12.06.2019
Kirchenkreis Augsburg und Schwaben

Nördlingen: Wegen diesem Stein muss St. Georg immer wieder renoviert werden

Weil sie aus einem besonderen Gestein besteht, muss die Kirche St. Georg in Nördlingen immer wieder restauriert werden. Das 500 Jahre alte Gotteshaus ist aus Suevit gebaut. Der Stein, der vor Millionen Jahren bei einem Asteroiden-Einschlag entstand, ist besonders anfällig für Risse. Nun tauschen ihn Steinmetze Stück für Stück aus.
Steinmetz Matthias Wittner vor einem unbearbeiteten Suevit-Block

Trotz strahlendem Sonnenschein ist es kühl. Die Steinmetze sind warm eingepackt. Mit schwerem Gerät bearbeiten sie die Steine an der Kirche St. Georg in Nördlingen. Derzeit sind sie an einem der Außenpfeiler beschäftigt. Stück für Stück entfernen sie Steine oder Teile der riesigen Blöcke - um sie dann mit neuen Sandsteinen zu ersetzen.

 Matthias Wittner schaut seinen Arbeitern über die Schultern. "Wir können immer nur einen Stein nach dem anderen auswechseln", sagt er. Seine Firma aus Deiningen ist schon seit einigen Jahren mit der Restaurierung der evangelischen Kirche beschäftigt. Bis 2021 bessern die Arbeiter die Hauptpfeiler aus. "Ich bin guter Dinge, dass wir alle Hauptmaßnahmen rechtzeitig abschließen können", sagt Wittner.

Eine auffällige Rissstruktur

St. Georg wurde 1505 nach einer knapp 80-jährigen Bauzeit fertiggestellt. Ein Großteil der Kirche besteht aus Suevit-Gestein - und das ist der Grund für die Restaurierung. "Suevit ist gut zu bearbeiten, er hat aber aufgrund seiner Geschichte eine auffällige Rissstruktur", erklärt Wittner. Das Gestein ist vor rund 15 Millionen Jahren durch den Einschlag eines Asteroiden entstanden, der auch das Nördlinger Ries formte - einen Krater mit einem Durchmesser von etwa 25 Kilometern. "Durch die extrem hohe Hitze ist das eigentliche Gestein damals verdampft und dann schnell abgekühlt, was zu Spannungsrissen im Suevit führte", erläutert Wittner. Das Gestein ist daher besonders anfällig für Risse und Verwitterung.

Große Steine tauschen die Steinmetze daher mit Sandstein aus. "Das funktioniert zwar technisch gut, ist aber optisch unbefriedigend", sagt Wittner. Der Suevit ist grau, wohingegen der Sandstein eine hellere Färbung hat. Die ausgetauschten Blöcke können leicht unterschieden werden. Nur bei kleineren Anstückelungen werde auf Suevit zurückgegriffen. Insgesamt 1.000 Tonnen Sandstein werden bis zum Jahr 2021 an der Kirche St. Georg verbaut. In letzter Zeit werde im Nördlinger Ries aber auch wieder verstärkt Suevit abgebaut, berichtet Wittner: "Der Aufwand ist sehr hoch, da man einen Großteil der tonnenschweren Blöcke wegen der Spannungsrisse nicht verwenden kann. Andererseits ist das Gestein sehr regional." Der Steinbruch befindet sich zwischen Aufhausen und Amerdingen am Riesrand.

Es gibt kaum Bauaufzeichnungen

Die zum Teil stark angegriffenen Suevit-Blöcke der Kirche genau nachzubauen, ist für die Steinmetze nicht immer einfach. "Wir versuchen nah am Original zu sein, jedoch sind viele Bauaufzeichnungen verloren gegangen", erklärt Wittner. In Köln gebe es beispielsweise noch die Baupläne des Doms, in Nördlingen seien es dagegen nur Überlieferungen. "Wir bedienen uns bei den ältesten Fotos und Zeichnungen, die wir bekommen können." Dabei wird eng mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege zusammengearbeitet.

Vier Mitarbeiter sind mit den Arbeiten an St. Georg beschäftigt. Im Herbst wird stets das Gerüst aufgebaut und der Schaden an der Fassade begutachtet. Im Winter werden dann die ersten Blöcke angefertigt, im Frühjahr und Sommer die Arbeiten durchgeführt. "Wir versuchen von Oktober bis Oktober einen Bauabschnitt abzuarbeiten", sagt Wittner.

 Und wie geht es nach 2021 weiter?

"Dann steht wohl die Restaurierung der Restaurierung an", meint Wittner. Im Turm hätten sich bereits wieder Risse gebildet. Der "Daniel", wie ihn die Nördlinger nennen, wurde bereits in den 1970er und 80er Jahren restauriert. "Leider wird oft erst Budget locker gemacht, wenn was abbricht oder Steine herunterfallen", sagt Wittner. Stattdessen sollte man alle fünf Jahre nach Schäden Ausschau halten. "So könnte man Kosten sparen", glaubt der Fachmann.

Eine weitere Baustelle, die wohl in den kommenden Jahren aufkommt, sind die Säulenfüße in der Kirche. Sie sind vom Salz angegriffen. "Die Kirche steht zum Teil auf einem alten Friedhof und der menschliche Körper hinterlässt beim Zerfall Nitrate", erklärt der Steinmetz. Diese Salze habe der Suveit aufgesogen und jedes Mal, wenn sich die Temperatur in der Kirche ändert, dehnt sich das Salz aus und zieht sich wieder zusammen. Die Folge: Der Stein bröckelt und verliert seine Tragfähigkeit.

Als erste Sofortmaßnahme wurde das Heizen in der Kirche verboten. Die Restaurierung werde "bautechnisch eine enorme Herausforderung", meint Wittner. Denn es müssten Stahlkonstruktionen angebracht werden, um die Tragelast von den Säulen abzunehmen. "Dann können die Sockel ausgebessert und der Boden mit Blechen versiegelt werden", erklärt er. Und das alles, damit die Kirche St. Georg noch weitere 500 Jahre stehen bleibt.

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