10.09.2010
Kirchenaustritt

Kirchenaustritt - Tutzinger Tagung diskutiert Folgen

Kirchenaustritte sind ein ungeliebtes Thema. Eine Tagung in Tutzing beschäftigt sich mit dem Thema - und kommt zu interessanten Schlüssen.
Kirchenaustritt: Leere Kirchenbank

Kirche muss sein wie ein Sauerteig: Er muss gären und diffundieren, sonst fängt er an zu schimmeln. Dieses Bild mag ungewöhnlich sein. Doch wenn es ein Theologe wie der Duisburger Dogmatiker Ralf Miggelbrink gebraucht, dann nicht ohne Grund: Ihm ist Kirche ein Anliegen, "ein Projekt, dass man nicht lassen kann". Und damit Kirche auch weiterhin "diffundieren" kann, muss sie sich auch mit so unbequemen Themen wie dem Kirchenaustritt beschäftigen.

Steigende Zahl der Kirchenaustritte

Zwei Tage lang brüteten Referenten und Teilnehmer bei sommerlicher Hitze in der Rotunde der Evangelischen Akademie Tutzing am Starnberger See und suchten nach Antworten, wie die christlichen Kirchen auf die steigende Zahl von Kirchenaustritten reagieren könnten - und müssten. Wer dachte, in dem Gremium mit Professoren und Laien jeder Couleur würde nur lamentiert, irrte. Zwar erwies sich die Bestandsaufnahme mit allen Zahlen und Fakten für die Teilnehmer als harte Kost. Doch gab es auch zahlreiche Lösungsvorschläge, die diskutiert wurden.

Was sie Fakten angeht, befinden sich die Volkskirchen in einer tiefen Krise. Die Zahl der Kirchenaustritte steigt kontinuierlich – derzeit kehren alle vier Jahr rund eine Million Menschen ihrer Kirche den Rücken. Die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche haben diese Situation drastisch verschlimmert, erklärte der Religionssoziologe Detlev Pollack aus Münster. In den letzten Monaten habe sich in manchen Bistümern die Zahl der Kirchenaustritte fast verdoppelt. Hinzu komme die demografische Entwicklung und Säkularisation der Gesellschaft.

Missbrauchsskandale haben Kirchenaustritt zur Folge

Die Missbrauchsskandale haben "verheerende Folgen" auf die gesamte Kirche, bestätigte auch der McKinsey-Unternehmensberater Thomas von Mitschke-Collande. Die Kirche verliere dadurch nicht nur an Glaubwürdigkeit, sondern werde gesellschaftlich weiter marginalisiert. Zwar verfügten die Kirchen heute über mehr Geld als in den 1960er Jahren, doch hätten sie so wenig Kirchenmitglieder wie noch nie. "Da wird es nicht ausbleiben, dass die Institution Kirche bald grundsätzlich in Frage gestellt wird", so Mitschke-Collande.

"Die Menschen machen es sich nicht leicht mit einem Kirchenaustritt", betonte der Religionssoziologe Pollack. Meist würden sie sich erst nach vielen und reiflichen Überlegungen dafür entscheiden. Grund für den Austritt sei ein Gefühl von Fremdheit, Andere wollten Kirchensteuer sparen oder meinten, sie könnten auch ohne Kirche christlich sein. "Mit dem Kirchenaustritt ist immer eine persönliche Geschichte verbunden", bestätigte der evangelische Theologieprofessor Ulrich Schwab aus München. Meist sei ein Austritt mit praktischen Erlebnissen und negativen Erfahrungen verbunden: "Da kommt ein Pfarrer verschwitzt zum Geburtstag oder der Weihnachtsgottesdienst war mißlungen", so der Theologe.

Mitgliedschaft und Kirchenaustritt hängen zusammen

Wer über den Kirchenaustritt spricht, muss sich Gedanken machen über die Mitgliedschaft, lautete das Fazit der Referenten. In diesem Sinne forderte der Dogmatiker Miggelbrink dazu auf, Kirchenaustritte als Anfrage wahrzunehmen: "Sie sind eine Aufforderung an die Kirchenleitung, jeder Person nachzugehen, die dieser Kirche den Rücken kehrt", so Miggelbrink. Menschen hätten einen Anspruch darauf, mit ihren individuellen Lebensentwürfen verstanden und gehört zu werden. Wenn die Institution sich ihren Fragen und Zweifeln nicht nähere, ignoriere sie die Bedürfnisse der Menschen.

Andererseits appellierte Miggelbrink auch an die "Pflicht des Christen zur Kirche im institutionellen Sinn". Jeder Mensch müssen sich vor einem geplanten Kirchenaustritt fragen, was er persönlich für die Zukunft des Glaubens in Europa tue und wie er zum Gelingen der Menschheitsgeschichte beitrage. "Die Menschen müssen den Sinn von Kirche für sich einsehen", so Miggelbrink. Zugleich bräuchten sie "gute Gründe, um in der Kirche zu bleiben". Eine Institution, die mit einem Vereinsmodell aus dem 19. Jahrhundert arbeite, sei überholt. Einbindung und Verantwortung seien gefordert.

Kirchen müssen sich mit Ausgetretenen beschäftigen

"Kirchen sollten das Band zu den Ausgetretenen nicht abschneiden", forderte die evangelische Pfarrerin Elke Wewetzer, Leiterin der Nürnberger Kircheneintrittsstelle. Bei vielen Menschen sei der Kirchenaustritt ein Prozess der Reifung und Emanzipation, der durchaus umkehrbar sei. Die Kirche könne viel für die Mitgliederbindung tun: "Statt Kirchgeldbriefe zu schicken, sollten wir unseren Mitgliedern auch mal danken und erklären, was wir mit dem Geld gutes Tun", so Wewetzer.

Klare Prozesse, Transparenz, Glaubwürdigkeit und Partizipation lauteten nur ein paar der Verbesserungsvorschläge von Unternehmensberater Mitschke-Collande. "Wir brauchen eine neue Kultur des Miteinanders, bei der Prozesse und Strukturen hinterfragt werden", forderte er. Reizthemen wie der Umgang mit dem Zölibat oder mit Skandalen müssten vorbehaltlos diskutiert werden. Um den Erneuerungsprozess voranzutreiben, müsse die Kirche deutliche Zeichen setzen. Am besten mit Tagungen - oder einem dritten Vatikanischen Konzil.

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