13.06.2019
Kommentar

Kirche muss künftig die Menschen suchen – nicht umgekehrt

Die großen Kirchen in Deutschland stehen vor massiven Umbrüchen. Man kann sich angesichts dieser Entwicklung in die Kirchenbank setzen und beten, dass es die eigene Gemeinde nicht zu hart trifft. Oder als Kirche rausgehen zu den Leuten – zu jenen, die Hilfe, Rat und Unterstützung brauchen. Kommentar von Andreas Jalsovec
Asamkirche München - Menschen vor Kirchentüren.
Geschlossene Kirchentüren? Warum die Kirche zu den Menschen kommen muss und nicht umgekehrt.

Aus einer Kirche soll ein Beratungszentrum werden: Wo jetzt noch Kirchenbänke stehen, soll es dann Büros geben, Gruppenräume und Besprechungszimmer. Das Ganze möglicherweise auf zwei Ebenen – weil die Kirche so hoch ist. Unmöglich? Keinesfalls. Die Pläne könnten in Augsburg bald Realität werden. Dort will das Diakonische Werk die evangelische Kirche St. Johannes zu einem diakonischen Zentrum im Augsburger Stadtteil Oberhausen umbauen. 

Der Grund: Für die Kirchengemeinde ist der Unterhalt des Gebäudes zu teuer geworden. Zusammen mit der Diakonie, dem Dekanat und der Landeskirche ist so die Idee entstanden, die Kirche anders zu nutzen – und dafür komplett umzubauen.

Eine solche Entwicklung kann man einerseits beklagen. Denn sie zeigt, dass es für die Kirche und ihre Gemeinden angesichts sinkender Mitgliederzahlen zunehmend schwieriger wird, den Unterhalt ihrer oft alten und großen Gebäude zu finanzieren. Augsburg-St. Johannes etwa ist von Januar bis März geschlossen. Die Gemeinde kann sich dann schlicht die Heizkosten nicht leisten.

Raus auf die Straße!

Auf der anderen Seite macht das Projekt aber auch deutlich: Mitgliederschwund und Finanzknappheit bedeuten nicht zwangsläufig, dass Kirche weniger für die Menschen da sein muss. Im Gegenteil: Augsburgs Diakonie-Chef etwa sieht in St. Johannes "eine Riesenchance". Mit dem Umbau der Kirche und der Ansiedlung von Beratungsangeboten dort werden Kirche und Diakonie präsenter in einem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt gilt. Rausgehen und zeigen, dass man für die Menschen da ist – das steckt hinter der Idee der "Diakonie-Kirche" St. Johannes.

Es ist eine Idee mit Zukunft – wenn auch aus der Not geboren: Bis im Jahr 2035, so zeigt eine neue Studie, könnten die Kirchen ein Fünftel ihrer Mitglieder verlieren, bis 2060 ist es gut die Hälfte. Wer diese Entwicklung stoppen will, darf nicht darauf warten, dass die Menschen von sich aus in die Kirche kommen. Er muss auf sie zugehen, muss sie dort suchen und besuchen, wo sie leben: auf der Straße, in ihrem alltäglichen Umfeld, bei sich zu Hause.

Kirche muss rausgehen zu den Leuten, zu jenen, die Hilfe, Rat und Unterstützung brauchen. Den großen Kirchen in Deutschland steht ein massiver Umbruch bevor. Man kann sich angesichts dieser Entwicklung in die Kirchenbank setzen und beten, dass es die eigene Gemeinde nicht zu hart trifft. Man kann darin aber auch eine Chance sehen, aufstehen, rausgehen zu den Menschen und ihnen zeigen, wie wichtig Kirche und Diakonie für diese Gesellschaft sind.

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