12.09.2019
Arbeitslosigkeit und Wahlen

Studie: Warum viele Langzeitarbeitslose nicht mehr wählen gehen

Viele Langzeitarbeitslose sehen keinen Sinn darin, bei Wahlen ihre Stimme abzugeben. In einer Studie des Evangelischen Fachverbands für Arbeit und soziale Integration und der Diakonie wurden die Gründe erforscht.
Mit der Kampagne "Unerhört!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft
Mit der Kampagne "Unerhört!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft.

Wenig Geld, gesundheitliche Probleme, alleinerziehend, das Gefühl, bevormundet zu werden: Ohne Hoffnung auf Verbesserung erleben viele langzeitarbeitlose Menschen in Deutschland ihre Situation. Das haben sie in einer Studie "Unerhört! Langzeitarbeitslose Nichtwähler melden sich zu Wort" in rund 70 Interviews so beschrieben. Die Analyse dieser Berichte haben in Nürnberg der Evangelische Fachverband für Arbeit und soziale Integration (EFAS) und die Diakonie Bayern vorgestellt. Darin wird deutlich, dass Hartz-IV-Empfänger oft Nichtwähler werden. Statistiken legt die Studie nicht vor.

Warum viele Langzeitarbeitslose keinen Sinn im Wählen sehen

Sie gingen nicht zur Wahl, weil sie das Gefühl hätten, dass Politiker sich nicht um sie kümmerten und sie "zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig zu haben", sagte EFAS-Vorstandsvorsitzender Marc Hentschke. Die Untersuchung analysiert Interviews, die Langzeitarbeitlose über ihr Schicksal mit anderen Langzeitarbeitlosen geführt haben. Kafkaeske Erlebnisse mit Behörden, Berichte über Krankheiten und keine Möglichkeiten, am sozialen Leben teilzuhaben, zeigten ein düsteres Licht und führten "das Unerhörte, eine brennende soziale Frage vor Augen", sagte Hentschke. Politiker müssten sich damit auseinandersetzen.

Diakonie-Präsident Bammessel: Studie ist Alarmsignal

Der Präsident der Diakonie Bayern, Michael Bammessel, nannte die Studie ein Alarmsignal, weil eine große Gruppe im Urnengang keinen Sinn mehr sehe. Er fürchte, dass Unfrieden, Risse und Spalte in der Gesellschaft größer würden. Die Folgen träfen wiederum die Schwächeren in der Gesellschaft.

Die Hartz-IV-Reformen hätten zwar zum Ziel gehabt, Menschen zu aktivieren, aber viele von ihnen fühlten sich als "Objekte in einer Maschinerie", insbesondere wenn sie als sinnlos empfundene Schulungsmaßnahmen "verordnet" bekämen, sagte Bammessel. Der Gesetzgeber habe inzwischen mehr Möglichkeiten für Langzeitarbeitslose geschaffen, "aber hier ist noch mehr möglich".

"Die kümmern sich keinen Dreck um uns" oder "Man nimmt uns nicht wahr" sind Zitate aus den Gesprächen und Motive für das Nichtwählen, sagte der Soziologe Franz Schultheis (Friedrichshafen), der die Arbeit wissenschaftlich begleitet hat. Die Betroffenen wollten außerdem mit der Ablehnung der Stimmabgabe zeigen, dass sie sich dem politischen System verweigern, erklärte er. Die Betroffenen hätten zwar wenig Ressourcen, sie sollten sich aber trotzdem solidarisieren, "aus dem Schatten treten und auf den Tisch hauen", forderte Schultheis.

Wo die Ergebnisse der Studie im Internet zu finden sind

Die Interviews mit den Langzeitarbeitlosen sind im Internet nachlesbar. In der Studie enthalten sind auch die Antworten von Bundespolitikern, darunter der CDU-Bundesvorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer, was sie gegen eine soziale Spaltung unternehmen wollen.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Soziale Gerechtigkeit

Grundeinkommen für alle?
Autor
Noch vor sechs Monaten war soziale Gerechtigkeit überall: In Zeitungsüberschriften, in der Tagesschau, in jedem Kneipengespräch. Anfangs hatte der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz mit seinem Wahlkampfthema einen Nerv bei vielen Wählern getroffen – heute scheint das Interesse daran verflogen zu sein. Und das, obwohl viele Menschen in Deutschland das Gefühl haben, dass der Unterschied zwischen Arm und Reich immer größer wird. Aber wie viel Gerechtigkeit kann ein Einzelner von seiner Gesellschaft erwarten? Wer soll sie herstellen? Der Staat, der Arbeitgeber, die Nachbarn, die Freunde, die Kirchen?