7.11.2019
Martin Luther & Reformation

Martin Luther und Karl Barth: Neuzeitliche Kritik an der Zwei-Reiche-Lehre

Martin Luthers politische Ethik wurde nach dem Zweiten Weltkrieg heftig angegriffen. Diese Kritik kam vorwiegend aus der reformierten Tradition Karl Barths, fand jedoch unter dem Eindruck der Katastrophe des Dritten Reiches auch in der lutherischen Kirche ein starkes Echo. Als Folge davon rückten viele von dieser Lehre Luthers ab und schlossen sich dem Barth'schen Ansatz von der "Königsherrschaft Jesu Christi" an.
Luther mit Bibel und Schrift

Der Vorwurf: Luther habe mit seiner Bejahung des weltlichen Regiments allgemein politische Herrschaft kritiklos gestärkt, einseitig zum Gehorsam gegen sie aufgefordert und dadurch in der evangelischen Kirche eine Haltung der Untertanengesinnung und der Unterwürfigkeit erzeugt und bestärkt. Auf diese Weise habe er das Aufkommen des Absolutismus gefördert, Revolutionen und politisch-demokratische Reformen verhindert und langfristig sogar auf dem Wege über preußische Disziplin und Militarismus dem Entstehen des Nationalsozialismus mit seinem Führerkult den Weg bereitet. Der Theologe Karl Barth behauptet hier sogar eine Ahnenreihe, die von Luther über Friedrich den Großen und Bismarck zu Hitler führen soll.

Martin Luther: Loslösung des Staates aus der Bindung an Gott

Außerdem habe Luther mit der Verselbstständigung des weltlichen Regiments dazu beigetragen, den Staat aus der Bindung an Gottes Gebot zu entlassen und ihm eine fragwürdige Eigengesetzlichkeit zugestanden. Auch dadurch habe er der Kirche die Möglichkeit genommen, sich gegen Fehlentwicklungen im weltlichen Bereich zur Wehr zu setzen. Mit seiner Unterscheidung des Christen in "Christperson", die nach der Bergpredigt zu handeln hat, und "Weltperson" (im Amt), die das nicht tun kann, zerreiße er den Christen und liefere ihn einer ethischen Schizophrenie aus.

Vor allem Paul Althaus hat diese Kritik widerlegt. Hier soll an ein paar wesentliche Einwände gegen die Kritik an Luthers Konzeption erinnert werden:

Das meiste, was hier kritisch gegen Luther eingewandt wird, richtet sich nicht gegen ihn selbst, sondern gegen seine Erben, das Luthertum; beides muss man klar unterscheiden.

Luther selbst war völlig frei von Untertanengesinnung: Er hat den Herrschenden seiner Zeit mit großem Freimut und Mut ins Gewissen geredet und sie oft sogar grob getadelt. Er kannte die Herrscher seiner Zeit und die Versuchungen der Macht zu gut, um sich über sie Illusionen zu machen.

Die ständische Gliederung der Gesellschaft war jedoch damals so allgemein verbreitet und selbstverständlich, dass es anachronistisch wäre, von Luther zu erwarten, er solle demokratische Vorstellungen entwickelt haben.

Luther wollte die politische Herrschaft zwar aus der Bevormundung der Kirche entlassen, jedoch keineswegs sie vom Gehorsam gegen Gott entbinden. Althaus: "Dass der Staat seine Normen nicht von Christus, von der Bergpredigt, von dem Evangelium her bekommt, heißt doch nicht, dass er nicht unter Gott stehe".

Martin Luther und Karl Barth

Die völlige Säkularisierung der Politik ging nicht von Luther, vielmehr von der Renaissance aus (Machiavelli!) und kam erst durch die Aufklärung voll zum Durchbruch.

Der Absolutismus der Herrschenden war eine europaweite Erscheinung des 17. und besonders des 18. Jahrhunderts, d.h. er setzte sich nicht nur in den evangelischen Gebieten durch, im Gegenteil, die katholischen Länder wie Frankreich und Spanien wurden von ihm noch ausgeprägter beherrscht; das gilt auch für die katholischen Länder in Deutschland: "War die blinde Loyalität in dem katholischen Bayern geringer als in dem lutherischen Niedersachsen?", fragt Althaus mit Recht und stellt fest: "Die Wurzeln des Absolutismus aber liegen keineswegs im Luthertum".

Die widersprüchlichen ethischen Anforderungen an den Christen in der Welt gehen zurück auf die Struktur der gefallenen Welt und werden von Luther vorgefunden und nicht erfunden; man kann ihn dafür nicht verantwortlich machen.

Martin Luther: Zwei Reiche Lehre

Luthers Gehorsamsforderung gegenüber der Obrigkeit blieb immer begrenzt durch das Wort Gottes: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" und bezog sich nur auf den weltlichen Bereich.

Luther konnte (noch) davon ausgehen, dass alle Regierenden sich grundsätzlich als Christen unter das Gesetz Gottes gestellt wussten. Das und kein besonderes Vorrecht brachten sie dadurch zum Ausdruck, dass sie sich als "von Gottes Gnaden" bezeichneten.

Dass die Kirche die Gefahr des Nationalsozialismus zunächst nicht erkannte, hing damit zusammen, dass man das prinzipiell Neue dieses totalitären Systems nicht sofort durchschaute: eine Herrschaft, die sich selbst als weltlich-politische "Religion" (besser Pseudoreligion) verstand, absolut setzte und deren "Führer" gottähnliche Züge annahm. Für diese Herrschaftsform galt die bisherige, gemeinsame Voraussetzung für alle Herrschaft im Abendland nicht mehr. Sie erkannte ihre eigene Beschränkung auf den weltlichen Bereich nicht mehr an, erklärte sich für den ganzen Menschen und für alle Wirklichkeitsbereiche als absolut. Genau das wollte aber Luthers Zwei-Regimenten-Lehre unbedingt verhindern. Der Nationalsozialismus ist nicht durch Luthers Zwei-Regimenten-Lehre zur Macht gelangt, sondern gerade im Widerspruch und äußersten Gegensatz zu ihr, denn sie säkularisiert das Politische konsequent.

Martin Luther: Zitat zur Zwei-Reiche-Lehre

Luthers Unterscheidung ist auch für uns heute dringend nötig, weil die Versuchung zur Vermischung beider Regimente auch bei uns dauernd gegeben ist. Darauf weist Gerhard Ebeling mit einem Lutherzitat hin:

"Der vorzufindende Sachverhalt ist die Vermischung der beiden Reiche. Und es ist Sache nicht einmaliger Erklärung, sondern unablässiger Verkündigung, die Unterscheidung der beiden Reiche zu vollziehen. Ich muss immer solchen Unterschied dieser zwei Reiche einbläuen und einkäuen, eintreiben und einkeilen, ob es wohl so oft, dass es verdrießlich ist, geschrieben und gesagt ist.

Denn der leidige Teufel hört auch nicht auf, diese zwei Reiche ineinander zu kochen und zu brauen. Die weltlichen Herren wollen in des Teufels Namen immer Christum lehren und meistern, wie er seine Kirche und geistlich Regiment soll führen. So wollen die falschen Pfaffen und Rottengeister, nicht in Gottes Namen, immer lehren und meistern, wie man solle das weltliche Regiment ordnen. Und so ist also der Teufel zu beiden Seiten gar sehr unmäßig und hat viel zu tun. Gott wollt ihm wehren, Amen, so wir's wert sind".

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema: