4.05.2019
Bayerns ältestes Wunschkonzert

Beim Winterhäuser "Chormahl" zieht der Kirchenchor von Haus zu Haus

Alle sieben Jahre findet im unterfränkischen Winterhausen ein einmaliges Wunschkonzert statt. Dann zieht der Kirchenchor zum "Ansingen" durchs Dorf und erfüllt Musikwünsche. Eine Woche später gibt es dafür ein Festessen: das "Chormahl".
Kirchenchor Winterhausen
Historisches Foto von Kirchenchor Winterhausen

Es war einmal ein Freiherr, der mochte Kirchenmusik: Georg Friedrich Schenk aus dem Geschlecht derer von Rechteren-Limpurg unterschrieb deshalb am 31. Mai 1625 eine ganz besondere Stiftungsurkunde. Mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges ließ er Kirchenchöre gründen, auch im unterfränkischen Winterhausen bei Würzburg. Zugleich erließ er eine strenge Kirchenchorordnung - inklusive "Chormahl". Dieses bayernweit einmalige Spektakel findet alle sieben Jahre statt, heuer ist es wieder so weit.

Helga Kiesel kennt das "Chormahl" seit ihrer Kindheit, seit gut 50 Jahren ist sie selbst dabei. "Das gehört hier einfach mit dazu", sagt sie. Und das nicht nur, weil sie früher auch mal Sekretärin im evangelischen Pfarramt war. "In Winterhausen wächst man mit diesem Brauch auf", sagt sie. Dabei stand es um die inzwischen fast 400-jährige Winterhäuser Tradition zu Beginn des 20. Jahrhunderts gar nicht gut. Wegen Notzeiten und Kriegen fand das "Chormahl" damals nur in den Jahren 1904, 1925 und 1928 statt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg belebten treue Sänger das "Chormahl" im Jahr 1949 wieder - und verpassten ihm einen siebenjährigen Rhythmus. "Ist ja eine biblische Zahl", sagt Helga Kiesel mit einem Lachen. Ursprünglich war der Brauch jährlich vorgesehen, im 17. Jahrhundert hielt sich der Chor auch noch daran, danach wurden die Abstände mal größer, mal kleiner. Aber anders als im benachbarten Sommerhausen auf der anderen Seite des Mains schlief die "Chormahl"-Tradition in Winterhausen nie ein.

Die Tradition hat sich gewandelt

Die Tradition hat sich aber gewandelt. Weil der Freiherr einst den Sängern als Dank für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste das Festessen gestiftet hatte, irgendwann aber nichts mehr zu melden hatte, fiel der Geldgeber weg. Die Sänger des Kirchenchors mussten sich ihr Essen also selbst verdienen, so entstand das "Ansingen". Eine Woche vor dem eigentlichen "Chormahl" ziehen die Sänger von Haustür zu Haustür und geben private Wunschkonzerte. Dafür gibt es Sach- und Geldspenden.

Dieses Mal ziehen die Sänger unter der Leitung von Edelgard Kern wieder zwei Tage durch Winterhausen. Der Ort ist inzwischen zu groß, um die Tour an einem Tag zu machen. Und alleine schafft es der Chor auch nicht. 2012, bei der letzten Chormahl-Auflage, sang der Chor stolze 107 Wunsch-Ständchen, die Musikkapelle spielte 120. Los geht es dieses Mal am Freitagnachmittag, 10. Mai, um 15.30 Uhr, sagt Helga Kiesel. Dann ziehen die Musiker und Sänger durchs Neubaugebiet, am Samstag ist schließlich der gesamte Altort dran.

Kirchenchor Winterhausen
Der Winterhauser Kirchenchor beim Chorprobenwochenende im Februar 2019

Die 1625 erlassenen Vorschriften für das besondere Brauchtum haben sich in den fast 400 Jahren ziemlich verändert. Früher musste jeder, der unentschuldigt beim Gottesdienst fehlte, ein Viertel Wein Strafe zahlen - damals ein kleines Vermögen. Oder auch: Früher wurden die kleinen Wunschkonzerte von den Einheimischen mit eigenem Wein bezahlt. Eine Art Vorkoster stufte sie in gut und schlecht ein - für jede Kategorie gab es ein Fass auf einem Bollerwagen, "in dem alles zusammengekippt wurde", erinnert sich Kiesel.

Heute bezahlt die Kirchengemeinde übrigens alle sieben Jahre das Festessen für die Chorsänger - das beim "Ansingen" gesammelte Geld fließt in einen jährlichen Umtrunk. Schon immer fanden "Ansingen" und "Chormahl" in den kalten Monaten statt, erinnert sich Kiesel, "denn da hatten die Bauern mehr Zeit". Noch im Jahr 1956 ging der Chor unter der Woche von Haus zu Haus, "und die Kinder hatten an dem Tag schulfrei", sagt Kiesel. Inzwischen findet der Brauch immer Anfang Mai statt, wenn die Temperaturen schon erträglicher sind.

Festessen "typisch fränkisch"

Praktisch übrigens funktioniert das "Ansingen" eher unspektakulär: Die Anwohner dürfen sich aus einer Liste mit mehreren Dutzend Titeln - von Bach bis zu modernen Gospels - einen aussuchen. Eine Vorhut klingelt, fragt, ob sie ein Ständchen wünschen, und legt die Titellisten von Chor und Kapelle vor. Schon jetzt bereiten sich die Winterhäuser gedanklich aufs große Jubiläum vor. Ehe in sieben Jahren, also 2026, das nächste Chormahl begangen wird, stehen 2025 stolze 400 Jahre des besonderen Brauchs an. "Das wird groß gefeiert", sagt Kiesel.

Noch aber wird das Hier und Jetzt geplant: Das Festessen wird auch in diesem Jahr wieder "typisch fränkisch" sein: Nach dem Chormahl-Gottesdienst am 19. Mai um 10 Uhr, in dem übrigens der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm predigen wird, gibt es wieder Hochzeitssuppe, Braten und nachmittags dann Kaffee und Kuchen.

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Musik & Wirkung

Kantor Michael Roth.
Singen oder Brummen? Einstimmen oder lieber schweigen? Michael Roth ist seit 2012 Kantor an der evangelischen Markuskirche München. Seit 2014 lädt er im Dezember zum Adventsliedersingen und im Sommerhalbjahr zu einem "Evensong". Was Menschen am gemeinsamen Singen reizt und warum man keine Angst haben sollte, sich dabei zu blamieren, erklärt er im Interview.

Tonstudio, Konzertsaal, Kirche

Klaus Geitner und Hartmut Küfner.
Er gehört zu den größten und ältesten Kirchenchören in der bayerischen Landeshauptstadt: Der Chor der evangelischen Himmelfahrtskirche Sendling feiert 100. Geburtstag. Zur Chorgeschichte gehören ein blinder Organist, ein BR-Aufnahmeleiter, eine Briefmarke, ein sanfter Diktator - und natürlich einer, der (fast) alles miterlebt hat: Hartmut Küfners Familie ist dem Chor seit 98 Jahren treu.