6.05.2019
Berghütten und Lederhosen

Wie Juden zur Erschließung der Alpen beigetragen haben

Nur wenige wissen, dass es häufig Juden waren, die Alpenhütten bauten, als Badeärzte arbeiteten und auch die Trachten modern machten. Martina Klecha über ein trauriges Kapitel des Alpenvereins.
Viele Berghütten in den Alpen wurden von Juden gegründet. Auch das erste Geschäft für Trachtenmode in München wurde von Juden eröffnet. Im Zuge des Antisemitismus wurden sie aber vom Alpenverein ausgeschlossen, durften nicht mehr in den Hütten übernachten. Ein Blick auf die traurige Geschichte. Audio-Beitrag von Martina Klecha.

Schon im 19. Jahrhundert schwärmte der Rabbiner Samson Hirsch:

"Wenn ich einmal vor Gott stehe, wird der Ewige mich fragen: Hast Du meine Alpen gesehen?"

Für viele jüdische Dichter, Denker und Musiker waren die Berge Sehnsuchts- und Zufluchtsort, Heilstätte und Erholungszentrum. So kam es, dass Juden maßgeblich an der Erschließung der Alpen beteiligt waren. "Sie haben als Badeärzte, als Unternehmer, die zum Beispiel die Eisenbahn in die Berge brachten, gearbeitet. Sie haben die Berge touristisch mit erschlossen." Und auch einige wichtige Bergsteiger haben den Bergsport entscheidend mitgeprägt, so Friederike Kaiser, Leiterin des Alpinen Museums in München.

Münchner Juden machten Trachten salonfähig

Münchner Juden haben aber nicht nur an der Erschließung der Alpen mitgearbeitet, sie haben auch die alpenländische Trachtenmode salonfähig gemacht. Das erste Trachtengeschäft wurde hier im Jahr 1900 von den Brüdern Wallach eröffnet. Sie nahmen im Grunde die bäuerliche Arbeitskleidung, also das Dirndl, und verfeinerten es in Stil, Schnitt und Stoff. Damit konnte es auch die elegantere Städterin tragen.

Gedenktafeln über Ausgrenzung der Juden seit 1980

Die Münchner Juden trugen gerne Tracht und liebten es, in die Berge zu gehen. Doch mit dem aufkommenden Antisemitismus war das alles unerwünscht. Juden wurden aus dem Alpenverein ausgeschlossen und durften auf Berghütten nicht mehr übernachten. Auf dem Weg von München nach Venedig entdeckte Renate Düring im Friesenberghaus Gedenktafeln über die Ausgrenzung der jüdischen Alpinisten. Das Alpenvereinsmitglied war völlig erschüttert darüber, dass das in "ihrem" Verein möglich gewesen sein soll. Da sie bis dahin nichts über dieses traurige Kapitel wusste, findet sie es sehr gut, dass der Alpenverein 1980 Gedenktafeln an der Friesenberghütte anbringen ließ. "Sie halten die Erinnerung aufrecht. Es ist sehr präsent gewesen", meint Renate Düring.

Heute sind die Alpen wieder beliebter Urlaubsort und Treffpunkt für die Juden aus aller Welt. Besonders Davos und Arosa sind bei orthodoxen Juden beliebt. Es gibt sogar Hotels, die auf deren spezielle Bedürfnisse eingerichtet sind. In ihrer schwarzen, traditionellen Kleidung werden sie zwar kaum Gipfel erklimmen, aber sie genießen die Berge zur Erholung und als spirituellen Ort.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Buch "Weit-Blick"

Autor
Steile Felswände, kristallklare Seen, reine Luft: Berge sind für viele Menschen ein Sehnsuchtsort - auch für Christine Scheel und ihren Mann Gerhard Engel. Sie durchqueren seit Jahren gemeinsam die Alpen. In ihrem Buch "Weit-Blick" nehmen sie uns mit auf Wanderschaft. Ein Interview über Vorbereitungen, Schwierigkeiten und Erfahrungen, die eine Tour durch die Alpen mit sich bringen.

Buchtipp

Weitblick Scheel Engel
Berge sind Sehnsuchtsorte. Gerade der urbane Mensch sucht die Herausforderung des Gipfels. Die langjährige Bundestagsabgeordnete und Grünen-Ikone Christine Scheel überquert mit Ihrem Mann Gerhard Engel, dem ehemaligen Präsident des Bayerischen Jungendrings, jedes Jahr zu Fuß die Alpen. Nun haben die beiden ihre Tour vom Chiemsee zum Lago di Misura auf einer bislang unbekannten, selbst entworfenen Route festgehalten.
efa