14.12.2019
"Kirche in Bayern"

Frauen der Justizvollzugsanstalt Aichach gestalten Adventskalender

Genau 24 Fenster hat das Rathaus in Aichach. Vor einigen Jahren hatte der Bürgermeister der Stadt die Idee, in ihnen einen Adventskalender zu installieren. Die Nähe zur Justizvollzugsanstalt, in der Frauen ihre Haft absitzen, führte zu einer ganz besonderen Aktion. Und so haben 2019 zum dritten Mal inhaftierte Frauen die Fenster für den Adventskalender gestaltet.
Frauen der JVA Aichach haben ihre Kunsttherapie dazu genutzt, die Rathausfenster in Aichach zu einem Adventskalender umzugestalten. Zwar können sie das Ergebnis nicht "live" sehen. Aber es hilft ihnen, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die für sie häufig nie eine Rolle gespielt haben. Gunnar Dillschneider berichtet für "Kirche in Bayern".

Heute öffnet der Nikolaus höchstpersönlich eines der 24 Fenster im Rathaus Aichach. Ein Engel erscheint. Rot und orange strahlt er Freude und gute Laune aus. Normalerweise würde jetzt der Künstler selbst einen kurzen Text zum Werk vortragen. Aber in diesem Fall geht das nicht. Eine inhaftierte Frau aus der Justizvollzugsanstalt Aichach hat die vier Teile aus Plexiglas gestaltet. Deswegen geht die evangelische Gefangenenseelsorgerin Anna Becker ans Mikrofon und trägt den Text vor.

Wer sich mit Kunst beschäftigt, kommt um die großen Fragen des Lebens nicht herum. Und das bietet Pfarrerin Anna Becker auch reichlich Gesprächsstoff mit den inhaftierten Frauen. "Wenn einem grundlegende menschliche Bedürfnisse verschlossen bleiben, zum Beispiel das der Freiheit, dann stellt sich die Frage, was Menschlichkeit ist. Diese essentiellen Fragen sind auch religiöse Fragen", so Becker. 

Fünf Kunsttherapiegruppen gibt es in der Justizvollzugsanstalt Aichach. Viele fangen sie aus purer Langeweile an, so Initiatorin Kerstin Weger. Die Frauen haben viel Zeit im Gefängnis. "Es gibt wenig Ablenkung. Kein Internet, kein Handy, keine Spielkonsole. Der Haftalltag ist grau und langweilig." Und so bringt Kunst Abwechslung, fördert die Fantasie und das Selbstbewusstsein. Aber gleichzeitig sind Malen und Schreiben auch Therapie, um sich mit Themen und Fragen zu beschäftigen, die im alltäglichen Leben außerhalb des Gefängnisses nie vorgekommen sind.

Dass ihre Kunstwerke in der Öffentlichkeit gezeigt werden, hebt das Selbstbewusstsein der Frauen – auch wenn sie selbst nicht dabei sein können. Die Besucher des Christkindlmarktes finden die Fenster jedenfalls schön. Und damit haben alle etwas davon: die Menschen 'draußen' einen wunderschönen Adventskalender und die Frauen 'drinnen' ein gutes Gefühl für sich selbst.

TV-Tipp: "Kirche in Bayern"

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