24.03.2017
Chronik

500 Jahre Coburger Stadtgeschichte

Von Herzögen, Lutheranern und Missionaren: Coburg hat eine bewegte Stadtgeschichte.

Dass eine bayerische evangelische Landessynode in Coburg tagen kann, ist einem bemerkenswerten demokratischen Geschehen zu verdanken, das sich vor fast einhundert Jahren ereignete. Am 30. November 1919 entschieden sich die wahlberechtigten Bürger des Freistaats Coburg mit überwältigender Mehrheit gegen einen Anschluss an das Nachbarland Thüringen.

Diese zweite Volksabstimmung in der kurzen Geschichte der Weimarer Republik machte damit den Weg frei für die Vereinigung des einstigen Herzogtums mit Bayern. Nach dem Verzicht auf die staatliche Selbstständigkeit kam es kurz danach folgerichtig auch zur kirchlichen Strukturreform: Nach fast 400 Jahren wurde am 1. April 1921 aus der Coburger Landeskirche ein Dekanat der "Evangelisch-Lutherische Landeskirchen in Bayern rechts des Rheins".

Die Residenzstadt in der Mitte Deutschlands hat seit Luthers Zeiten ein gesundes protestantisches Selbstbewusstsein. Davon zeugt, so jedenfalls nach Ansicht eines früheren Coburger Dekans, auch der gern und oft zitierte Spruch »Gott im Wald und Luther auf der Veste«. Aufgeklärt, liberal und ihrer Zeit voraus waren dort Luthers geistliche Erben durchaus: So beispielsweise im Jahr 1919, als während des erwähnten politischen Zwischenspiels nach dem ersten Weltkrieg eine Frau die Tagung der Coburger Landessynode eröffnete - die bayerische Landeskirche öffnete erst 40 Jahre später das passive Wahlrecht auch für Frauen. Randnotiz: Die Coburgerin Heidi Schülke amtierte von 2002 bis 2008 als erste Präsidentin der bayerischen evangelischen Landessynode.

Royaler britischer Glanz

Mit allerlei familiären Verflechtungen hatten sich die Herzöge von Sachsen-Coburg und Gotha im Lauf der Zeit internationalen Einfluss gesichert. Dank einer glücklichen Heiratspolitik erweiterte sich die blaublütige Verwandtschaft in viele europäische Fürsten- und Königshäuser. Prominentester Repräsentant war Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (1819-1861), der 1840 die - damals bereits seit drei Jahren regierende - britische Königin Victoria heiratete. So kommt es, dass Coburg immer wieder in einem gewissen royalen Glanz erstrahlt, wenn Nachkommen der Königsfamilie den Geburtsort ihres Vorfahren besuchen, wo sogar die Architektur am Schlossplatz ein Stück englisches Flair zu atmen scheint.

Und für den Wiener "Walzerkönig" Johann Strauß (1825-1899) ebnete der Coburger Herzog Ernst II. sogar den Weg zu einem neuen privaten Glück. Weil im katholisch-konservativen Österreich die formelle Scheidung von seiner damaligen Gattin Angelika Dittrich nicht erlaubt war, wurde Strauß im Jahr 1886 Bürger von Coburg und evangelischer Christ. 1887 heiratete er dort seine dritte und letzte Ehefrau Adele.

Die ersten Hakenkreuze wehten in Coburg

Kein Licht ohne Schatten - das gilt freilich auch für die Coburger Stadtgeschichte. Schon im Oktober 1922 fand in Coburg ein völkisch ausgerichteter "Deutscher Tag" statt, in dessen Tradition dort die Nationalsozialisten einen enormen Aufschwung erlebten. Sieben Jahre später hatte die NSDAP bereits die absolute Mehrheit im Stadtrat, und 1931 wehte in Coburg als erster Stadt in Deutschland die Hakenkreuzfahne am Rathaus. Doch schon seit einigen Jahrzehnten arbeitet Coburg diese dunklen Kapitel seiner Stadtgeschichte auf: So wurden bis jetzt 120 "Stolpersteine" als Gedenken an vefolgte und ermordete Coburger Juden verlegt. Die Zivilgesellschaft engagiert sich etwa mit dem Bündnis "Coburg ist bunt" vorbildlich gegen Rechtsradikalismus und für demokratische und religiöse Toleranz. Ein alljährliches "Friedensfest der Religionen" bringt Christen, Juden, Muslime und Buddhisten zusammen.

Weltoffenheit praktizieren die Coburger Evangelischen übrigens schon seit mehr einem Jahrhundert mit einer beispielhaften Partnerschaft: 1962 begann eine Zusammenarbeit mit Tansania, die sich zu einem Modell in der Missionsarbeit der bayerischen Landeskirche entwickelte. Und 1979 öffnete sich die missionarische "Einbahnstraße" erstmals in die Gegenrichtung, als Zephania Mgeyekwa als erster afrikanischer Theologe eine Pfarrstelle in Bayern übernahm - an der Coburger St.-Moriz-Kirche.

Dossier

Landessynode

Das bayerische Kirchenparlament, auch Landessynode genannt, bestimmt auf ihren Tagungen den Kurs der evangelischen Kirche in Bayern. Die wichtigsten Entscheidungen, aktuelle Entwicklungen sowie Interviews mit den Synodalen finden Sie in unserem Dossier zum Thema Landessynode:  www.sonntagsblatt.de/landessynode

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