31.08.2014
Seelsorge hinter Gittern

Gefängnispfarrer: "Ich möcht' ins Gefängnis"

Es faszinierte ihn schon in seiner Jugend. Damals fuhr Ralf Grigoleit, aufgewachsen in Gerolzhofen, immer wieder mal mit dem Fahrrad am nahen Jugendgefängnis in Ebrach vorbei. Viele Jahre später traf er eine Entscheidung.
Mann vor einem vergitterten Fenster

Der erste Anlauf scheiterte. Die Stelle für die Gefangenenseelsorge in Kronach "wurde mir weggeschnappt". Nach gut einem Jahr Gemeindedienst in Pocking und zwei weiteren Jahren in Selb klappte es dann. Mit 32 Jahren kam Grigoleit "hinter Gitter", wurde Seelsorger der Justizvollzugsanstalt in Bayreuth. Er ist es bis heute und will es bis zum Ende seiner Dienstzeit bleiben. Entweder man gehe nach sieben Jahren, oder man bleibe für immer, hatte ihm einmal ein Kollege gesagt.

Warum wird man Gefängnispfarrer? "Es ist ein wesentlich näheres Arbeiten mit Menschen." Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen - sie fehlen dem 55-Jährigen schon. Aufgewogen wird das Fehlen der Kasualien durch die dauerhaft begleitende Seelsorge im Gefängnis, die man mit dem Dienst im Krankenhaus vergleichen könne. "Man spürt die persönliche Nähe."

Ein Haudegen wird Jugendarbeiter

16 evangelische JVA-Seelsorger gibt es in Bayern. Zusammen mit Psychologen, Sozialarbeitern, Juristen kümmern sie sich um die menschlichen Nöte in den Haftanstalten. Vor unserem Gespräch in der Bayreuther JVA war Ralf Grigoleit mit einem Gefangenen auf der Beerdigung von dessen Vater.

Alle zwei Wochen hält der Pfarrer zwei Gottesdienste in der Justizvollzugsanstalt. Unter der Woche gibt es Gruppenangebote. Grigoleit macht Besuchsbegleitung, wenn Probleme gelöst werden sollen und, vor allem: Einzelseelsorge. Tipps bekommt er auch von Gefangenen, die ihm schon mal sagen: "Der braucht jemanden, mit dem er reden kann." Oft wird er gerufen, wenn in der Familie etwas nicht stimmt.

Die Gefangenen, sagt Grigoleit, sind "wachgerüttelt" und stünden der Religion eher offener gegenüber als viele Menschen draußen. Die Gottesdienste seien gut besucht. 920 Männer sitzen in Bayreuth ein, vom kleinen Dieb bis zum Mörder, der eine lebenslängliche Strafe abbüßt. Probleme mit seiner persönlichen Sicherheit hatte der Pfarrer bislang nicht. In 23 Dienstjahren hat er nicht eine gefährliche Situation erlebt.

Zum Glauben kam er durch seine Konfirmation, die ihn "religiös stark getroffen hat". Er, der vorher oft als "wilder Hund, als Haudegen, leicht reizbar, missgünstig" aufgetreten war, wird plötzlich ein begeisterter Jugendarbeiter. Ein neuer, junger Pfarrer war gekommen, mit dem er sich sehr gut verstanden hat, der ihm was zugetraut hat. Grigoleit wird reifer und bewusster, hält Kindergottesdienste, arbeitet mit Jugendlichen im Dekanat und erkennt schließlich: Das ist sein beruflicher Weg. Die Entscheidung fällt mit 16. "Einfach so."

Ein melancholischer Gott

Dabei wollte ihm sein Englischlehrer noch allen Wind aus den Segeln nehmen: "Sie werden nie Pfarrer werden bei Ihrer schlechten Sprachbegabung." Grigoleit ignoriert den Lehrer, studiert Theologie in Erlangen, Wien, Heidelberg und den USA und kommt auch mit Griechisch und Hebräisch mühelos zurecht.

Mit seiner Lebensgefährtin wohnt Grigoleit in Bayreuth. Er liest gerne und viel. Am liebsten moderne Literatur, Philosophie. Seine Gottesvorstellung ist die eines "melancholischen Begleiters, der Mut machen möchte und darüber lacht, wie die Menschen immer wieder über die eigenen Füße stolpern".

Das Leiden ist für den Gefängnispfarrer eine große Herausforderung. Bei den Opfern von Straftaten. "Aber ich sehe es auch in den Gesichtern von Gefangenen." Zehn Jahre will er sie noch begleiten. "Das ist kein Haftende, auf das ich zugehe. Es ist mein Leben."

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