10.09.2020
Donald Trump für Nobelpreis nominiert

Hitler, Gandhi und der Friedensnobelpreis

US-Präsident Donald Trump wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen – bereits zum zweiten Mal. Doch das Kuriositäten-Kabinett der Friedensnobelpreis-Nominierungen hat noch mit weiteren Geschichten aufzuwarten: Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs gehörte auch Adolf Hitler zu den Nominierten. Dahinter stand, anders als nun, eine satirische Aktion, die leider unerwünschte Nebenwirkungen hatte.
Donald Trump US-Präsident

Als sich der schwedische Reichstag am 10. Januar 1939 zu einer ersten Sitzung des neuen Jahres versammelte, standen die Parlamentarier ganz unter dem Eindruck der sich überschlagenden Ereignisse in Europa.

Der Alterspräsident der ersten Kammer, Carl Lindhagen, sprach in seiner Begrüßungsrede von Schwedens "unstillbarer Sehnsucht nach Frieden". Er geißelte die seiner Ansicht nach im neutralen Schweden umgehende "Aufrüstungs-Hypnose", für ihn eine "Ausgeburt des derzeitigen Wahnsinns". Lindhagen zitierte den dänischen Ministerpräsidenten Stauning, der kurz zuvor jegliche Aufrüstung für Dänemark kategorisch abgelehnt hatte.

Doch schon am nächsten Tag hörten die Abgeordneten den König, als dieser seine Thronrede verlas. Gustav V. donnerte, man befinde sich in einer höchst angespannten Situation, und forderte die Regierung auf, Mittel zum Bau von zwei neuen Schiffen für den Küstenschutz bereitzustellen.

Krieg in Sicht

Zeuge dieser unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Reden wurde auch der damals 54-jährige Reichtagsabegordnete Erik Gottfrid Christian Brandt (1884-1955). Brandt, ein Pfarrerssohn aus Borrby bei Kristianstad, hatte in Lund studiert und war 1911 Volksschullehrer in Luleå geworden. 1915 stieg er zum Schulinspektor in Dalarna in Mittelschweden auf. Und jüngst hatte eine Laune des parlamentarisch-demokratischen Schicksals den Schulmeister und Gemeinderat zum schwedischen Reichstagsabgeordneten gemacht.

Friedensnobelpreis für Donald Trump?

US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump bei einer Rede für die Conservative Political Action Conference (2015).
Donald Trump bei einer Rede für die Conservative Political Action Conference.

Die USA werden derzeit von Unruhen und Gewalt erschüttert. Dennoch hat ein norwegischer Reichstagsabgeordneter US-Präsident Donald für den Friedensnobelpreis nominiert – und das bereits zum zweiten Mal.

Nominierungen sind normalerweise nicht öffentlich, doch Christian Tybring-Gjedde von der norwegischen rechtspopulistischen Fortschrittspartei machte die Nominierung per Facebook bekannt: Er lobte Trumps Nahostpolitik, die zu einer Annäherung zwischen den Vereinten Arabischen Emiraten und Israel geführt habe: "Das Abkommen könnte den Weg freimachen für einen dauerhaften Frieden zwischen vielen arabischen Ländern und Israel."

Er hoffe, schrieb Tybring-Gjedde, dass das Nobelkomitee in der Lage sei, zu beurteilen, was Trump außenpolitisch erreicht habe und "nicht über die etablierten Vorurteile gegen den US-Präsidenten stolpert".

Die Nominierung Trumps bezieht sich auf die Preisvergabe 2021. Der Friedensnobelpreis wird seit 1901 jedes Jahr am Todestag Alfred Nobels, dem 10. Dezember, in Oslo verliehen. Seit 2017 ist der Preis mit neun Millionen Schwedischen Kronen (rund 870.000 Euro) dotiert. Zum Stichtag 1. Februar 2020 lagen dem Nobelpreiskomitee für diese Jahr Nominierungen von 317 Personen und Organisationen vor.

Bereits 2019 hatte der norwegische Abgeordnete Donald Trump für den Friedenspreis vorgeschlagen. Trumps Amtsvorgänger Barack Obama wurde 2009 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Während sich am Horizont Hitlers Krieg immer deutlicher abzeichnete, steckte Schweden mitten in einem tief greifenden Wandel. Noch 1931, während der Weltwirtschaftskrise, hatte das Militär auf Streikende geschossen. Bei den Wahlen 1932 bildeten dann erstmals die Sozialdemokraten die Regierung. Mit Beschäftigungsprogrammen und Strukturprogrammen bekämpfte die neue Regierung erfolgreich die Krise. 1938 folgte mit dem "Abkommen von Saltsjöbaden" der Grundstein für die dauerhafte schwedische Sozialpartnerschaft: Schweden begann den Aufbau seines "Volksheims" – des Wohlfahrtsstaates, der das Land bis heute prägt.

Fünfter Nachrücker

Bei den Wahlen 1935 hatte der Sozialdemokrat Brandt noch auf einem aussichtslosen Listenplatz gestanden. Eine unwahrscheinliche Folge von zwei Todesfällen und zwei Mandatsverzichten spülte Brandt 1938 dann doch noch ins schwedische Oberhaus – mitten hinein in die Sudetenkrise und die Zeit des Münchner Abkommens am 29. September. Briten und Franzosen gaben als Schutzmächte Tschechiens den aggressiven Gebietsforderungen Hitlers nach. Tschechien, die betroffene Nation, durfte an den Verhandlungen noch nicht einmal als Beobachter teilnehmen.

Frankreichs Premier Edouard Daladier (1884-1970), vor allem aber der britische Premierminister Neville Chamberlain (1869-1940) verfolgten eine Politik, die den deutschen Diktator besänftigen und verhindern sollte, dass dieser einen Krieg vom Zaun brach. Wenig später passierte genau das trotzdem. Was heute deshalb als "Appeasementpolitik" verschrien ist, hatte aus der Perspektive von 1938 aber für nicht wenige Menschen den Frieden in Europa gerettet. Und zwar nicht nur, wenn sie, wie viele Schweden, offen oder insgeheim Sympathien für die pangermanischen Vereinigungs- und Größenfantasien hegten.

Die Bibel und "Mein Kampf"

Aus welchen Gründen auch immer: Eine Gruppe von zwölf schwedischen Reichstagsabgeordneten – sie waren als Parlamentarier vorschlagsberechtigt – kam im Januar 1939 auf die Idee, Chamberlain für den Friedensnobelpreis zu nominieren. Brandt empfand diese Nominierung als Farce.

Seinen Protest kleidete er ebenfalls als Farce: Er nominierte Adolf Hitler. Was genau Brandt damit letztlich erreichen wollte, ist unsicher. Fest steht, dass er stets als klarer Nazi-Gegner auftrat. Unermüdlich machte er auf das aufmerksam, was in Deutschland vor sich ging. Im November 1938 hatte er nach der Pogromnacht im Deutschen Reich öffentlich protestiert und sich im Dezember der "Antifaschistischen Koalition" angeschlossen.

Ironie und Sarkasmus

Brandts Nominierungs-Begründung an das norwegische Friedensnobelpreiskomitee trieft vor Ironie und Sarkasmus: Hitler verdiene den Preis, weil er im September 1938 eine furchtbare Katastrophe von Europa abgewendet habe, "obwohl er die absolute Macht hatte, den Krieg zu entfesseln".

Hitlers "glühende Liebe für den Frieden" sei am deutlichsten "in seinem berühmten Buch ‚Mein Kampf‘ dokumentiert – dem nach der Bibel besten und am weitesten verbreiteten Buch der Weltliteratur" – sowie in Hitlers "außergewöhnlicher Tat, allein mit friedlichen Mitteln, ohne Blutvergießen in Deutschland und Österreich die Macht zu übernehmen" und schließlich auch noch seine "Landsleute im Sudetenland zu befreien".

Dank Hitler sei dessen Land heute "groß und mächtig" und es sei "sehr wahrscheinlich, dass Hitler – nunmehr ungestört von den bisherigen Kriegstreibern – seine hohen Ziele in Europa und vielleicht auch weltweit" verwirklichen könne. Brandt weiter: "Wenn es stimmt, dass Chamberlain durch sein außerordentliches Verständnis der Friedensbemühungen Hitlers den Frieden in der Welt gerettet hat", dann könne man den Preis gleich dem Richtigen geben: "Es ist Adolf Hitler und sonst niemand, dem wir alle für den Frieden zu danken haben, der noch herrscht in den meisten Ländern Europas."

Hitler, ein "Fürst des Friedens auf der Erde"

Chamberlains "unbestreitbare Tugenden" könnten es zwar möglicherweise rechtfertigen, ihn für seinen geringeren Anteil an dem Friedensprozess auszuzeichnen, doch eigentlich könne man keine anderen Namen neben Adolf Hitler setzen:

"In einer dunklen Zeit wie unserer ist Adolf Hitler ein unvergleichlicher, begnadeter Freiheitskämpfer, und Millionen von Menschen schauen zu ihm auf, als einem Fürst des Friedens auf der Erde."

Wer die Friedensnobelpreis-Datenbank nach weiteren Nominierten des Jahres 1939 durchforstet, stößt auf neben dem falschen "Fürst des Friedens" auf noch mehr illustre Namen. Mohandas Karamchand Gandhi (1869-1948) – genannt Mahatma, die große Seele – ist darunter. Ein norwegischer Abgeordneter hatte den Inder nominiert, der gerade dabei war, sein Land gewaltlos von der britischen Kolonialherrschaft zu befreien.

Eine politische Kampfansage war dagegen der Vorschlag des britischen Abgeordneten Winston Churchill (1874-1965), der bald darauf britischer Kriegspremier werden sollte. Churchill, ein entschiedener Gegner der Appeasementpolitik, schlug den tschechischen Präsidenten Edvard Benes (1884-1948) vor, den er durch das Münchner Abkommen an Hitler verraten sah.

Eine Gruppe von Schweizer Universitätsprofessoren wiederum bewies Weitblick, indem sie Albert Schweitzer (1875-1965), den Theologen, Philosophen, Musikwissenschaftler und Urwald-Arzt von Lambarene, nominierte. 1952 erhielt der Elsässer dann tatsächlich den Preis.

Es gehört zu den Kuriosa der Nobelpreisgeschichte, dass der Nominierte Gandhi unter dem Eindruck der wachsenden Kriegsgefahr in Europa im Sommer 1939 einen von zwei erhaltenen Briefen an den ebenfalls nominierten Hitler schrieb. Adressiert an "Herr Hitler, Berlin, Germany" schrieb der Hinduführer dem deutschen Führer am 23. Juli 1939 und sprach diesen dabei als "dear friend", teuren Freund an. Sich selbst bezeichnete er als "sincere friend", einen aufrichtigen Freund:

"Es ist ziemlich klar, dass Sie heute der einzige Mensch auf der Welt sind, der einen Krieg verhindern kann, der die Menschheit vielleicht in den Zustand der Barbarei zurückwirft."

Dann legte Gandhi Hitler die eigene, gewaltfreie Methode zur Durchsetzung von politischen Zielen nahe. Einen weiteren Brief schrieb der Inder an Weihnachten 1940. Diesmal machte er "Freund" Hitler klar, dass die gemeinsame Gegnerschaft gegen die Briten sie nicht zu Verbündeten mache. Und er appelliert "im Namen der Menschlichkeit" an den Diktator, den Krieg zu stoppen.

1948, als Gandhi ermordet wurde, war dieser erneut unter den Nominierten. Da die Auszeichnung nicht postum vergeben werden darf, wurde in diesem Jahr überhaupt kein Friedensnobelpreis vergeben.

Gandhis Briefe an Hitler kamen nie an

Gandhis Briefe erreichten Hitler nicht. Die britischen Behörden in Indien fingen sie ab. Brandts Hitler-Nominierung vom 27. Januar 1939 dagegen erreichte das Osloer Komitee und wurde aktenkundig. Nur wenige Tage später, am 1. Februar, versuchte Brandt in einem weiteren Brief, die Nominierung zurückzuziehen. Wurde er zurückgepfiffen? Hatte er festgestellt, dass Hitler 1937 allen Deutschen die Annahme von Nobelpreisen untersagt hatte – "für alle Zukunft"? Oder plagten ihn Gewissensbisse?

Die Ironie von Brandts Brief jedenfalls hat sich mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust verflüchtigt. Seine Hitler-Nominierung hat dem Friedensnobelpreis insofern dauerhaften Schaden zugefügt, als sich jeder Nominierte seither in einer Reihe mit Adolf Hitler befindet. 50 Jahre lang bleiben Nominierungen für den Friedensnobelpreis geheim, dann werden sie veröffentlicht. Es sei denn, der Nominierende beschließt – wie im Fall von Donald Trump – die Sache öffentlich zu machen, Ironie hin oder her.

Die Nobelpreis-Datenbank wird jedenfalls weiter für Überraschungen sorgen. Mit Namen wie Hitler oder Stalin, der ebenfalls unter den Nominierten zu finden ist: 1945, "für seine Bemühungen, den Zweiten Weltkrieg zu beenden".

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