3.10.2019
Oktoberfest & Brauchtum

Oktoberfest im Comic: "Nachts im Paradies" von Frank Schmolke

München mal ganz anders: Frank Schmolke hat einen furiosen Taxler-Comic zum Oktoberfest gezeichnet.
Frank Schmolke Nachts im Paradies
Frank Schmolke: Nachts im Paradies / Edition Moderne.

Sie kriechen besoffen ins Auto, werden gewalttätig oder übergeben sich. Wenn die Gäste nach dem Oktoberfest ins Taxi steigen, lassen sie ihre Masken fallen: "Da ist kein Glamour mehr, sondern nur der Geruch von Schweiß und Alkohol", weiß Frank Schmolke. Der Comiczeichner ist früher selbst viele Jahre Taxi gefahren. Nun legt er mit seiner Graphicnovel "Nachts im Paradies" eine furiose Wiesn-Geschichte vor.

Mit 22 Jahren machte Schmolke die "Ortskundeprüfung zur Fahrgastbeförderung". Schon am gleichen Abend saß er hinter dem Taxi-Lenkrad. Es sei eine der aufregendsten Nächte seines Lebens gewesen, findet er noch heute. Von diesem Moment an fuhr er so oft es ging – das Skizzenbuch meist dabei, um die Begegnungen mit schnellem Strich festzuhalten.

Aus diesen optischen Notizen ist nun eine eindrucksvolle Story geworden.

Vincent, so der Name des Comic-Helden, hat nicht mehr viel zu verlieren. Seine Frau hat sich von ihm getrennt, die 16-jährige Tochter kommt nur noch selten zu Besuch. In seinem Taxi lässt Vincent sich durch die Stadt treiben "wie ein Stück Holz". Selbst als eine Schlägerei ihm ein blaues Auge beschert, nimmt er das gleichmütig hin.

Doch dann gerät Vincent in einen Strudel von Ereignissen. Für den "Kunden" Igor fährt er die Edelprostituierte Valerie zu einer Villa, in der ein übler Russe wartet, der die junge Frau brutal schlägt und würgt. Igor beginnt eine Schlägerei, Vincent flieht zusammen mit Valerie. Wenig später in ihrer Wohnung bekommt Valerie einen Anruf: Igor ist tot.

 

Frank Schmolke Nachts im Paradies
Frank Schmolke Nachts im Paradies

Frank Schmolke ist dem sauberen Image Münchens in seiner Geschichte mit einem düsteren, aggressiven Strich begegnet. Auf seinen Großstadtbildern finden sich vierspurige Straßen und dunkle Gassen, trostlose Hochhäuser und finstere Parkgaragen. Die Graphicnovel wird so zum gezeichneten Roadmovie – rastlos folgt der Autor seinen präzise gezeichneten Protagonisten durch die Nacht.

Zum Beispiel auch Vincent und seiner Tochter: Während eines Besuchs beim Vater werden ihr in der Disco Drogen ins Getränk gemischt. Aus ursprünglich freundlichen Begleitern werden plötzlich gruselige Wölfe, die Tochter rennt um ihr Leben und versteckt sich in einer Parkgarage. In letzter Minute wird sie vom Vater gerettet – vom Autoren großartig in Szene gesetzt als surrealer Kampf zwischen Tier und Mensch.

Überhaupt ist Schmolke ein großartiger Zeichner.

Mit kräftigen schwarzweißen Strichen charakterisiert er seine Figuren, die Geschichte treibt er mit Zooms, Schnitten und ungewöhnlichen Panels rasant voran. "Wenn du nachts Taxi fährst, weißt du eigentlich nicht wirklich, wie die Nacht endet", schildert Schmolke seine Zeit als Taxifahrer: "Man befindet sich auf engstem Raum mit wildfremden, oft alkoholisierten Menschen. Da kann alles passieren." Quasi im Vorbeifahren streift Schmolke noch ganz andere Themen – die rechtsradikale Szene der Taxler oder die Konkurrenz durch Fahrdienste wie Uber.

Comic-Held Vincent wirkt nach seinen nächtlichen Erlebnissen jedenfalls reichlich erschöpft. Er will den Job als Taxifahrer aufgeben. "Meine Zeit ist vorbei. Ich brauche eine Ausfahrt", denkt er. Doch schon klopft der nächste Gast an die Scheibe.

 

Nachts_im_Paradies from David Basler on Vimeo.

Frank Schmolke: Nachts im Paradies

Frank Schmolke (Jahrgang 1967) ist seit 1994 freiberuflicher Illustrator und Comiczeichner. Er arbeitet für Print- und Online-Medien, als Storyboard- Zeichner für die Filmindustrie und unterrichtet Illustration und Comic-Storytelling. 2013 erschien Frank Schmolkes Graphic-Novel-Debüt Trabanten. In der Comicerzählung vermengt er surreale und autobiografische Elemente seines Aufwachsens im München der 1980er Jahre.

Frank Schmolke, Nachts im Paradies, Verlag Edition Moderne, ISBN 978-3037311851, 29,80 Euro.

Auf der Webseite des Verlags gibt es eine Leseprobe als PDF zum Download.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Reformation

Martin Luther auf dem Wormser Reichstag 1521. Der Stich aus dem Jahr 1557 vermerkt erstmals Martin Luthers (lediglich) legendären Satz: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.«
Beim Bier gibt es keine Konfessionsgrenzen. Das zeigt die Geschichte des Münchner Bockbiers - und was diese wiederum mit Martin Luther zu tun hat. Vor 400 Jahren holte der katholische bayerische Herzog Maximilian einen Braumeister mit dem schönen Namen Elias Pichler aus dem protestantischen Einbeck in sein Hofbräuhaus, damit er kein "Ketzerbier" mehr importieren musste. Ein folgenreicher Biertechnologietransfer über Konfessionsgrenzen hinweg.