7.11.2019
Umgang mit der Vergangenheit

"Nähe zum NS-Staat": Braucht nach Bischof benannte Straße in Hannover einen neuen Namen?

Der Marahrensweg in Hannover braucht einen neuen Namen, empfohl ein Beirat der niedersächsischen Stadt im vergangenen Herbst. Sein Namensgeber, der frühere evangelische Landesbischof August Marahrens, habe eine zu große Nähe zum NS-Staat gehabt. Eine Bürgerinitiative will die Umbenennung verhindern. Eine ähnliche Auseinandersetzung gab es vor Jahren bereits in Nürnberg und München.
Evangelische Marktkirche in Hannover
Die evangelische Marktkirche in Hannover.

Eine Bürgerinitiative will die mögliche Umbenennung des Marahrensweges in Hannover verhindern. Ein solcher historisch gewachsener Straßenname dürfe nicht einfach aus der Stadtkarte getilgt werden, sagte der Sprecher der Initiative, Christian Stichternath, dem Evangelischen Pressedienst epd. 

August Marahrens (1875-1950) war von 1925 bis 1947 Bischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Der Bezirksrat des Stadtteils Döhren-Wülfel plant nun eine Anhörung zu der möglichen Umbenennung.

Eine ähnliche Auseinandersetzung gab es vor Jahren in Bayern

Nach langem Tauziehen hatten die Städte Nürnberg und München beschlossen, die nach Landesbischof Meiser benannten Straßen umzuwidmen. In der Landeshauptstadt wurde die Meiserstraße 2010 in Katharina-von-Bora-Straße umbenannt. Die ehemalige Bischof-Meiser-Straße in Nürnberg heißt seit 2007 Spitalgasse. Hans Meiser war von 1933 bis 1955 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er war wegen Nähe zur NS-Ideologie in die Kritik geraten.

In Hannover wehrten sich inzwischen fast alle Anwohner gegen die Umbenennung der Straße, sagte Stichternath. Mit ihren Unterschriften hätten sie sich für die Erhaltung des Namens ausgesprochen. Marahrens sei nicht persönlich an Verbrechen beteiligt gewesen und habe auch keine tragende Funktion zur Stützung des nationalsozialistischen Staats ausgeübt, betonte der studierte Historiker. "Er war kein NSDAP-Mitglied und gehörte nicht der sogenannten Deutschen Kirche an, die mit den Nationalsozialisten direkt paktierte."

Der Beirat machte dagegen geltend, dass Marahrens zur NS-Rassenpolitik geschwiegen habe. Der konservative Theologe habe seine Stimme nicht gegen die Verfolgung und Vernichtung der Juden erhoben, obwohl er dies als Bischof hätte tun können, sagte Hannovers früherer evangelischer Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann als Mitglied des Beirats dem epd. Auch nach dem Ende des NS-Staates habe sich Marahrens nicht wirklich von der Judenverfolgung distanziert. "Das hat etwas Beschämendes und Erschreckendes."

Der Bischof habe eine Linie des konservativen Luthertums repräsentiert, von der sich die Kirche später mit guten Gründen verabschiedet habe.

Stichternath sagte, es gehe der Initiative nicht darum, den durchaus ambivalent wirkenden Marahrens von Schuld freizusprechen. Die Anwohner sprächen sich vielmehr für erläuternde Hinweise auf Zusatztafeln und eine aktive Auseinandersetzung mit der Person Marahrens aus.

In Hannover war 2014 bereits der frühere Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz am Landtag umbenannt worden, der an den ersten Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen erinnerte. Zuvor waren Verstrickungen von Hinrich Wilhelm Kopf (1893-1961) in das NS-Regime bekanntgeworden.

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