7.03.2019
Ausstellung

Nürnberger Museum Industriekultur zeigt Kleiderbügel aus 150 Jahren

Warum es keine evangelischen Kleiderbügel gibt, das hat sich Matthias Dülp mal vom Nürnberger Talarschneider Reinhard Albrecht erklären lassen. "Evangelische Gewänder sind nicht so prächtig wie katholische. Da verwendet man auch ganz normale Kleiderbügel", habe der Igensdorfer als Antwort erhalten. Das entspreche auch dem Protestantismus, der mit Protz und Prunk der Bischöfe brechen wollte. Im Museum Industriekultur, wo er derzeit 400 seiner schönsten Kleiderbügel in der Ausstellung "Aufgehängt und abgehakt" zeigt, ist daher ein durch ein daran hängendes Priestergewand sichtbar katholischer Bügel der Hingucker. Dülps Kleiderbügel spiegeln in ihrer Vielfalt die Gesellschafts- und Kulturgeschichte der letzten 150 Jahre.
Kleiderbügel-Sammler Matthias Dülp
Kleiderbügel-Sammler Matthias Dülp mit einer Auswahl seiner Stücke in der Nürnberger Ausstellung. Im Hintergrund ein Priestergewand am 2,20 m langen Bügel.

Kleiderbügel sind Alltagsgegenstände. Gehen sie kaputt oder haben sie eine Macke, werden sie meist achtlos weggeworfen. Wenn sie zum Beruf gehören, wie beispielsweise in einer Kohlezeche, wo sie den Kumpeln nach getaner Arbeit dazu dienen, ihre Kleidung aufzuhängen, finden sie selten den Weg in den Alltag. Einer glücklichen Fügung ist es daher auch zu verdanken, dass der 2,20 Meter breite Paramentenbügel, der liturgische Gewänder wie Dalmatik, Kasel oder Pluviale trug, seinen Weg in die Hände eines weltlichen Sammlers fand.

Matthias Dülp besitzt mehrere solcher Kuriositäten. 3500 Kleiderbügel hat er in den vergangenen 20 Jahren gesammelt. Sie hängen überall in seinem Haus und sind katalogisiert. "Meine Frau ist sehr geduldig mit mir, auch wenn immer wieder neue dazukommen", lacht Dülp. Wenigstens bis zum Ende der Ausstellung ist sie einen Teil mal los. Im Untergeschoss des Museums findet man Bügel aus Holz mit oder ohne Zwischenstab für die zum Jackett gehörige Hose, die das Logo oder die Adresse manch alter Bekleidungsgeschäfte tragen, die es teils lange nicht mehr gibt. "Doch genau diese Stücke wecken die Erinnerungen der Menschen, an ihr erstes Einkaufserlebnis oder an die Kindheit in der Stadt, in der das Geschäft stand. Kleiderbügel sind der ideale Einsteiger in ein Gespräch", meint Dülp.

Der Leatherman der Kleiderbügel

Aus der Kleiderkammer des deutschen Militärs findet man Bügel mit der Aufschrift "Luftwaffeneigentum" oder ein um 1900 entstandenes Stück der "k.u.k"-Monarchie mit einem Steg, der die darauf hängende Uniform auch noch von vorne glatt halten soll. "Das ist der Leatherman", beschreibt Dülp einen Allzweck-Bügel, der eingeklappt auch als Schuhlöffel verwendet werden kann und Bürsten trägt. Aus den modebewussten 1970ern stammt ein "Dandy"-Bügeletui mit sechs aufklappbaren Drahtbügeln, das bequem im Herrenhandtäschchen Platz findet. Auch die Werbung hatte den Kleiderbügel immer wieder entdeckt, wie ein Schneebesenbügel von Knorr beweist. Nicht zu vergessen: die große, weite Welt der "Beinkleidstraffer", Kleiderbügel für Hosen.

In seiner Heimat Igensdorf betreibt Matthias Dülp eine Kampfkunstschule, an der von Karate-Jutsu bis zum japanischen Schwertkampf allerlei fernöstliche Verteidigungsmethoden unterrichtet werden. Kleiderbügel hat Dülp bislang noch nicht mit zum Training genommen. "Die halten zwar was aus. Sind aber eigentlich viel zu schade."

Durch TV-Sendungen wie "Bares für Rares" würden die Menschen derzeit wieder für "alte Schätze" sensibilisiert, die sie teils seit Generationen im Haus haben. Jedoch gehe es den Besitzern dort meistens ums Geld. "Mir aber um die Geschichten", sagt Dülp. Daher sei es jammerschade, wenn beispielsweise bei Wohnungsauflösungen Kleiderbügel achtlos weggeworfen werden. Und seine Sammelleidenschaft sei auch in vernünftigen Bahnen: "Ich freue mich auch, wenn ein Museum oder ein anderer Sammler ein schönes Stück erhält. Hauptsache, es wird nicht weggeworfen", ergänzt er.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Geschichte

Sandro Botticellis »Geburt der Venus« (um 1485)
Menschliche Schöpferkraft, Schönheit und Kunst gehören für uns heute zusammen. Das war nicht immer so. Im Mittelalter hatte man einen metaphysischen Begriff vom Schönen, der so untrennbar mit Gott verbunden war, wie uns das heute kaum noch vorstellbar ist. Die Kulturgeschichte der Schönheit zeigt, wie ein "göttliches" Prinzip unser Leben aber bis heute durchwirkt.
Sonntagsblatt