seinem Kind etwas passiert wenn er es verhindern kann?

Von Karl-Werner am Montag, April 27, 2020 - 17:45

Es ist schon ein paar Jahre her, da verlor ich meinen Schlüsselbund. Er beinhaltete die Schlüssel für die Kirche, für den Notenschrank der Orgel, für den Spieltisch der Orgel, für das Gemeindehaus und für die Toilette neben der Kirche.
Es war aber auch ein Schlüssel für das Pfarrhaus, mit Büro und Zugang zur Wohnung des Pfarrers mit dabei.
Stundenlanges Suchen, zu Hause, im Auto auf dem Weg zur Kirche, selbst in der Kirche war vergeblich.
Am Abend "beichtete" ich diesen Verlust meinen Pfarrer.. Er sagte, dass so etwas immer mal passieren kann.
Mir war nicht wohl, und ich hatte Angst, denn mit dem Schlüssel zum Pfarrhaus hat man ja auch Zugang zur Pfarrfamilie.
Ich betete zu Jesus Christus um Hilfe und seinen Beistand. Ich wüste aber nicht wie ER mir helfen sollte und kann.
Gegen ca. 20.30 Uhr gingen wir zu Bett. Ich deckte mein Bett auf, schlug die Bettdecke zurück, nahm meinen Schlafanzug, - und da lag der Schlüsselbund unter meinem Schlafanzug.
In der Wohnung waren nur meine liebe Frau, unser Hund und ich. Keiner von uns hatte den Schlüsselbund berührt, geschweige denn ins Bett unter meinen Schlafanzug gelegt.
Zu unserer Wohnung hat niemand, außer uns Zugang. Der Bote Gottes wusste ja, dass ich mich mal schlafen lege und dabei den Schlüsselbund sehe.
Da konnte ich nur Jesus von ganzem Herzen danken für diese Hilfe.
Diesen Fund meldete ich sofort meinen Pfarrer und erzählte ihm von der wunderbaren Rettung und danke meinen Herrn und Heiland dafür.

Von Rene Goeckel am Montag, April 27, 2020 - 19:38

Herr Frank, meine Frage war nicht rhetorisch gemeint. Möchten Sie bitte darauf antworten? Als Chefredakteur dürfte Ihnen das doch nicht schwer fallen. Das gäbe doch einen interessanten Artikel ab. Nun denn, froh an's Werk.

Von Ursula Werner am Samstag, Mai 2, 2020 - 16:54

Lieber Herr Frank, ich glaub, sie hat sich konfirmieren lassen! Ich sitze hier, nach dem Lesen der Geschichte, bzw. den Erfahrungen mit den verlorenen Gegenständen, Gott, den Fundstücken - und mir laufen die Tränen übers Gesicht. Wenn sie wüsste, wie tief mich das berührt!
Ich hab ein Fundstück am Bach, an dem wir wohnen, an dem Tag, als ich mich entschied, wieder in die Kirche einzutreten, ist noch gar nicht so sehr lange her. Es hatte einen kleinen Edelstein angeschwemmt ... Es war für mich ein unendlich wichtiges Zeichen, in meinem Ringen damals, ob ich wieder eintreten soll oder nicht. Vielleicht können gerade Sie das verstehen! Danke für Ihre Geschichte!

Von Karin am Freitag, Juni 5, 2020 - 16:42

Ich habe vor vielen Jahren,meine Kinder waren noch klein es regnete leicht,an Gott gedacht.Habe gesagt,Gott ,wenn es Dich gibt ,lasse es einmal ganz doll regnen.Genau in dem Moment ,prasste es aus Kübeln.Ganz kurz.Dann ging der Regen wieder in einen leichten Niederrschlag über.Dass war für mich der Beweis,,daß Gott exestiert.

Ich bin 25 Atheist/Agnostiker und habe den Artikel aus langweile an meinem Arbeitsplatz überflogen... jetzt muss ich kommentieren...
Mir ist EXAKT das gleiche passiert als ich mit circa 12 Jahren an der Bushaltestelle saß.
Ich hatte über Religion und dergleichen nachgedacht und dann (im Erzgebirge wartet man schon mal 1 bis 2 Stunden auf den Bus) leise vor mich hingemurmelt:"Gott, wenn es dich gibt zeig mir doch einfach ein Mal, dass du da bist."
Sekundenschnell beginnt es einen warmen unbedrohlichen Schauer zu regnen was unglaublich war, weil die Wolken im fast blauen Himmel nicht nach Regen aussahen.
Die Geschichte erzähle ich immer in Verbindung mit meiner agnostischen Haltung sie ist und bleibt mein Grund kein purer Atheist zu sein und war ein einschneidendes Erlebnis in meinem Leben.
Der Logiker ruft "Zufall"
Der Romantiker "Ein Zeichen"
Der Nihilist "Belanglos"
Aber es war traumhaft.

Von Juliane am Dienstag, Juli 7, 2020 - 04:05

Was für tolle Geschichten die mir immer beweisen Gott ist da..Auch ich habe eine wunderschöne Geschichte erlebt und ich wurde Christ obwohl ich nie christlich erzogen wurde.
Gott ist da...Wie wunderbar.

Von Reinhard am Montag, August 3, 2020 - 08:34

Ich habe mich von der Kirche abgewandt,sie erscheint mir zu Unglaubwürdigt,aber die Nähe zu Gott finde ich in der Natur,da kann ich ungestört mit ihm Reden.

Von Kugel Amelie am Donnerstag, November 19, 2020 - 09:32

Man soll nicht glauben das es ihn gibt man soll glauben das er immer da war und man sollte ihn lieben und vertrauen! Nicht nur sagen das es ihn gibt!

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