22.05.2018
Hochzeit ohne Kirche

Freie Trauung: Warum Menschen ohne kirchlichen Segen heiraten

Die Zahl kirchlicher Hochzeiten in Deutschland sinkt. Die Auftragsbücher freier Trauredner dagegen sind voll. Warum sich so viele Paare das Ja-Wort ohne Gottes Segen geben.

Ein Hotelgarten in der Nähe von Landshut: Die Hochzeitgesellschaft hat auf weißbezogenen Bierbänken und unter freiem Himmel Platz genommen. Alle Blicke sind auf Anika und Patrick gerichtet, die sich vor einem geschmückten Tisch stehend ihre Liebe versichern: „Ja, ich will.“ Sie stecken sich die Eheringe an, küssen sich und die Band spielt eine Pop-Ballade.

„Wir wollten eine individuelle Trauung“, sagt der 29-jährige Patrick ein Jahr später. Das Paar hatte genaue Vorstellung, wie die Zeremonie ablaufen und wo sie stattfinden soll. Deshalb haben sie sich für eine freie Trauung entschieden – ohne Gottesdienst und ohne Kirche.

Bei freien Trauungen sprechen Trauredner

Anika und Patrick sind eines von vielen Paaren, die sich zu einer Trauung ohne kirchlichen Segen entschließen. Genaue Zahlen werden nicht erfasst. Aber die Auftragsbücher der freien Trauredner sind voll.
 
Auch bei Caroline Hüttl, die die beiden 2017 getraut hat, sind kaum noch Termine zu bekommen. Die Münchnerin war früher Journalistin und Moderatorin, jetzt verdient sie ihr Geld als freie Traurednerin.

In der Hochzeitssaison von Mai bis Oktober ist sie jeden Samstag als Rednerin unterwegs, manchmal sogar im Ausland: Eine Alm in den österreichischen Bergen oder ein Fleck am Gardasee in Italien scheint für viele Paare der richtige Ort zu heiraten. 

"Freie Trauungen können überall stattfinden"

Trauredner Michael Bauer aus Emmering bei Fürstenfeldbruck bestätigt: „Freie Trauungen können überall stattfinden.“ Eheschließungen beim Bungee-Jumping, in der Achterbahn oder unter Wasser hat der Theologe aber noch nicht erlebt.

Seine ausgefallenste Location: Eine Trauung in einer alten Trambahn in München. Die Regel sind aber Hotelanlagen, Schlösser, Gärten und Parks. „Draußen in der Natur – das ist eine ganz besondere Atmosphäre“, schwärmt er.   

Bauer war 20 Jahre lang Pfarrer evangelisch-freikirchlicher Gemeinden. Nach seiner Scheidung durfte er den Beruf nicht länger ausüben und machte sich als freier Theologe selbstständig. Er bietet den Paaren an, auch in der freien Trauung einen Segen oder ein Gebet zu sprechen. Viele lehnten das jedoch ab. „Das schmerzt“, sagt der gebürtige Hesse.

Freie Trauung oder kirchliche Trauung?

Die Gründe, ohne eine christliche Zeremonie ins Eheleben zu starten, sind vielfältig. Oft stehen formale Schwierigkeiten im Vordergrund, sagt die Rednerin Hüttl: Sie ist getauft, er nicht oder sie ist Christin, er Jude oder er will ihn heiraten – alles Konstellationen, die eine kirchliche Heirat je nach Konfession erschweren.

So war es auch bei Patrick und Anika. Während sie Mitglied der evangelischen Kirche ist, ist er schon lange ausgetreten. Vor der Hochzeit war aber klar: Nur ins Standesamt gehen und die Ehe unterschriftlich besiegeln reicht ihnen nicht. „Uns war wichtig, dass wir etwas Zeremonielles feiern, damit man das Gefühl von Hochzeit hat“, erklärt die 29-jährige Anika.

Aber muss es unbedingt ein Gottesdienst sein? Nein, finden beide. Eine Trauung ist „extrem intim, extrem emotional und extrem persönlich“, betont Patrick. Das sollte sich auch in der Zeremonie niederschlagen. Die beiden erinnern sich an Traugottesdienste, die sie zuvor besucht haben: „Es war zwar schön, aber wirklich ergriffen und emotional mitgenommen waren wir nie.“

Viele Rituale erinnern an kirchliche Abläufe

Ringtausch, Eheversprechen, Mittelgang, Musik – zwar ähneln die Rituale der freien Trauung den kirchlichen Abläufen. Laut Trauredner Bauer gibt es aber einen entscheidenden Unterschied: Viele Paare wünschen sich eine Trauung, bei der sie mit ihrer Lebens- und Liebesgeschichte im Mittelpunkt stehen. In Gottesdiensten dominierten jedoch Bibelworte und religiöse Texte die Zeremonie, erläutert er. „Das stört viele Brautleute.“  

Um die Trauzeremonie so individuell und persönlich wie möglich zu gestalten, treffen sich sowohl Theologe Bauer als auch Traurednerin Hüttl zu ausführlichen Gesprächen mit den künftigen Ehepaaren. Wie haben sich die beiden kennengelernt? Was haben sie schon zusammen erlebt? Welche Höhen und Tiefen gab es? Was planen sie für die Zukunft? Rund vier Stunden dauert so ein Traugespräch.

Warum die Wahl des Trauredners schwierig ist

Die Wahl eines Trauredners haben sich Anika und Patrick nicht leicht gemacht – nicht nur wegen der etwa 500 bis 1.000 Euro, die er kostet, sondern auch weil das Gespräch so persönlich ist. „Vertrauen war uns sehr wichtig“, unterstreicht Anika. Sechs Rednerinnen und Redner haben sie deshalb zu Vorgesprächen getroffen, bevor sie sich für Hüttl entschieden haben.

Einen zusätzlichen Termin mit einem Pfarrer oder einer Pfarrerin auszumachen, kam für sie nicht in Frage. „Wir kannten niemanden aus dem kirchlichen Umfeld und hatten keinen Bezug zu einer bestimmten Kirchengemeinde“, erklärt Anika, die wie Patrick ursprünglich aus Schleswig-Holstein stammt und für den Job nach Bayern gezogen ist.

Freie Zeremonien: Keine Konkurrenz für kirchliche Trauungen

Freie Hochzeitszeremonien sind nach Ansicht von Sabine Meister vom Gottesdienstinstitut der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) in Nürnberg aber keine Konkurrenz zu kirchlichen Trauungen. Sie verfolgen unterschiedliche Ziele, sagt die Pfarrerin, die mehr als zehn Jahre in Gemeinden gearbeitet hat und jetzt Theologen, Vikare und Ehrenamtliche bei Fragen rund um Gottesdienste und Andachten unterstützt: Im Traugottesdienst gehe es nicht nur um Bibelverse, sondern auch darum, Gott zu danken und um seinen Segen für die Partnerschaft zu bitten.

Trotzdem erleichtere es sie, dass es solche Angebote gebe. So hätten Menschen, die nichts mit Kirche und Christentum anfangen können, einen Ansprechpartner, der zu besonderen Anlässen das sagen kann, was sich die Menschen wünschen, erklärt Meister: „Denn die Kirche hat kein Monopol auf Hochzeiten.“

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