2.01.2019
Musik im Nationalsozialismus

"Hitler. Macht. Oper": Ausstellung über Propaganda und Musiktheater in Nürnberg

Sie wäre die Krönung der aufwändigsten Selbstinszenierung der Nationalsozialisten überhaupt geworden. Doch kurz vor ihrem ersten Einsatz wurde der Reichsparteitag 1939 abgesagt, und Friedrich Jungs "Feierstunde" nie gespielt. Der Bayreuther Musikwissenschaftler Tobias Reichard hat zumindest einen Teil dieses gewaltigen Musikwerks in einem Berliner Archiv entdeckt. Es spielt auch in der Ausstellung "Hitler.Macht.Oper" im Nürnberger Doku-Zentrum eine Rolle.
Vor einem Plakat zur Ausstellung "Hitler.Macht.Oper" im Nürnberger Doku-Zentrum: Musikwissenschaftler Tobias Reichhard hat ein verschollenes Werk der Nazis ausgegraben.

Das Bundesarchiv in Berlin hat seine Bestände gut katalogisiert. Dass sich hier in einem Ordner ein Hinweis auf die Feierstunde befindet, wusste Tobias Reichard schon vorher. Als dann der Ordner mit verschiedenen Notenmaterial aus den 1930er-Jahren vor ihm liegt, steigt die Spannung aber. Und tatsächlich – nach langem Wühlen fischt Reichard ein bräunlich eingefärbtes Stück Papier mit der Überschrift "Feierstunde zum Appell der Politischen Leiter, Reichsparteitag zu Nürnberg 1939" aus dem Papierhaufen. Volltreffer! "Es müsste zehntausende solcher Blätter geben, aber mehr konnte ich einfach nicht finden", erklärt der Musikwissenschaftler und zeigt auf die Seiten, die eine Gesangsstimme für den Chor dieser nie öffentlich aufgeführten Stücke zeigen. Der Rest einer wahnwitzigen Musik, die den Ablauf des Reichsparteitages strukturieren sollte, der architektonischen Anlage des Geländes und der gewünschten Wirkung Hitlers auf den Leib geschrieben wurde.

Hitler musste immer einen drauf setzen. Erinnern die Bilder der Aufmärsche bei den ersten Parteitagen der Nazis noch an harmlose Kirchweihumzüge, kamen ab Mitte der 1920er-Jahre immer mehr Elemente dazu: Meere von roten Hakenkreuzfahnen, Fackeln bei nächtlichen Apellen und spätestens bei den Reichsparteitagen in Nürnberg peinlich genau choreographierte Inszenierungen Massenzusammenkünften der SA und SS. Ab 1936 marschierten Hitlers Politische Leiter auf dem Reichsparteitagsgelände auf, Albert Speers Flakscheinwerfer fluteten aus 150 Quellen blaues Licht in die Nacht, der Führer durchschritt den "Lichtdom" das gesamte Feld bis zur Zeppelintribüne und hatte seinen messianischen Auftritt.

Alles für die Show

Allerdings hatte die Show auch ihre Mängel. "Für die zu Zigtausenden angetreten Soldaten war der Reichsparteitag kein Vergnügen. Nur die Wenigsten kriegten alles mit, sondern mussten stundenlang antreten, um dann Hitler am Ende vielleicht weder zu sehen noch zu hören", erklärt Tobias Reichard, der mit dem Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth für große Teile der Nürnberger Schau verantwortlich zeichnet. Die Folge: Es herrschte Unruhe und Unmut, viele weg geworfene Flaschen, Zigarettenschachteln oder Trinkbecher nach dem Abmarsch zeugen von der schwachen Motivation der Teilnehmer. Hitler jedoch hatte schon in "Mein Kampf" die Devise ausgegeben, dass Ziele solcher Massenveranstaltung nicht einfach seine Genugtuung sein sollten, sondern "Bestärkung des Einzelnen in seiner nationalsozialistischen Überzeugung, das Erkennen der Masse Gleichgesinnter und die Herstellung von Zusammenhalt und Korpsgeist." Etwas Neues musste her: Musik. Die gab es zwar schon 1938 beim Reichsparteitag, wie man in den Videoaufnahmen vom Lichtdom in der Nürnberger Ausstellung hört. "Jedoch waren die paar Fanfaren einfach nicht wuchtig genug. Und weiter hinten konnte sie keiner hören", meint Reichhard.

Hitler hatte bei einer "Parsifal"-Aufführung während der Bayreuther Festspiele ein nachhaltiges "Wagner-Erlebnis". Von nun an verfolgte er eine Ästhetisierung des politischen Lebens. Ähnlich wie Richard Wagner seine Bühnenfestspiele als "Gesamtkunstwerk" begriff, sollte auch der Nationalsozialismus sämtliche Bereiche des Lebens und die Sinne der Menschen angehen. Für die ohnehin schon szenisch durchdachten Elemente der Reichsparteitage musste eine entsprechende Musik her. Und die kam von dem Wiener Komponisten Friedrich Jung, der von Reichsorganisationsleiter Robert Ley persönlich ausgewählt worden war. Jung hatte sich spätestens mit seiner "Sinfonie in B-Dur" für diesen Job qualifiziert, die Ley gewidmet war und mit ihren Sätzen "1918 Deutschland – Heldengedenken – Totentanz – Deutschland 1933" die Frühgeschichte des Nationalsozialismus verklärte. Zudem hatte sich Jung bereits 1925 als Solokorrepetitor und Leiter der Bühnenmusik bei den Bayreuther Festspielen hervorgetan.

Tausende Kehlen

Was Jung in den kommenden Monaten ersann, ist aberwitzig: "Das Stück war konzipiert für 6.000 bis 7.000 Sänger, die sich aus den Reihen der Politischen Leiter rekrutierten, sowie 2.000 Musiker und 500 Fanfarenbläser der Spielmanns- und Musikzüge einzelner Gaue. Die überwiegend von Wolfdietrich Kopelke stammenden Texte riefen zu Führerverehrung, Kampf- und Opferbereitschaft sowie Treue zu Deutschland auf", hat Reichard in zahlreichen Korrespondenzen recherchiert. Die Gesamtdauer des Ablaufs wurde auf 30 Minuten festgelegt.

Sogar eine instrumentale Partitur für den Dirigenten war vorhanden. Verschollen. "Was ich herausfinden konnte, war, dass der Reichssender Stuttgart auf Wachsplatten für Hitler eine Aufnahme anfertigte, um ihm das Stück vorzustellen. Daraufhin hat Hitler selbst Kürzungsvorschläge unterbreitet. In dieser Fassung sollte die "Feierstunde" dann aufgeführt werden, wozu es wegen Kriegsbeginn nicht mehr kam", erklärt Reichard.

Die Bezüge zu Wagner sind auch in den "Regieanweisungen" Jungs auf dem ersten Liedblatt zu finden. "Der diesjährige Appell muß eine Glanzleistung der Politischen Leiter vor dem Führer werden! Es liegt an Euch selbst, diese schöne Aufgabe freudig und vorbildlich zu lösen! Fanget sofort an! Sieg Heil", schreibt der Komponist frenetsich – und zitiert mit seinem "Fanget an" nicht zuletzt Hans Sachs aus Wagners "Meistersinger", der damit den Sängerwettstreit einleitet. Das Wörtchen "sofort" ist sogar noch fett gedruckt. Ein Verweis, der Hitler sicher gefallen hat.

Klangexperimente

Wie Reichard in seinem Aufsatz "Von der Gralsburg zum Lichtdom" schreibt, wurden für die Inszenierung der neu geschaffenen Musik "entsprechend den räumlichen Gegebenheiten des über 90.000 Quadratmeter großen Zeppelinfeldes die akustisch weittragenden Instrumente Klarinette, Horn, Tenorhorn, Kornett, Trompete Posaune, Pauke, Schlagwerk (Becken, Tamtam), sowie "elektro-akustische Glocken" und Orgel vorgeschrieben und auf die weniger durchschlagskräftigen Oboen und Fagotte verzichtet. Des Weiteren ließ die Reichsorganisationsleitung dem Komponisten mitteilen, "dass es vielleicht ganz ordentlich wäre, wenn Fanfarenklänge aus vier Ecken erklingen würden." Jung übernahm diesen Vorschlag und schrieb Turmfanfaren an den Ecken des Zeppelinfeldes vor. Die große Masse der Sänger und Musiker sollte als einheitliche Schallquelle auf einem der Haupttribüne vorgelagerten Podest stehen und in Richtung der aufmarschierten Politischen Leiter musizieren." Um der Schallverzögerung vorzubeugen, war der Einsatz von Lautsprechern geplant. Anstelle der bisherigen Pilzlautsprecher sollten Holz- und Kunststoffkonstruktionen zum Einsatz kommen. Ebenfalls der Wirkungsmaximierung diente die Anweisung, den Mittelgang des Zeppelinfeldes mit Holzbohlen auszulegen.

Um die "Feierstunde" einzustudieren, besuchte Friedrich Jung sämtliche 18 Gaumusikzüge. "Am Ende war alles umsonst. Zwar versuchte man in den Jahren 1940 und 1941 noch einmal, Reichsparteitage zu organisieren, zu denen auch die Feierstunde erklungen wäre. Es sollte aber keiner mehr stattfinden, womit auch die Musik in der Versenkung verschwand", meint Reichard.

Jung indes hatte nach dem Zweiten Weltkrieg auch kein öffentliches Interesse mehr, an seine Wahnsinns-Musik zu erinnern. Er leitete das Niederösterreichische Landes-Symphonieorchester, zwischen 1950 und 1963 in Dornbirn und dort auch die städtische Musikschule sowie das städtische Orchester. In seinem umfangreichen Nachlassverzeichnis, das in einem Bregenzer Archiv verwaltet wird, finden sich etwa 400 Werke. Von der "Feierstunde" aber keine Spur. "Vielleicht sind in irgendwelchen kleinen Stadtarchiven oder privaten Haushalten ja noch Noten vorhanden",  meint Reichard. Auch wenn der Anlass und die Kulisse des Werks ebenso passé ist, wie das Stück verschollen – interessant sei es nach wie vor, wie es geklungen hätte. 

Dokumentationszentrum Nürnberg

Öffnungszeiten

Montag bis Freitag 9 - 18 Uhr
Samstag und Sonntag   10 - 18 Uhr
letzter Einlass

17 Uhr

Die Ausstellung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände ist nicht geeignet für Kinder unter 14 Jahre. Für Schulklassen wird ein Besuch ab der 8. Klasse empfohlen, wenn das Thema im Schulunterricht durchgenommen wurde. Für Gruppen ab 10 Personen ist eine Reservierung notwendig.

Die Ausstellung "Hitler. Macht. Oper" ist zu sehen bis  3. Februar 2019.

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