13.08.2019
Theologie und Kunst

"Bild und Botschaft": Wie in den Münchner Pinakotheken über Kunst und Theologie diskutiert wird

Erst ein Vortrag, dann ins Museum: Jeden letzten Dienstag im Monat besprechen Experten und Interessierte in den Münchner Pinakotheken ein Kunstwerk - aus kunsthistorischer und theologischer Perspektive. Das Projekt "Bild und Botschaft" gibt es seit bald 30 Jahren.
Frau malt Bild

Am Ende rückt die gesamte Gruppe noch mal ein Stück näher an das drei mal zwei Meter große Gemälde heran. In zehn Minuten wird die Münchner Pinakothek der Moderne ihre Türen schließen. Aber vor Neo Rauchs Werk "Wahl" wird noch angeregt diskutiert. "Oder es heißt 1 minus 1", mutmaßt eine Dame aus der Zuhörerschar und zeigt auf Schriftzeichen am unteren Bildrand. "Das würde ja wunderbar passen!", sagt Veranstalter Martin Bogdahn etwas überrascht – ehe die Schar der Kunstinteressierten noch einmal in stumme Betrachtung verfällt. Möglicherweise der Frage auf der Spur, ob der Mensch denn nun eine "Wahl" im Leben hat.

Worum es bei "Bild und Botschaft" in den Pinakotheken geht

Die Szene im Museum könnte einige zufällige Besucher überrascht haben. Gelten doch bildende Kunst und ihre Deutung gemeinhin als sperriges Thema für einige ausgesuchte Experten – und Kunstgeschichte und Theologie noch viel mehr. Das Projekt "Bild und Botschaft" will seit geraumer Zeit den Gegenbeweis antreten: Seit bald drei Jahrzehnten organisieren die Macher Vorträge, in denen Kunstwerke mit Blick auf ihre historische und theologische Bedeutung besprochen werden.

Im Anschluss wird vor dem Original mit dem Publikum diskutiert. Jeden Monat gibt es eine Veranstaltung. Die 20 Personen, die sich an diesem Abend vor dem riesigen Rauch versammeln, sind dabei nur die Spitze des Eisbergs: Den vorausgegangenen Vortrag in einem Hörsaal der Ludwig-Maximilians-Universität hatten weit mehr als 200 Menschen verfolgt.

Und auch das ist noch eine vergleichsweise kleine Zahl: "Heute sind Wiesn und Trambahn-Chaos", erklärt Professor Christoph Levin, der das Projekt unter seine Fittiche genommen hat. Normalerweise sei der Andrang noch größer. Der Grund? "Es ist immer wieder spannend", sagt eine andere Besucherin, bevor sie sich Richtung Ausgang wendet.

Ähnliche Projekte in Dresden und Leipzig

Tatsächlich hatte vor allem Andreas Hildmann die spannende Aufgabe abbekommen: Der frühere Beauftragte der evangelischen Landeskirche für Kunst und Künstlerseelsorge sollte die theologische Dimension von Rauchs Gemälde aus dem Jahr 1998 darstellen. "Da bin ich auchgespannt, wie er das macht", scherzte Oberkirchenrat i. R. Martin Bogdahn, einer der vier Leiter des Projekts. Es gehöre allerdings zum Konzept, dass sich die Referenten die Objekte nicht selbst aussuchen.

Hildmann absolviert diese Prüfung augenscheinlich mit Leichtigkeit. Seine Deutung sei immer nur eine von vielen möglichen, betont er – und kommt dann unter anderem auf ein im Gemälde abgebildetes Kunstwerk als "Todesmenetekel" zu sprechen. Auch den Wert der Kunst für den Gläubigen betont er:

"Kunst hat oft mehr prophetische Kraft gehabt als wohlfeile Predigten", sagt Hildmann.

Die Kraft, "unsere vielfach bedrohte Welt zu retten", stecke zwar nicht in den Kunstwerken selbst; aber sie könnten die Betrachter "wecken, wach machen, zur Tat anspornen".

Auch diese Hoffnung mag ein Grund für den Start des Projekts "Bild und Botschaft" gewesen sein. Ins Leben gerufen wurde es jedenfalls anlässlich eines kleinen Kirchentags in München, wie Hildmann erzählt – damals war eine erste ähnliche Veranstaltung unter Schirmherrschaft der Johanniter zu erleben gewesen. Eine Gruppe um Hildmann und den Johanniter Friedrich-August von Metzsch griff die Idee auf – um neue Inspirationen zu liefern, aber laut Bogdahn auch, um eine "abendländische Botschaft" wachzuhalten. Das gelingt "Bild und Botschaft" sogar fast ohne eigenes Budget, wie Levin sagt. Mittlerweile ist die Reihe zum Vorbild für ähnliche Projekte in Dresden und Leipzig geworden.

Ökumenische Referenten und Kunsthistoriker

Wichtig ist den Machern gleichwohl auch: Das Ganze soll keine rein evangelische Veranstaltung sein. Die Verteilung der beiden Referate sei häufig ökumenisch, sagt Bogdahn. An diesem Abend ist etwa mit Ulrich Schäfert, dem Fachbereichsleiter der Kunstpastoral im Erzbischöflichen Ordinariat München, auch ein Vertreter der katholischen Kirche als Vortragender mit von der Partie. Und mit der Kunsthistorikerin Daniela Thiel hat das Projekt zusätzlich eine anerkannte Kunst-Expertin ohne beruflichen Kirchenbezug im Leitungsteam.

"Ganz wollten wir ja das Thema der Kirche auch nicht überlassen", scherzt Thiel.

Dass sich durch die Vorträge auch Reibungspunkte ergeben, sei gewünscht: "Dabei entsteht bei den Zuhörern oft ein richtiger Hunger aufs Diskutieren", erzählt Bogdahn. Das beweist der Stopp kurz vor Torschluss der Pinakothek der Moderne vor Neo Rauchs Gemälde – das die Betrachter nun auch auf ein paar theologische Aspekte abklopfen können.

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