29.03.2020
Seelsorge digital

Gemeindeangebote online: Nürnberger Kirchen gehen in der Corona-Krise neue mediale Wege

Kirche will Räume schaffen – ein ganz moderner Gedanke eigentlich. Was aber, wenn dieser Raum das Internet ist, weil sich die Menschen wegen eines Virus nicht mehr persönlich versammeln sollen? In Nürnberg wird das Netz mit Video-Gottesdiensten und -andachten in der Coronakrise nicht nur kreativ, sondern teils sehr professionell genutzt.
Das "Lob der Langeweile"
Pfarrer Aschoff von der Auferstehungskirche Zerzabelshof wendet sich in einer Videobotschaft an alle, die Angst haben, ihnen falle zu Hause die Decke auf den Kopf.

Als wohl bedeutendste Nürnberger Kirche überraschte St. Lorenz schon am 17. März mit einer ersten Online-Andacht auf YouTube. Von Montag bis Freitag kann sich jedermann Kurzandachten online anschauen, die aufgezeichnet und ab 17 Uhr hochgeladen werden. Sonntags soll ein Gottesdienst in Echtzeit um 10 Uhr laufen. Den Anfang machte am 22. März der Nürnberger Regionalbischof Stefan Ark Nitsche. "Ich verbuche das unter Lorenzer Wunder", erklärt die Lorenzer Pfarrerin Claudia Voigt-Grabenstein. Sie sei sehr dankbar, zwei Kameraleute an der Hand zu haben, die wegen Corona plötzlich Zeit haben.

Dass die Frohe Botschaft digital ankommt, zeigen auch andere Nürnberger Kirchen, und die Liste wird laufend länger. St. Markus sendet Worte der Zuversicht und Hoffnung als Broadcast per WhatApp oder E-Mail. Pfarrer Peter Aschoff von der Auferstehungskirche Zerzabelshof wandte sich in einer Videobotschaft mit einem Text über das "Lob der Langeweile" von Walter Benjamin an alle, die Angst haben, ihnen falle zu Hause die Decke auf den Kopf. "Keine Angst vor der Stille, vielleicht flüstert Gott uns etwas zu", macht Aschoff Mut.

"Es ist Zeit, kreativ zu werden und Neues auszuprobieren. Wir finden: einfach mal machen und sehen, was draus wächst", schreibt das Team der Nürnberger Jugendkirche LUX auf seinem Facebook-Auftritt. Auf ihrem YouTube-Kanal bietet LUX jeden Mittwoch, Freitag und Sonntag live um 18 Uhr eine Botschaft.

Pfarrer Dieter Krabbe von St. Martha setzt auf eine Mehrfachstrategie: Täglich ist er im Pfarramt zwischen 10 und 12 Uhr zum persönlichen Gespräch erreichbar, der Text der aktuellen Sonntagspredigt ist online abrufbar oder wird per E-Mail oder Post zugesandt. Eine in der Kirche aufgezeichnete Predigt mit Harfe und Viola, Chorälen und Gebeten wird ebenfalls auf YouTube gestellt.

Eine regelmäßig aktualisierte und nicht nur für Nürnberger interessante Übersicht, wie sich die evangelischen Gemeinden unter dem Motto "Wir sind da – nur anders" der Herausforderung Corona mit viel Kreativität stellen, findet man auf dem Facebook-Auftritt des Nürnberger Dekanats. Verena Wagner bearbeitet vom i-Punkt im Haus eckstein aus die sozialen Kanäle für die 46 Gemeinden und über 140.000 Kirchenmitglieder.

Es geht aber auch ohne Internet

Darunter findet man auch zahlreiche Aktionen und Service-Leistungen, für die man kein Internet benötigt. Das ökumenische Kirchenzentrum in Langwasser beispielsweise fordert die Christen auf, abends um 19 Uhr zu Hause eine brennende Kerze ans Fenster zu stellen und ein Gebet zu sprechen, während die Kirchenglocken läuten. Die Friedenskirche in St. Johannis lässt den Posaunenchor zur gewohnten Gottesdienstzeit zum Turmblasen antreten.

Mehr als 30 Pfarrer aus dem evangelischen Dekanat Nürnberg tun derzeit an einem Seelsorgetelefon Dienst. Unter (09 11) 2 14 14 14 können täglich zwischen 9 und 17 Uhr Menschen anrufen, die verunsichert seien oder Angst um Angehörige hätten, hieß es. Man biete das Seelsorgetelefon auch an, weil derzeit die Gottesdienste ausfallen, "in denen die Menschen sonst Trost und Orientierung in schweren Lebensphasen finden", erklärte der Nürnberger Stadtdekan Jürgen Körnlein. Darüber hinaus sind die Kirchen auch weiterhin geöffnet für Gebet und private Andacht.

Die Nürnberger Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyherns bittet alle, die Trost und Hoffnung suchen, um Verständnis und ruft zu Vorsicht und Achtsamkeit auf.

"Wir bedauern die Maßnahmen sehr, aber sie sind für den Schutz des Lebens aller nötig; besonders aber im Hinblick auf die Menschen, für die das Coronavirus eine erhöhte Gefahr für Gesundheit und Leben bedeutet", sagt Hann von Weyhern.

Jetzt zeige sich auch der Reichtum an engagierten und kreativen Menschen in der Kirche, die nach Wegen suchen, den spirituellen Bedürfnissen unserer Gemeindeglieder auf andere Weise zu entsprechen.

"Und – nicht alles wird abgesagt: Das persönliche Gebet, die Fürbitte und das Lesen in der Bibel gewinnen jetzt noch einmal an Bedeutung und sind zum Glück immer möglich. An jedem Ort, allein oder im Kreis der Familie."

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Leben in Quarantäne

Jana Highholder
Jana Highholder, 21, ist eigentlich als "Sinnfluencerin" überall in der Republik unterwegs. Vor drei Wochen jedoch wurde sie positiv auf das Coronavirus getestet und ist seitdem in Quarantäne. Im Gespräch erzählt sie, was die größten Herausforderungen der Isolation sind und wie man diese Zeit übersteht.

Corona und Kirche

Die technische Ausrüstung im Alltag vieler Menschen.
Die Einschränkungen wegen des Coronavirus und das damit zusammenhängende Gottesdienstverbot zwingen Kirchen dazu, kreativ zu werden. Pfarrerinnen und Pfarrer verlagern ihre Gottesdienste ins Internet, Andachten werden über die sozialen Netzwerke verbreitet. Damit Sie den Überblick nicht verlieren, haben wir eine Liste mit Angeboten aus Bayern für Sie erstellt, die wir regelmäßig aktualisieren - gebündelt nach den sechs Kirchenkreisen und einzelnen Dekanaten.

Heiraten 2020

Sarah und Christian Tultz wollten im Mai heiraten, doch dann machte ihnen die Ausbreitung des Coronavirus einen fetten Strich durch die Rechnung. Im Gespräch mit Sonntagsblatt.de erzählt die zukünftige Braut, warum sie ihre kirchliche Trauung nun erst einmal absagt - und wie es dem Paar damit geht.

"Massive Einschränkung unserer Grundrechte"

Susanne Breit-Keßler Regionalbischöfin München
Die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus in Bayern will die Staatsregierung um Ministerpräsident Markus Söder (CSU) von einem Monitoring begleiten lassen. Drei Menschen sollen diese ethisch-gesellschaftlich-juristische Beobachtung übernehmen: Die ehemaligen Oberlandesgerichtspräsidenten Christoph Strötz und Clemens Lückemann sowie Susanne Breit-Keßler, ehemalige Regionalbischöfin für München und Oberbayern, die dem neuen bayerischen Ethikrat vorsteht.
Sonntagsblatt