24.05.2020
Evangelische Morgenfeier

Predigt: Der Mensch im Garten (Hld. 4, 12 – 15)

"Im Garten ist es wie in der Liebe: Er will geschützt und umhegt werden wie sie. Es könnte aber auch umgekehrt sein: Vielleicht ist die Liebe ein Garten? Um den sich Liebende gemeinsam bemühen, weil er ihnen alle Mühe wert ist. Bei der Gartenarbeit gehört es dazu, auf den Knien zu jäten, und wenn man mit dem Beet als Ganzes fertig ist, fängt man wieder von vorne an." Evangelische Morgenfeier von Pfarrer Eberhard Hadem aus Roth.
Haus mit Garten

Der Garten beim Pfarrhaus, in dem ich lebe, ist für mich ein Refugium, ein Rückzugsort. Ich spüre mehr als dass ich verstehe, wie alles wächst und lebendig ist. Über Pflanzen weiß ich wenig. Ich kann es mir auch kaum merken. Meine Frau hat einen grünen Daumen, wie man so sagt. Wenn ich etwas wissen will, frage ich sie. Einige Pflanzen mit winzig kleinen Wurzeln standen erst eine Zeitlang in einem Wasserglas am Küchenfenster – heute sind sie Sträucher voller Blüten und machen den Garten bunt. Hier komme ich zur Ruhe, ein Ort zum Nachdenken und Atemholen.

Manchmal sitze ich auf einem Stuhl auf unserer Terrasse, hebe meinen Blick vom Buch, in dem ich lese, nach oben über Hecke und Bäume hinweg, sehe Falken und Tauben am Kirchturm, höre die Glockenschläge. Die Nachbarskatze schleicht über die Wiese auf der Suche nach Futter; vermutlich treibt sie eher ihr Jagdinstinkt an, denn mager schaut sie nicht aus.

Mein Im-Garten-Sein hat sich verändert. Als Kind und Jugendlicher ‚musste‘ ich im Garten arbeiten. Neben den Obstbäumen hatten wir einen großen Gemüsegarten, der ziemlich pflegeintensiv war. Alles umzäunt von einer Hecke, die auch zu schneiden war. Was innerhalb des Gartens nicht gleich an Gemüse frisch auf den Essenstisch kam, wurde durch Erhitzung eingekocht, also für lange Zeit haltbar gemacht; das kennen heute nur noch wenige.

Aus Obst wurde Marmelade und Gelee eingemacht. Alles für den Winter oder falls es mal wirtschaftlich nicht gut läuft. Die Erfahrung des Krieges und drohende Armut haben meine Eltern und Großeltern geprägt. Sie waren nicht bettelarm, aber eine lange Zeit haben sie mit wenig Hab und Gut gelebt. Hart arbeiten und sich möglichst selbstständig versorgen zu können, war deshalb ein erstrebenswertes Ziel.

Meine Freunde dagegen haben direkt neben unserem Garten Fußball auf der Wiese gespielt. Mit der Schaufel in der Hand waren meine Augen und Ohren oft bei ihnen – bis mein Vater mich ermahnte, 'nicht einzuschlafen', wie er es nannte. Mein Grundgefühl als Jugendlicher war, dass der Garten mich vom Leben abhält. Das eigentliche Leben war da draußen. Der Garten bedeutete für mich Enge. Ich habe meinen Beitrag zur Gartenarbeit eher abgeleistet. Vielleicht war er manchmal mit Freude verbunden; manche Erinnerung trügt einen ja auch. Aber viel deutlicher erinnere ich mich an die Freude, wenn die Aufgabe erledigt war. Nichts klang schöner als diese Worte: Ja, du darfst…das Wort gehen habe ich meistens schon nicht mehr gehört.

Nicht das Auge, sondern der Mensch sieht

Später, als junger Student wurden Städte mein Zuhause. Das Quirlige und Neue an ihnen, ihre Offenheit und ihre Anonymität habe ich geliebt. Heute, einige Jahrzehnte später, ist es wieder anders. Durch die große Kastanie im Vorgarten ist es im Haus weitgehend kühl, was im Hochsommer sehr angenehm ist. Wenn ich dann den Garten betrete, ist es, wie wenn ich aus einem dunklen Wald heraus eine Lichtung betrete. Ich erlebe körperlich, wie das Sonnenlicht wandert, allmählich alles durchdringt oder sich verbirgt, weil es sich an den Ästen, Zweigen und Blättern bricht. In den Städten mit ihren großen Gebäuden dagegen fällt das Sonnenlicht durch die großen Fenster in die Häuser und Büros hinein und bewegt sich nicht. Es ist einfach nur da. So leblos wie indirekte Beleuchtung, von kaltem Neonlicht gar nicht zu reden.

Nur was lebendig ist, was sich entfaltet und bewegt, bringt etwas in Schwingung in mir, weckt Resonanz. Deshalb sitze ich heute so gerne im Garten und spüre auf der Haut, wie die Sonne mit ihrer Wärme weiterwandert, wie mich der Garten dem Leben näher bringt. Heute nehme ich auch viel mehr wahr, was im Garten wächst. Der Architekturphilosoph Hugo Kükelhaus sagt: Nicht das Auge, sondern der Mensch sieht.[i]

Ich sehe die Blumen in ihren Farben und Formen. Ich rieche, wie sie duften. Ich berühre die Erde, die Zweige, die Blätter. Ich nehme den freien Raum wahr, in dem ich mich bewege. Ich fühle die Wiese, ihre Weichheit, den Wind auf der Haut. Meine Frau ist glücklich, wenn ich die ersten zarten Pflänzchen der Primeln vom Gras unterscheiden kann und beim Rasenmähen nicht gleich mitumbringe. – Früher waren meine Augen und Ohren außerhalb des Gartens. Heute ist es anders: Im Garten bin ich.

Im Hohenlied der Bibel, jenem zärtlichen Gesang, der Liebende verbindet, spricht der Freund von der Geliebten:

Ein verschlossener Garten ist meine Schwester, meine Braut, ein verschlossener Brunnen, ein versiegelter Quell. Aus dir gehen hervor ein Hain von Granatbäumen mit köstlichen Früchten, Hennasträucher samt Nardenkräutern, Narde und Safran, Gewürzrohr und Zimt samt allen Weihrauchhölzern, Myrrhe und Aloe samt allen besten Balsamsträuchern, ein Gartenquell, ein Brunnen lebendigen Wassers, Bäche vom Libanon. (Hld. 4, 12 – 15)

Und die Geliebte antwortet ihrem Freund:

Nordwind wach auf, und Südwind komm! Weh durch meinen Garten! Seine Balsamdüfte sollen verströmen! In seinen Garten komme mein Geliebter und esse seine köstlichen Früchte. (Hld. 4, 16)

Die fünf Sprachen der Liebe

Im Garten ist es wie in der Liebe: Er will geschützt und umhegt werden wie sie. Es könnte aber auch umgekehrt sein: Vielleicht ist die Liebe ein Garten? Um den sich Liebende gemeinsam bemühen, weil er ihnen alle Mühe wert ist. Bei der Gartenarbeit gehört es dazu, auf den Knien zu jäten, und wenn man mit dem Beet als Ganzes fertig ist, fängt man wieder von vorne an. Dennoch würden weder Gärtnerin noch Gärtner ihre Mühe mit einer ungeliebten Arbeit vergleichen. Doch ohne ihre Mühe würde der Garten nicht blühen. Und ohne die Mühe der Geliebten würde auch die Liebe zwischen ihnen nicht blühen.

Kennen Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, die ‚Fünf Sprachen der Liebe[ii]‘? Es sind die Sprache der Anerkennung, die Sprache der gemeinsam geteilten Zeit, des Geschenks, der praktischen Hilfe und die Sprache des Körperkontakts. Menschen in Beziehungen sprechen in diesen fünf verschiedenen Sprachen miteinander – leider nicht immer in derselben Sprache. Der eine Teil wünscht sich mehr Anerkennung, das wäre die Sprache der Liebe, die er versteht.

Der andere Teil wünscht sich mehr Körperkontakt, was aber den ersten nicht unbedingt glücklich macht. Nicht jede und jeder muss alle Sprachen beherrschen. Aber voneinander wissen, in welcher der fünf Sprachen der andere besonders gerne spricht und was meine eigene Lieblingssprache ist, ist bereits viel. Dann hilft es, nicht gekränkt zu sein, wenn der andere sich statt Blumen oder größerer Geschenke mehr praktische Mithilfe im Haushalt wünscht. 

Die Grenze – ein Paradies?

In der Liebe wie im Garten ist die Sehnsucht groß, das Paradies zu erleben. Viele stellen es sich vor wie den Garten Eden, wie eine ursprüngliche Welt voller Schönheit und Harmonie. Die Bibel erzählt es anders. Nach ihr ist der Paradiesgarten ein ausgesparter Raum mitten in der Welt, die schon vor ihm da ist. Er ist ein umhegter, verschlossener Grund. Der Welt ein Stück abgerungen, hineingesetzt in diese Welt, hineingepflanzt, angelegt von Gott selbst, sagt die Bibel. Was wir Garten nennen, ist also nicht sein Inneres, sondern erst die Begrenzung macht aus einem Stück Natur einen Garten. Lateinisch hortus oder griechisch paradeisos bedeuten ‚umzäunt‘. Ein Paradies oder ein Garten hat immer einen Zaun, eine Hecke oder sonst eine Grenze. Ohne eine Grenze gibt es kein Paradies.

Selbst für die Arbeit innerhalb des Gartens gilt dasselbe. Unsere Erden in Europa sind mehr oder weniger feste Packungen, durch Schwemmung oder Erosion entstanden, durch Trockenheit – wie die der letzten Jahre – verbacken. Und nun tritt das Werkzeug der Trennung und Scheidung auf, nämlich der Spaten. Er "bricht die Packung auf, wirft sie und zerkleinert sie, greift in den Untergrund, lüftet ihn so tief er kann, und führt Atmosphäre dorthin, wo sie nicht war."[iii] Das Paradiesische braucht Trennung und Scheidung, braucht Grenzen. Normalerweise fällt es uns schwer, das so zu sehen. Heute lockt eher die Lust an der Grenzüberschreitung. Natürlich könnte jemand sagen: ‚Nur ein wilder Garten ist ein guter Garten. Es soll alles grenzenlos wachsen, so wie jede Pflanze es mag.‘ Doch gibt es das in der Natur und in der Kultur der Gärten? Grenzenloses Wachstum? Selbst der Dschungel hat seine Grenzen.

Vor über 30 Jahren ließ die Frau meines Lehrpfarrers einen kleineren Teil des bis dahin sehr akkurat gepflegten Pfarrgartens unterhalb der Burg im fränkischen Cadolzburg regelrecht verwildern; damals war das noch ein Stirnrunzeln wert. In dem wilden Teil tummelten sich die Bienen und viele andere nützliche Insekten, von den schönen Schmetterlingen mal ganz abgesehen. Und auch beim größeren Teil des Gartens war es eine Freude, ihn anzuschauen, wie er mit Hilfe eines grünen Daumens aufblühte. Die Mauer um den Pfarrgarten herum hat aus ihm ein Paradies gemacht. Der Wildheit wurde Raum gelassen und zugleich anderes gezielt gestaltet.

Der Mensch – ein Garten

Für mich liegt darin auch eine Analogie zwischen einem Garten und einem Menschen: Wenn wir den Menschen als einen Garten verstehen wollen, dann braucht auch er beides. Seine Wildheit braucht einen eigenen Raum, sonst verkümmert er. Es ist das Wilde, das ihn offen macht für das, was von außen an Impulsen, an Begegnung, an Inspiration zu ihm kommt, ihn befruchtet. Aber er braucht auch die klare Hand einer Gärtnerin, eines Gärtners, die jeder Pflanze den Boden geben, die sie braucht um das Beste hervorzubringen, das in ihr steckt.

So wie Gaben und Talente im Menschen eine Umgebung brauchen, die das Beste wachsen lässt. Beides – das Wilde und das Zielgerichtete – soll in ihm, dem Menschen, aufblühen, soll strahlen und leuchten. Beides gehört zum Menschen als Garten. Beides braucht umhegte Grenzen, darin sich ihre Energien bündeln und die beste Wirkung entfalten können.

Mir leuchtet daher auch ein, warum die Begrenztheit unseres menschlichen Lebens kein mangelhafter Zustand ist. Die eigene Endlichkeit, dass wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind, ist kein Mangel, sondern im Gegenteil eine besondere Auszeichnung des Menschen. Denn erst diese Grenze befreit den Menschen zu einer Lebendigkeit, die er nicht kaufen, machen oder herstellen kann. Alles wird anders, wenn ich anfange, mich selbst als einen Garten zu verstehen. Der wiederum einen Gärtner braucht, der an und in mir arbeitet, der in mir das Beste hervorbringen möchte, das in mir auf seine Entfaltung wartet.

Der Prophet Jesaja (58,11) sagt einmal zum Volk Israel: Du wirst sein ein bewässerter Garten, wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt – wer wünscht sich das nicht? Durch den Propheten sagt Gott uns auch, wie das gehen kann: Mensch sein wie ein bewässerter Garten.

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: ‚Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne‘ (Jes. 58, 9b – 12).

Ich verstehe diese Worte so, dass die Nächstenliebe die einzige Grenzüberschreitung ist, die Gott ausdrücklich fordert: Lass den Hungrigen dein Herz finden. Erniedrige und unterdrücke niemanden in deiner Mitte. Dann – so sagt der Prophet – wirst du selbst wie ein bewässerter Garten sein. Von dir wird man sagen: ‚Der die Lücken verschließt, die Wege begehbar macht, dass man da wohnen könne‘. So macht man das als Gärtnerin oder Gärtner in einem Garten, dass man ein Stück Welt ausgrenzt und sich vornimmt und dieses Stück Welt gestaltet, pflegt und bewahrt. So macht das Gott mit mir als Menschen auch. Deshalb sind Gärten so besondere Orte, weil sie mich öffnen für die Begegnung mit Gott und meinem Nächsten. Das ist das Ziel, dass der Gärtner mit mir und anderen verfolgt: Dass man da wohnen könne. Dass ich gerne darin wohnen kann, ich in mir, der ich ein lebendiger Garten sein darf. Die kluge Mystikerin Therese von Avila sagt einmal über den Garten:

Kehren wir (…) zu unserem Garten oder Lustgarten zurück und sehen wir uns an, wie die Bäume zu knospen beginnen, um Blüten zu treiben und nachher Früchte zu tragen, und die Blumen und Nelken genauso, um ihren Duft zu verströmen. Dieser Vergleich macht mir richtig Spaß, denn in meinen Anfängen (…) war es mir eine große Freude, zu bedenken, dass meine Seele ein Garten sei und der Herr in ihm spazieren ging.[iv]

Überraschung ist die Art des Gartens

Ein Freund von mir geht gerne in die Berge. Dort – so sagt er – fühlt er sich Gott näher; das macht Berge zu etwas Besonderem. Der Garten dagegen ist Alltag. Hier kann es passieren, dass ich von Gott überrascht werde. Ich erinnere mich an einen Besuch bei einer alten Dame am Tag nach ihrem Geburtstag. Sie lädt mich ein, in den Garten zu gehen. So sitzen wir eine Weile dort und genießen die Ruhe, die Geräusche des Gartens. Schließlich sagt sie: "Wenn ich traurig bin, gehe ich in meinen Garten. Mein Garten tröstet mich. Das geht nicht automatisch. Im Gegenteil: Ich verbringe viel Zeit hier und scheinbar geschieht nicht viel. Aber dann überwältigt mich, was ich plötzlich entdecke: Eine winzig kleine Pflanze, die sich gegen größere und gegen jede Gartenweisheit durchgesetzt hat. Und dann denke ich mir: Was die kann, kann ich auch."

Überraschung ist die Art des Gartens. Es kommt nicht von ungefähr, dass in vielen Kunstwerken der Engel Gabriel der Maria die Geburt Jesu in einem Garten ankündigt oder in einem Vorhaus, das zum Garten hin offen ist. Der Garten: Ein Ort, wo Gott den Menschen überrascht. Das gilt vordergründig schon bei dem Sprichwort "Du betrittst niemals den gleichen Garten zweimal". Jeder Garten verändert sich kontinuierlich, so dass er, wenn ich ihn beim zweiten Mal betrete, nicht mehr derselbe Garten von vorher ist, sondern um eine Nuance oder an Farben oder Licht ein anderer geworden ist.

Gärten halten aber auch hintergründige Überraschungen bereit. Da kommt es besonders darauf an, ob ich sie wahrnehme. So wie Jesus nach seiner Auferstehung die traurige Maria von Magdala im Garten überrascht hat. Auf der Suche nach dem toten Leichnam des Jesus läuft sie zu den Jüngern und klagt: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Ratlos läuft sie zurück in den geschützten Garten, in dem sich das Grab Jesu befindet. Sie weint. Dann wendet sie sich um (Joh. 20, 14 – 16):

und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: ‚Frau, was weinst du?‘ Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: ‚Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.‘ Spricht Jesus zu ihr: ‚Maria!‘ Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: ‚Rabbuni‘, das heißt ‚Meister!‘

Zweimal heißt es: Maria wandte sich um. Warum zweimal? Das erste Mal denkt sie, es sei der Gärtner und im Vorübergehen bittet sie diesen zwar um Hilfe, aber sie erwartet nicht wirklich Hilfe von ihm. Sie ist schon weitergegangen, unruhig und ziellos ist sie in ihrer Verzweiflung. Erst als Jesus sie mit ihrem Namen anspricht, dreht sie sich ein zweites Mal zu ihm um. Der Maler Rembrandt hat das 1606 ganz anschaulich gemalt.

Er zeigt Jesus in Gärtnerkleidung, mit Hut und einem Spaten in der linken Hand, während seine rechte Hand offen nach vorne gerichtet ist, als ob sie die davonlaufende Maria aufhalten möchte. Überraschung ist die Art des Gartens. Wie oft haben wir vielleicht mit Jesus in unserem Leben zu tun, ohne ihn zu erkennen? Wie viele Wunder gehen an uns vorbei, ohne dass wir sie wahrnehmen? Wenn wir uns die Welt denken, dass sie nur so sei, wie wir sie sehen, sind wir wie Maria von Magdala, die den toten Jesus sucht und nur den Gärtner in ihm erkennt.

In ihrem berühmtesten Lied wünscht sich die Schauspielerin und Sängerin Hildegard Knef, was sie als 16jährige und später als junge Erwachsene ganz selbstverständlich erwartet hat: Mir sollten sämtliche Wunder begegnen. Ganz am Schluss des Liedes als reife Frau hat sich ihr Wunsch verändert: Mir sollten ganz neue Wunder begegnen. Darauf käme es an: Im Garten wie im Leben für Überraschungen offen bleiben, die Wunder im eigenen Lebensgarten entdecken, die mir blühen. Dann kann und soll es rote Rosen regnen.

 

[i] Hugo Kükelhaus. Hören und Sehen in Tätigkeit. Zug 1978, Seite 7

[ii] Gary Chapman. Die fünf Sprachen der Liebe Gottes, Brunnenverlag Gießen, 2. Auflage 2005 (amerik. Original 1986)

[iii] Rudolf Borchardt. Der leidenschaftliche Gärtner. Die Andere Bibliothek, hg. v. H.M. Enzensberger, Klett 1968, Seite 209f.

[iv] Therese von Avila. Das Buch meines Lebens. Vollständige Neuübertragung. Ges. Werke Bd.1, Herder 2001 (Kap.14, 9)

Evangelische Morgenfeier vom 24.05.2020 mit Pfarrer Eberhard. Thema: Der Mensch im Garten

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