27.06.2020
Achtung, Luftzug!

Singen trotz Corona: Wie der Münchner Motettenchor seinen Probenbetrieb mit Hygienekonzept neu plant

Kürzere Proben, kleinere Gruppen, und lüften, lüften, lüften: So nimmt der Münchner Motettenchor - einer der großen Konzertchöre der Stadt - seinen Probenbetrieb wieder auf. Chorleiter Benedikt Haag spricht im Interview über die Herausforderungen, vor die Hygienekonzepte und Anti-Corona-Maßnahmen die Sängerschaft stellen.
Motettenchor München Chorleiter Benedikt Haag

Benedikt Haag ist Chorleiter des 1960 gegründeten Münchner Motettenchors, den der 2007 verstorbenen Hans Rudolf Zöbeley, Kirchenmusikdirektor an der evangelischen Bischofskirche St. Matthäus, ins Leben gerufen hatte. Das Repertoire des Laienchors umfasst heute neben den Bach-Motetten Chorliteratur aus vier Jahrhunderten. Der Motettenchor singt in den großen Konzerthäusern Münchens und hat bereits Auslandsreisen nach Brasilien, Argentinien und Israel unternommen.

Herr Haag, seit 22. Juni liegt das Hygienekonzept für Laienchöre vor. Ist es für Sie und Ihre rund 100 Sängerinnen und Sänger praktikabel?

Benedikt Haag: Das meiste schon, zum Beispiel ist der Abstand von zwei Metern zwischen den Sängern human. Auch dass es keine Begrenzung der Probendauer und der Maximalteilnehmerzahl gibt, ist erfreulich. Wir proben normalerweise im Saal der Matthäuskirche, könnten aber auch die Kirche selbst nutzen. Dann könnten theoretisch rund 70 Sängerinnen und Sänger zur Probe kommen. Heikel ist nur der Punkt mit dem Lüften.

Worum geht es dabei?

Haag: Das Hygienekonzept sieht vor, dass nach 20 Minuten Chorprobe zehn Minuten lang gelüftet wird, bei Fensterlüftung wird die Querlüftung empfohlen. Nun gibt es aber Experten, die sagen, man müsste dann zuvor den Saal leeren, weil man durch ungünstiges Lüften unter Umständen die Viren erst recht zu vielen Menschen verteilt.

Aber wenn so viele Leute mit 1,5 Meter Abstand auf gekennzeichneten Wegen den Probenraum geordnet verlassen und wieder betreten müssen, sind wir schnell bei 20 Minuten Pause.

Das ist aufwendig und kompliziert. Meine Sorge ist, dass die große Vorfreude der Chormitglieder einer Ernüchterung weichen könnte, weil die Proben unter diesen Umständen wenig Spaß machen.

Wie hat der Münchner Motettenchor denn die Wochen des Lockdown überbrückt?

Haag: Gemeinsame Online-Chorproben haben wir nicht gemacht, die technischen Möglichkeiten sind dafür zu unbefriedigend. Aber unsere Stimmbildnerin hat allen online-Stunden zur Verfügung gestellt, damit die Stimmen der Sängerinnen und Sänger nicht zu sehr einrosten.

Was geht einem großen Chor in drei Monaten ohne Probe verloren?

Haag: Als Chorleiter forme ich aus 100 Menschen ein Instrument, da sind alle Glieder aufeinander abgestimmt. Aber auch das soziale Miteinander geht verloren, das Aufeinanderhören, das Rücksichtnehmen. Man merkt diesen Effekt ja schon nach sechs Wochen Sommerferien, und jetzt eben im großen Stil. Es wird seine Zeit dauern, bis das wieder da ist.

Das gilt, glaube ich, auch für die ganze Gesellschaft: Wir müssen erst wieder lernen, in Gruppen zu funktionieren.

Der nächste Konzerttermin ist bereits am 3. Oktober. Wie geht es nun beim MMC weiter?

Haag: Wir beginnen ab kommender Woche mit kürzeren Proben und kleineren Gruppen von 20 bis 25 Leuten, dafür proben wir in zwei Schichten hintereinander. Wenn das Konzert am 3. Oktober in der Matthäuskirche stattfindet, dann sicher nur in einer kleineren Besetzung. Uns war wichtig, eine Perspektive zu haben, wann es weitergehen könnte.

Einen Trost haben wir aber: Zum 60. Geburtstag des Münchner Motettenchors in diesem Jahr haben wir eine CD in den Studios des Bayerischen Rundfunks aufgenommen, die seit einer Woche erhältlich ist. Wir sind stolz darauf und es ist ein Glück, mit "Barock in blue" in dieser stummen Zeit Kontakt zu unserem Publikum halten zu können.

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