20.11.2016
Landessynode

Down under in Bad Reichenhall

Von Sonntag bis Donnerstag berät sich das bayerische Kirchenparlament zum dritten Mal nach 1995 und 2003 im oberbayerischen Bad Reichenhall. Auf dem Synodenprogramm steht der Haushalt der Landeskirche - und Begegnungen mit den Protestanten vor Ort.
Die evangelische Stadtkirche von Bad Reichenhall.
Prägt den Kurort am Rande der Alpen: die evangelische Stadtkirche von Bad Reichenhall.

Wenn die unterfränkische Synodale Helga Neike aus Miltenberg am Sonntag in Bad Reichenhall ankommt, dann hat sie fünf Stunden Auto- oder sechseinhalb Stunden Zugfahrt hinter sich - im besten Fall. In Hamburg ist man von Nordbayern aus jedenfalls schneller, und das macht am Synodenort Bad Reichenhall wieder einmal zwei Dinge sichtbar: Die Landeskirche ist groß, und das Thema Entfernungen spielt hier, im Flächendekanat Traunstein am Rand der bayerischen Landeskirche, eine Dauerrolle.

Dabei geht es den Menschen im südöstlichsten Zipfel Bayerns ein bisschen wie den Australiern: »Down under« sind sie nur für die anderen; im täglichen Leben haben sich die Grenzen längst so verschoben, dass sich eine vitale Region rund um ein starkes Zentrum gebildet hat. Nur heißt das eben Salzburg und nicht München. »Wir haben hier Hochschulen, Musik auf Weltniveau, ein Wirtschaftszentrum und einen Flughafen«, sagt der Traunsteiner Dekan Peter Bertram selbstbewusst. Kooperation und Vernetzung sind für die Protestanten in der Diaspora lebensnotwendig.

Die Grenzüberschreitung gehört zum Alltag

Bei regelmäßigen »Euregio«-Treffen werden die Kontakte zur »Evangelischen Kirche Salzburg-Tirol« gepflegt - von bayerischer Seite nehmen die Gemeinden Laufen, Freilassing, Berchtesgaden und Bad Reichenhall teil.

»Die Zusammenarbeit ist zum Teil enger als mit den oberbayerischen Nachbardekanaten«, stellt Bertram fest. Österreichische Pfarrer übernehmen Urlaubsvertretungen auf bayerischer Seite; die bayerischen Kollegen springen in Salzburg ein. Es gibt Beratungsgespräche auf dem kurzen Dienstweg zwischen Bertram, seiner Rosenheimer Kollegin Hannah Wirth und dem Salzburger Superintendent Olivier Dantine. Der Superintendent der Evangelischen Kirche A. B. (Augsburgischen Bekenntnisses, also lutherisch, im Gegensatz zu H. B., Helvetischen Bekenntnisses, also reformiert) hält auch die Predigt beim Eröffnungsgottesdienst der Landessynode - damit knüpft Dantine an die Synodensitzung 2003 an, bei der seine Vorgängerin Luise Müller auf der Kanzel der Stadtkirche stand.

Diese Stadtkirche wiederum ist das älteste evangelische Gotteshaus des Dekanats: 1881 erbaut, war es eine Keimzelle des Protestantismus in Südostbayern. Bad Reichenhall war Muttergemeinde für die Gemeinden Traunstein, Berchtesgaden, Freilassing und Laufen.

Kur- und Urlauberseelsorge sind Schwerpunkte

Der Charakter des Kurorts und das gehobene Bürgertum der Sommerfrischler um 1900 prägen die Gemeinde bis heute: Kultur wird groß geschrieben. »Die Kirchenmusik in Bad Reichenhall hält jeder Konkurrenz stand und strahlt weit über Bad Reichenhall hinaus«, sagt Dekan Peter Bertram - Kantor Matthias Roth, der den Motetten- und den Kinderchor zu musikalischen Großtaten anspornt, wird es gerne hören. Der Kirchenmusiker komponiert auch selbst: Sieben Uraufführungen aus Roths Feder waren in den vergangenen Jahren in der Stadtkirche zu hören.

Einen Superlativ hält auch die »Evangelische Öffentliche Bücherei Bad Reichenhall«: Sie ist, zusammen mit der Vaterunserkirche München, die größte Gemeindebücherei im Kirchenkreis München-Oberbayern und gehört mit einem Bestand von 13.200 Medien zu den 25 größten evangelischen Büchereien in Deutschland.

Nur die Leiterin Regina Gündisch bekommt einen Bruchteil ihrer Arbeit auf 450-Euro-Basis vergütet, der Rest passiert ehrenamtlich. Mit ihrem mobilen Bücherdienst für Senioren, dem Bibliotheksführerschein für Vorschulkinder und den Deutschkursen für Flüchtlinge ist die Bücherei ein Herzstück der Gemeinde und ein Netzwerk für soziale Kontakte, Bildungsarbeit und Seelsorge.

Zu schade, dass das Synodenprogramm so dicht ist: Sonst hätten Regina Gündisch und ihre Kolleginnen sicher Tipps für eine spannende Pausenlektüre gehabt.

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