12.07.2019
Theaterkritik

Wie das Theaterstück "Geierwally" bei den Kreuzgangspielen Feuchtwangen ist

Kein alter Heimatschinken, sondern ein modernes Stück über Emanzipation der Frau und einem Mut machenden Bekenntnis zur eigenen Stärke: So könnte man kurz beschreiben, was Regisseur Johannes Kaetzler und seine Darsteller aus Wilhelmine von Hillerns Roman "Geierwally" für die Kreuzgangspiele in Feuchtwangen gemacht haben.
Geierwally in Feuchtwangen
Die "Geierwally" wird in Feuchtwangen zum Lehrstück über Emanzipation und Selbstfindung: (v.l.) Peter Heeg (Klettenmaier), Daniel Asofiei (Franz Gestrein), Konstantin Krisch (Luckard), Judith Peres (Geierwally), Ulrich Westermann (Nicodemus Klotz)

Auch wenn der Geistliche in dem Stück nur eine Nebenrolle spielt – er ist letztlich dafür verantwortlich, dass die von Judith Peres mit kongenialer weiblicher Wucht gespielte, tief zerrissene Wally die Entwicklung durchmacht, die ihrer Liebe und ihrem Leben letztlich die Erlösung bringt. Die Zuschauer erleben noch bis zum 17. August vor der herrlichen Kulisse der romanischen Kreuzgangarkaden des ehemaligen Benediktinerklosters einen zweistündigen Parforceritt durch menschliche Abgründe.

Kreuzgangspiele Feuchtwangen: Worum es bei "Geierwally" geht

Die Geschichte der Geierwally wurde schon vielfach erzählt, jedoch oft als kitschtriefendes Rührstück mit dem Happy End der beiden endlich zueinander findenden Urgewaltigen Walburga Stromminger und den "Bären-Joseph". Der wird von Franz Josef Strohmeier als ebenso gerechter wie etwas plumper Typ gezeichnet, der sich seiner Kraft ebenso bewusst ist wie diese auch seine identitätsstiftende Eigenschaft ist. Die Wally gefällt ihm als Frau an sich schon, allerdings konnten sich die Väter nicht sonderlich leiden. Und die stets mit einem Geier im Schlepptau auftretende Frau, die das Tier als Junges aufgezogen hatte, nachdem sie als Kind erstmals Männermut bewies und einen Adlerhorst aufriss, glänzt vom Verhalten her eher mit ihrer Wildheit. Was Joseph allerdings dann doch in gewisser Weise fasziniert.

Nichtsdestotrotz kommen die beiden einfach nicht zusammen. Wally, die ihre Mutter im Kindsbett verloren hatte und von ihrem Vater zeitlebens nur Gewalt erfahren hatte, ist hart – zu sich selbst und zu anderen. Die aufgezwungene Vernunftehe mit Vinzenz will sie nicht eingehen, trotzt ihrem Vater und zieht es vor, ein Leben in der Einöde zu führen. Ein starkes Stück, was die junge Frau sich da leistet, aber auch ein Ausdruck von Selbstbestimmung. Dem unliebsamen Buhler verpasst sie einen Hieb mit dem Beil, den Hof zündet sie schließlich an, als der Vater sie einsperren will.

All diese Lorbeeren eilen ihr voraus, als sie wieder Joseph trifft, den diese starke Frau eher unheimlich vorkommt, sie sich aber nach wie vor nach ihm verzehrt - selbst in ihrer neuen Rolle als reiche Bäuerin nach dem Tod des Vaters und Erbin des Hofes, den sie mit harter Hand führt.

Dass sich der Joseph mittlerweile mit einer gewissen Afra eingelassen hat, eine einfache Magd, schmeckt ihr gar nicht. Sie verhöhnt das einfache Mädchen, was wiederum Joseph rasend macht. Mit einer List, wohlwissend, dass er Wally einfach um den Finger wickeln kann, ringt er ihr vor versammelter Mannschaft einen Kuss ab, dem ein heftiger Kampf der beiden an Siegfried und Brünhilde erinnernden Akteure voraus geht. Um die Bezwungene im Anschluss wieder zurück zu weisen.

Blind vor Zorn gibt die in die Runde der Männer, die stets um die hübsche und wohlhabende Bäuerin werben, die Parole aus, den Mann zu heiraten, der den Joseph tötet. Der einfältige Vinzenz kommt dem Wunsch nach, scheitert aber mit dem Gewehr und dem anschließenden in die Schlucht werfen des angeschlagenen Josephs. Wally rettet ihn aus einer Felsspalte, was den Gefallenen verzückt. Jedoch scheint dieser immer noch nur Augen für Afra zu haben.

"Geierwally" mit Happy End

Jetzt kommt der Geistliche ins Spiel, der Wally dazu drängt, endlich zu leben zu beginnen und das Leben zu lieben. Die wiederum zieht sich vor Scham wieder in die Einöde auf dem Hochjoch zurück und will sterben. Joseph jedoch befreit sie, gesteht, dass Afra seine uneheliche Schwester sei und dass er sie trotz des Auftragsmordes liebt. Die beiden werden endlich ein Paar, alles wird gut.

Keine Sekunde lang wird die Vorstellung des Feuchtwanger Ensembles langweilig. Die Ereignisse überschlagen sich, die Protagonisten geben alles, sind laut, weinerlich, manchmal auch komisch. Schreckmomente, wenn beispielsweise ein Schuss fällt und die ausgeklügelte Lichttechnik dazu einen Blitz herabfahren lässt, wechseln mit lustigen Elementen. Und am Ende doch mit versöhnlichen Tönen. Ein Heimatstück mit Tiefgang, der bereits in der literarischen Vorlage angelegt ist, der in Feuchtwangen aber sehr überzeugend herausgearbeitet wird.

Theater-Tipp

"Geierwally" bei den Kreuzgangspielen: Aufführungen 2019

Noch bis 17. August 2019 können Theaterfreunde das Stück "Geierwally" in der Festspielstadt Feuchtwangen sehen. Mehr Infos finden Sie auf der Website der Kreuzgangspiele.

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