30.08.2018
Andacht ohne Pfarrer

Laien testen neues Gottesdienst-Format in St. Martin

Seit knapp 15 Jahren ist die Martinskapelle in einem Hinterhof des Münchner Glockenbachviertels ein Erprobungsraum für spirituelle Formen. Das neueste Format ist Church ’n’ Brunch: Gemeinsam beten, zur Ruhe kommen, Kraft tanken, einander begegnen sind die Pfeiler der Andacht, die von Laien gestaltet wird.
Andacht in der Kapelle von St. Martin
Kein Pfarrer, fester Rahmen, freies Gebet: Die Andacht "Church 'n' Brunch" in der Kapelle von St. Martin.

Eine gute Stunde vor Beginn wuseln die Veranstalter durch die Räume. In der Küche brühen die einen Kaffee, schneiden Melonen auf, stellen selbstgemachte Quiches und Kuchen aufs Büffet. Tische werden eingedeckt und dekoriert. Andere sprechen im ersten Stock im Andachtsraum den Ablauf ein weiteres Mal ab, proben die ausgewählten Texte, richten die Musik ein. In einem Nebenraum bereiten die Nächsten Spiele und Bastelutensilien für Kinder vor. Die Spannung ist spürbar. Wie viele Leute werden kommen? Gelingt es, eine besinnliche Stimmung herzustellen?

Angeregt durch die Vergabe des Ehrenamtspreises der bayrischen Landeskirche an ein vergleichbares Projekt in der St.-Thomas-Kirche in Augsburg entwickelten acht Gemeindemitglieder die Idee zu Church ’n’ Brunch, der Andacht mit anschließendem Frühstück. Eine Reihe von ihnen hatte jahrelang gemeinsam Kindergottesdienste in St. Martin geleitet. An ihre Stelle ist längst die nächste "Elterngeneration" gerückt. Das Gefühl von Verbundenheit aber ist geblieben; eine Verbundenheit zu diesem Ort und zum Glauben.

Quartiersarbeit mit Gottesdienst

"Unsere Kinder sind inzwischen groß und wir dachten, wir könnten hier etwas für uns machen", beschreibt Anja Kusch die Motivation. Gesche Wendeburg sagt: "Wir wollen Menschen aus dem Viertel in diesen Ort einladen." Und Susanne Kohls meint: "Wir möchten die Gemeinde hier sichtbar machen." Dem Kirchenvorstand gefiel das Engagement auf Anhieb. Einstimmig gab er grünes Licht für Church ’n’ Brunch in St. Martin.

Frühstück nach der Andacht in St. Martin
Nach der Andacht kommen alle zum Frühstück zusammen - im Sommer lädt der begrünte Innenhof von St. Martin dazu ein.

An diesem sommerlichen Sonntag nehmen 28 Menschen im Stuhlkreis Platz. Einige sind zum ersten Mal dabei. "Für einen Augenblick halte ich ein, mitten im Trubel des Tages, schließe meine Augen und meine Ohren und bin einen Augenblick glücklich: Ich bin nicht allein. Du bist da, mein Gott! Mittendrin." Dies sind die Eingangsworte – und sie entwickeln umgehend ihre Kraft. Ruhe breitet sich aus, Besinnlichkeit, Innehalten.

Stimmgewaltig singt die Gruppe, fast jeder trägt spontan eine Fürbitte vor. Die Menschen bitten um Erholung und Erquickung in der Ferienzeit. Sie beten für die Opfer von Naturkatastrophen. Sie wünschen sich Kraft für die vielfältigen Aufgaben des Alltags. Nach einer guten halben Stunde schließt die Andacht. "Geht in die Woche mit Gottes Segen. Er wird euch begleiten und euch zur Seite stehen. Er gebe euch Kraft und Gelingen. Die Liebe sei der Maßstab für alles, was ihr tut."

Lockere Atmosphäre in der Kapelle und beim Frühstück

Hildegard war zum ersten Mal in St. Martin. Zufällig hat sie den Weg hierher gefunden. "Ich war sehr entspannt und ganz bei mir. Eine wunderbare Inspiration." Sie werde bestimmt wiederkommen, sagt sie. Christine und Wolfgang haben im Gemeindebrief von dem Angebot gelesen. "Ich hatte erwartet, dass ein Pfarrer dabei ist", sagt Christine. Gefehlt hat ihr dennoch nichts. "Mir hat die lockere Atmosphäre gefallen. Sehr angenehm", meint Wolfgang. Fast alle sind geblieben zum gemeinsamen Frühstücken. An den Tischen treffen sich alte Bekannte und Neulinge. Beim Essen kommt man ins Gespräch.

Die Veranstalter empfinden es als Herausforderung, regelmäßig Andachten zu gestalten. Schließlich sind sie keine Theologen. "Wir haben uns ein Gerüst gezimmert, das den Aufwand überschaubar hält", erklärt Stefan Kohls. Ein gleichbleibender Ein- und Ausgangstext, Psalmen, Wochenspruch und Fürbitten, unterbrochen von Liedern, die jeder kennt. Die Losungen geben die Texte vor. Auf Auslegung wird verzichtet.

"Priestertum aller Gläubigen"

"Wir praktizieren das Priestertum der Gläubigen", sagt Erich Theodor Barzen, früher ehrenamtlich Kindergottesdienstleiter und mittlerweile als Oberkirchenrat für die Finanzen der Landeskirche verantwortlich. Glauben gemeinsam erfahren, sich austauschen an einem Ort von starker spiritueller Ausstrahlung: das bietet Church ’n’ Brunch.

Veranstaltungs-Tipp

Church 'n' Brunch in St. Martin

Die nächsten Termine für die Andacht "Church ’n’ Brunch" sind am 16. September, 11. November und 9. Dezember jeweils um 11.45 Uhr in St. Martin, Arndtstr. 8 (Rückgebäude), München.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Meditation und Begegnung

Andreas Ebert und Dorothea Hahn
Schweigen. Reden. Handeln: Als Anlaufstelle der geistlichen Übung und Begegnung hat die Landeskirche 2004 das Spirituelle Zentrum St. Martin gegründet. In diesem Jahr feiert die Münchner Einrichtung zehnjähriges Bestehen. Ein Geburtstagsgespräch mit dem Leiter Andreas Ebert und der Vereinsvorsitzenden Dorothea Hahn.
Sonntagsblatt