19.10.2020
"Kirche in Bayern"

Sehen fast wie neu aus: Bayerische Staatsbibliothek zeigt wertvolle rund 500 Jahre alte Handschriften

Sie kommen aus Bayern, sind klein, handlich und über 500 Jahre alt: die drei Neuerwerbungen der Bayerischen Staatsbibliothek. Derzeit lagern die Schätze im Tresor der größten deutschen Bibliothek – für Kirche in Bayern wurden die drei wertvollen Handschriften aus dem 15. und 16. Jahrhundert aber aus ihren Schatullen geholt.
Schon seit 20 Jahren werden in der Bayerischen Staatsbibliothek alte Handschriften, Drucke und Bücher digitalisiert. So werden nicht nur die wertvollen Bestände geschont, sie können damit für alle Interessierten zugänglich gemacht werden. Mittlerweile sind schon 2,5 Millionen Werke gescannt worden. In ihrem Beitrag erklärt Elke Zimmermann, worauf es dabei ankommt.

Extra für unsere Dreharbeiten haben die Mitarbeiter der Bayerischen Staatsbibliothek die drei Neuerwerbungen aus dem Tresor geholt. Und da schweben nun scheinbar die Bücher in den abgedunkelten Vitrinen:

Zwei der drei Werke beinhalten Illustrationen vom berühmten Nürnberger Buchmaler Nikolaus Glockendon (gest. 1534). Das Gebetbuch für Wolfgang Hofmann, Faktoreivorsteher der Fugger in Nürnberg, und seiner Frau Helena sei zwischen 1513 und 1514/15 entstanden und eines seiner frühen Werke. Es umfasst 299 Pergamentblätter.

Besonders außergewöhnliche Miniaturen weist der von Heinrich von St. Gallen verfasste "Passionstraktat" auf, der 1521 vollendet wurde. Dieser Codex sei der wertvollste Teil der Erwerbungen, hieß es. Bedeutsam und besonders seien die ganzseitigen später in den Buchblock eingefügten 23 Deckfarbenminiaturen. Glockendon schuf sie nach dem Vorbild von Albrecht Dürers "Kleiner Holzschnittpassion" von 1511.

Ältester Ankauf ist eine Fabelsammlung. Sie wurde 1453 in Bayern von Johannes Mör zweispaltig auf Papier geschrieben. Besonderheiten seien einige der 84 kolorierten, rot gerahmten Federzeichnungen am Anfang jeder Fabel. Der Text dieser ersten deutschen Fabelprosasammlung wurde von Ulrich von Pottenstein um 1411/17 ins Deutsche übersetzt.

Dass sie fast wie neu aussehen, ist aber keine Überraschung für die Leiterin der Abteilung Handschriften und Alte Drucke, Dr. Claudia Fabian. Das seien immer schon wertvolle Gegenstände gewesen, mit denen die Besitzer sorgfältig umgegangen sind. "Nicht wie wir heute, wenn wir ein Taschenbuch benutzen". Und auch die Vorbesitzer haben die Bücher sehr "pfleglich" behandelt.

Staatsbesitz für alle zugänglich

Die Bücher stammen aus Privatsammlungen, haben einen niedrigen siebenstelligen Betrag gekostet. Da der Bayerische Staat jetzt Besitzer ist, stehen diese Werke nun der Wissenschaft zur Verfügung.

Dabei schließen sie eine wichtige Lücke, da sie alle rund 500 Jahre alt sind, aus Bayern kommen und in Deutsch geschrieben sind. Das ist interessant für Historiker, Kunstgeschichtler, aber auch für Theologen und Sprachwissenschaftler. Sie alle erhoffen sich neue Erkenntnisse über diese Zeit. Und Dank Digitalisierung kann auch jeder interessierte Laie die Bücher ansehen.

Mittelalter trifft Hightec

Über 2,5 Millionen Handschriften, Karten und Bücher stehen jetzt schon im Internet zur Verfügung. Seit 20 Jahren setzt die Bayerische Staatsbibliothek technische Standards. Ganz alte Werke werden Zeile für Zeile gescannt, damit sie nicht zu viel Licht abbekommen.

Der Münchner Finger – ein Stab aus Plexiglas – ist eine Erfindung, die mittlerweile weltweit eingesetzt wird. Das alles zum Schutz und Erhalt der historischen Werke, die dann nur noch einmal je nach Möglichkeit geöffnet und dem Licht ausgesetzt werden.

Die jüngste Entwicklung ist der Scanroboter, in dem die Seiten durch Luftdruck umgeblättert werden. Das schont das Papier und ist superschnell. Knapp 1500 Seiten können so per Stunde abgebildet und gespeichert werden, ohne berührt zu werden. Mittelalter trifft Hightech.

Sind die Inhalte dann digitalisiert, kommen die Bücher zurück in ihre speziell angefertigten Schatullen, damit sie mindestens nochmal 500 bis 1000 Jahre sicher und gut erhalten bleiben. In der Zwischenzeit kann jeder, der sich dafür interessiert, gemütlich im Wohnzimmer die Meisterwerke ansehen, darin blättern und sich daran freuen.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Kultur im Elsass

Humanistenbibliothek von Schlettstadt
Mit den deutschen Humanisten tat man sich in Frankreich aus historischen Gründen lange schwer – obwohl sie zum reichen Erbe des Elsass und des Oberrheins gehören. Die eindrucksvolle und 2018 wiedereröffnete Humanistenbibliothek von ­Sélestat, zu Deutsch Schlettstadt, macht das sichtbar.

Religionsunterricht

Die Grundschule am Gerner Platz in Puchheim arbeitet an einem neuen Konzept für den Religionsunterricht. Um die Durchmischung der Klassen in Religionslehre und Ethik zu vermeiden, soll ein gemeinschaftlicher "Werteunterricht" eingeführt werden. Drei Fragen an die Puchheimer Grundschul-Elternbeirats-Vorsitzende Tanja Olszak.
efs