22.06.2020
"Der Stillstand wird Wunden reißen"

Warum im oberfränkischen Weißenohe ein Chorzentrum entstehen soll

Ob weltliche Chöre oder Kantoreien, Vokalensembles oder Instrumentalgruppen: Sie alle sollen im Chorzentrum des Fränkischen Sängerbundes (FSB) ein Zuhause finden, das im stillgelegten Benediktinerkloster Weißenohe im Landkreis Forchheim vorgesehen ist. Über die Hintergründe spricht der Vorsitzende des Fördervereins, Eduard Nöth, im Interview.
Eduard Nöth Förderverein Chorzentrum Fränkischer Sängerbund

Der bis heute erhaltene Prälatenbau in Weißenohe soll für das Chorzentrum grundlegend saniert werden. Das Haupthaus wird als Seminargebäude mit Probenräumen für Einzel- und Gruppenfortbildungen dienen, aus dem seitlich angrenzenden Gebäude soll ein großer Konzertsaal entstehen. Im Bereich des Kreuzgangs würden ein Gästehaus sowie ein Innenhof mit Bühne errichtet.

Die Gesamtkosten würden sich auf rund 19,6 Millionen Euro belaufen. Die Hauptlast trägt die Städtebauförderung mit 10,6 Millionen Euro. Bezuschusst wird das Projekt unter anderem vom Freistaat Bayern und dem Förderprogramm der Europäischen Union für die ländliche Entwicklung (LEADER). Der erste Spatenstich ist für 2021 geplant, die Bauzeit soll rund zwei Jahre betragen.

Herr Nöth, wie sind Sie auf die Idee eines Chorzentrums im Kloster Weißenohe gekommen und was zeichnet diesen Ort besonders dafür aus?

Eduard Nöth: Ehemalige, säkularisierte und stillgelegte Klöster schreien förmlich nach einer sinnvollen Nachnutzung und sind eigentlich auch nur dadurch zu retten. Zudem bieten sie, wie eben auch das ehemalige Benediktinerkloster Weißenohe, durch ihre meist idyllische Lage, Ruhe und Abgeschiedenheit ideale Orte zum Rückzug und Lernen.

Die Entscheidung, ein Chorzentrum zu errichten, wurde auch durch den Wunsch vieler Chöre nach einer eigenen Bildungs- und Begegnungsstätte beeinflusst, da in den Musikakademien häufig zu wenig Raum für chorische Angebote vorhanden ist.

Der im Jahr 2008 gegründete Förderverein führte schließlich den Fränkischen Sängerbund (FSB), die Chorjugend des FSB, die Gemeinde Weißenohe und den Förderverein selbst als Gesellschafter zu einer gemeinnützigen GmbH zusammen. Der FSB erstreckt sich mit seinen rund 1.800 Chören auf die Regierungsbezirke Ober-, Mittel- und Unterfranken sowie auf die nördliche Oberpfalz. Deshalb bildet Weißenohe auch eine zentrale und leicht erreichbare Mitte und hat eine ideale Verkehrsanbindung.

Welche Zielgruppen wollen Sie mit dem Chorzentrum in erster Linie erreichen?

Nöth: Das Singen, vor allem auch das gemeinsame Chorsingen, spielt für jeden Menschen jeden Alters eine zentrale Rolle. Daher soll es in Weißenohe von der frühkindlichen Erziehung bis zum Singen mit Senioren für alle Lebens- und Altersstufen passende Angebote geben.

Wie soll das musikalische Konzept aussehen?

Nöth: Im Oktober ist in den momentan vorhandenen Räumen ein erstes Seminar mit dem Titel "Singen im Alter" geplant. Dabei wird den Fragen nachgegangen, wie sich die menschliche Stimme verändert, was das für das Singen im Chor bedeutet und welche musikalischen Angebote Menschen lange fröhlich und agil halten können.

Ebenso intensiv werden auch die Angebote für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sein, die in enger Zusammenarbeit mit der Chorjugend des FSB erfolgen.

Zudem ist das Chorzentrum als Fortbildungsstätte für Erzieherinnen und Erzieher sowie für Lehrkräfte aller Schularten gedacht.

Was empfinden Sie dabei, wenn Sie hören, dass gemeinsames Singen aufgrund der Corona-Krise wohl noch einige Zeit nicht oder nur eingeschränkt möglich sein wird?

Nöth: Wir spüren, dass wir in dieser schwierigen Zeit die öffentliche Wahrnehmung des Chorsingens verstärken müssen, da der Beitrag der Chöre zum kulturellen und gesellschaftlichen Leben nicht nur in Franken, sondern auch in ganz Deutschland von tragender Bedeutung ist. Deshalb geht mit Recht die große Sorge und Befürchtung um, dass der derzeitige Stillstand im Chorwesen Wunden und Narben hinterlässt, die künftig dauerhaft schmerzen und nur schwer zu heilen sind.

Chöre brauchen daher zeitnahe Perspektiven, wie es weitergehen kann. Die Präsidenten der vier Bayerischen Chorverbände, von denen der FSB der größte ist, haben sich deshalb mit einem Hilferuf an die Bayerische Staatsregierung gewandt, hier zu handeln. Die kulturellen Angebote unserer Chöre im ländlichen wie im städtischen Raum sind ein gehöriges Stück Tradition, gehören zum Alltag und sind daher unersetzlich.

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