24.01.2020
Seenotrettung

Bedford-Strohm: Wir können Flüchtlinge nicht ertrinken lassen

Für seine Unterstützung der Seenotrettung hat Bischof Bedford-Strohm viel Zuspruch erhalten, ihn erreichten aber auch Drohbriefe. Jetzt hat er mit deutlichen Worten auf Kritiker reagiert - und einigen von ihnen das Christsein abgesprochen.
Heinrich Bedford-Strohm 2020 Geflüchtete

Der bayerische evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hat das Engagement seiner Kirche in der Seenotrettung von Flüchtlingen verteidigt. "Wir wollen, dass die Menschen sicher und in Würde leben können. Man kann sie nicht aus politischen oder Abschreckungsgründen ertrinken lassen", sagte Bedford-Strohm am Donnerstag im Münchner Presseclub. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte im Dezember angekündigt, sich im Bündnis "United 4 Rescue", das sich aktuell um die Ersteigerung eines Schiffes bemüht, an der Seenotrettung zu beteiligen.

"Die Kirche ist aber nicht Reeder - wir wissen, was wir können und was wir nicht können", erläuterte Bedford-Strohm, der auch EKD-Ratsvorsitzender ist. Man wolle sich an der zivilen Seenotrettung beteiligen, weil die staatliche beendet worden sei. Wenn er den Vorwurf höre, die Kirche solle lieber Fluchtursachen bekämpfen, als in die Seenotrettung einzusteigen, dann glaube er, er sei im "falschen Film", sagte Bedford-Strohm. Die Kirchen betrieben seit Jahrzehnten durch ihr internationales Netzwerk Entwicklungsarbeit und machten auf Ungerechtigkeiten aufmerksam.

"Ich lasse mir nicht sagen, wir müssten uns endlich mal um Afrika kümmern", sagte Bedford-Strohm weiter. Und er lasse sich auch nicht sagen, dass die Kirchen sich endlich mal um die Obdachlosen in Deutschland kümmern sollten. "Den Kirchen vorzuwerfen, sie würden sich nicht um die Armen in Deutschland kümmern, das grenzt ans Absurde." Die Diakonie tue genau das jeden Tag. Bedford-Strohm hatte vor allem wegen seines Engagements in der Seenotrettung Morddrohungen erhalten, wie er vor wenigen Tagen einräumte. Er wisse, dass er in manchen Kreisen eine "Hassfigur" sei. Aber innerlich bewegten ihn solche Drohungen nicht.

Bedford-Strohm plädierte außerdem dafür, Flüchtlinge aus griechischen Lagern aufzunehmen.

Angesichts eines Haushaltsüberschusses von 19 Milliarden Euro könne man nicht sagen, dass sich Deutschland die Aufnahme nicht leisten könne: "Wer so etwas sagt, soll sich nicht mehr mit dem Prädikat 'christlich' schmücken oder vom 'christlichen Abendland' sprechen."

Deutschland sei, materiell gesehen, gesegnet wie noch nie. Wenn in dieser Situation jemand meine, man solle erst die Armen im eigenen Land versorgen, bevor man den Menschen anderswo helfe, dann habe jemand die Bedeutung von "christlich" nicht verstanden. Ihn erreichten oft Briefe mit solcher Kritik.

Der Landesbischof betonte im Münchner Presseclub auch die gemeinsame Kraft der Kirchen.

"Es gibt keine Zukunft der Kirche, außer einer ökumenischen."

Für ihn sei es ein "Skandal", dass die Kirche Jesu Christi in Einzelkirchen aufgeteilt ist. Er werde sich nie damit zufrieden geben, dass es immer noch kein gemeinsames Abendmahl gibt. Denn es gebe nur einen Gott - keinen evangelischen oder katholischen. Es gebe auch kein evangelisches oder katholisches Leid, sondern nur menschliches. Darauf müssten die Kirchen gemeinsam reagieren und nicht doppelt nebeneinanderher arbeiten.

Das Allerwichtigste für die Zukunft der Kirche sei, "dass wir ausstrahlen, wovon wir sprechen", betonte Bedford-Strohm. In Sachen Klimaschutz habe die bayerische Landeskirche zum Beispiel rund 60 Millionen Euro ausgegeben, um Pfarrhäuser energetisch zu sanieren. Außerdem investiere man in nachhaltige Geldanlagen. Gemäß einem Leitfaden werde nicht in Rüstung oder Pornografie und nicht in Unternehmen investiert, die zu viel CO2 ausstoßen. Wer Ethik ernst nehme, müsse seine Interessen in einem reichen Land wie Deutschland in Einklang bringen mit den Interessen in ärmeren Ländern. Daher werde der Klimaschutz Konsequenzen auch in Deutschland haben müssen.

Angesichts sinkender Mitgliedszahlen rief Bedford-Strohm die Kirchen zu "entschlossener Gelassenheit und gelassener Entschlossenheit auf".

Derzeit gehörten rund 45 Millionen Menschen in Deutschland einer christlichen Kirche an; wenn die Zahl in 40 Jahren auf 22 Millionen zurückgehe, sei das immer noch "sensationell". Dennoch dürfe Kirche nicht davon ausgehen: "Der alte Tanker ist gesetzt und die Menschen müssen sich fügen." Es sei genau andersherum: Kirche müsse sich nach den Bedürfnissen der Menschen richten. "Wir müssen rausgehen und nicht in kirchlichen Milieus bleiben." Das tue seine Landeskirche etwa mit dem aktuellen Reformprozess "Profil und Konzentration".

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