13.07.2020
Digitale Kirche

Anna-Nicole Heinrich: Hackathon zeigt Chancen für digitale Kirche auf

Mehr als 700 Anmeldungen und 50 Projekte - so lautete die Bilanz des Hackathons #glaubengemeinsam. Wie es weitergeht, erklärt Mitorganisatorin Anna-Nicole Heinrich.
#digitalekirche: EKD-Jugendbeauftragte Anna-Nicole Heinrich zieht Bilanz zum Hackathon #glaubengemeinsam.

Bringt ein Hackathon die digitale Kirche voran? Die Regensburger Philosophiestudentin Anna-Nicole Heinrich ist eine der Organisatorinnen des Hackathons #glaubengemeinsam, der im April 2020 stattfand. Im Sonntagsblatt-Interview erklärt sie, was das Team gelernt hat - und warum es 2021 einen weiteren Hackathon geben soll.

 

Was war Eure Motivation für das Hackathon?

Heinrich: Erstens, dass einige von uns bei einem nichtkirchlichen Hackathon ganz tolle Erfahrungen gemacht haben und sich gedacht haben Mensch, wenn das schon außerhalb der Kirche so gut funktioniert, wie funktioniert es dann, wenn die Leute durch den Glauben verbunden sind. Und die zweite Motivation war, der langsamen Kirche, die oft irgendwie ein bisschen träge ist, einfach mal zu zeigen, wenn man will, kann man auch innerhalb von 11 Tagen eine mittelgroße Veranstaltung aus dem Boden stampfen, und dafür braucht man auch nicht einmal Geld oder Personal, sondern nur einfach ein bisschen Unterstützung von überall.

Welche Projekte kamen im Hackathon zustande?

Heinrich: Fast die Hälfte waren digitale Projekte, ein Viertel hybride Projekte. Oft ging es um die Frage, wie können wir digital und analog zusammenbringen? Inhaltlich war es wirklich ganz bunt gemischt, vom Lebenskreis über die Musikgruppe hin zu Live-Streams, Seelsorge, Jugendarbeit, Seniorenarbeit.

Spannend ist, dass die meisten Projekte aus der ehrenamtlichen Perspektive entstanden. Hauptamtliche wurden eher als Backup und Absicherung gedacht, sie haben keine tragende Funktion. Die meisten Projekte sehen vor, dass prinzipiell jeder auch durchführender Akteur werden kann.

Wie bewertet Ihr die Projekte?

Heinrich: Alle Projekte, die aus dem Hackathon entstanden sind, sind auf ihre Weise gut. Es haben viele Leute an einem Wochenende intensiv miteinander gearbeitet, die sich vorher noch nie gesehen haben. Jedes Projekt, das mal ausprobiert worden ist, ist prinzipiell schon ein gelungenes Projekt. Gelingend sind Projekte, wenn sie andere nachmachen können, wenn sie gut dokumentiert sind und viele Feedbackschleifen haben, um sich ständig zu verbessern. Die Projekte bewegen sich. Es gibt nicht die Eine Lösung, sondern es wird immer weiter verbessert.

Wie geht es weiter?

Heinrich: Einige Projekte entwickeln sich immer weiter, die Teams arbeiten weiter. Die Projekte gehören ja erst einmal den Teams, und diese entscheiden, was damit passiert. Wenn sie Lust und Laune haben, können sie weitermachen. Und wenn nicht, dann nicht. Außerdem gab es einen Kreis, der auf die Projekte geschaut hat und gesagt hat, da gibt es Projekte, die wir unterstützen möchten. Da gibt es so kleine Katalysatoren, die etwas vorantreiben.

Manche Projekte haben im Nachhinein ein bisschen Ärger bekommen, weil sie etwas gemacht haben, was in der Heimatgemeinde nicht gut ankam. Wir versuchen dann, diese Teams zu unterstützen und etwas vorangeht. Wir wollen einfach nur Neues ermöglichen und Räume schaffen.

Parallel arbeiten wir gerade mit einigen Einrichtungen zusammen. Wir versuchen, Projekte und Unterstützer auf unserer Homepage zu verbinden. Und wir wollen im nächsten Jahr wieder ein Hackathon organisieren, weil wir einfach finden, dass es ein cooles Format ist.

Gab es Probleme bei der Umsetzung des Hackathons?

Heinrich: Unser größtes Problem war ja, dass wir keine E-Mails an tausend Leute verschicken konnten. Inzwischen haben wir eine fest eingerichtete E-Mail-Adresse über einen kirchlichen Akteur. Ansonsten sehen wir eigentlich nicht so viele Hürden, da die ganze Sache eigentlich nichts kostet.

Was hat der Hackathon in der Kirche verändert?

Heinrich: Ich glaube, der Hackathon war ein Anstoß für kirchliche Strukturen, ganz viel zu überdenken. Es gibt einige Stellen, die überlegen, wie können wir diese kollaborativen Arbeitsformen viel mehr Einzug in unsere Arbeit und auch in unsere Kommunikation mit unseren Mitgliedern und vielleicht auch mit den Nicht-Mitgliedern Einzug halten? Wie können wir das als Chance nutzen?

Wir haben mit dem Hackathon die kirchliche Struktur ziemlich herausgefordert. Wir haben am Tag null gesagt, wir wollen das machen, und zwar in elf Tagen. Wir haben gefühlt Tag und Nacht gearbeitet und immer irgendwas gebraucht und angefragt. Und mussten feststellen:

So agil sind wir eigentlich gar nicht. Eigentlich sind unsere Abläufe, unsere Prozesse innerhalb unseren Strukturen viel zu langsam. Hier muss sich Kirche in Zukunft viel mehr öffnen muss und viel agiler werden.

Chancen für die digitale Kirche

Wo liegt das Potenzial einer digitalen Kirche?

Heinrich: Gerade wenn es um ethische Fragen im digitalen Raum geht oder um Beurteilungen von Technologien sollte sich Kirche mit ihrem Profil viel klarer positionieren. Theologen können Dinge wie Corona gut reflektieren und eine Position dazu vertreten.

Viel Potenzial sehe ich auch in der Gamerszene.

Warum sollte es nicht einen spielbaren Kirchenbesuch geben? In Spielen wie Minecraft gibt es Gemeinschaften, Konflikte, Streit. Hier könnte Kirche ganz viele junge Leute abholen – oder auch Schutzräume bieten. Für jedes Format oder für jeden Raum, den wir im Digitalen erobern wollen, brauchen wir genau die Personen, die sich in diesem Raum auskennen und gut ankommen.

Und woran muss Kirche arbeiten?

Heinrich: Mit Corona sind viele Präsenzangebote ins Digitale umgezogen worden. Aber gerade wenn wir in unsere Tiefenstruktur gucken, ist da überhaupt nichts digitalisiert und vereinheitlicht. Gerade im Administrativen haben wir da noch eine riesige Baustelle und hängen großen Unternehmen Jahrzehnte hinterher.

Wir brauchen eine Vielzahl von Angeboten im digitalen Raum. Mit der Zeit zeigt sich, was sich bewährt, was Bestand hat, was sich weiterentwickelt. Gleichzeitig müssen wir uns fragen, wo können wir Dinge wieder bündeln? Wo können sich Synergien ergeben? Wo können wir Angebote verbessern?

Die Kirche ist nicht digitalisiert, aber die digitalen Angebote sind auf einem guten Weg. Die EKD versucht gerade, evangelische Kirchen auf Google besser sichtbar zu machen. Wer eine evangelische Kirche sucht, findet sich häufig nicht, es gibt keine Webseite, oder diese ist nicht gelistet. Wir müssen sichtbar werden, leicht auffindbar und präsent.

Wir machen unsere Kirche kaum sichtbar. Die Kathedrale in London kann man über Google von innen anschauen. Sowas gibt es zu selten in Deutschland. Wir sollten viel mehr zeigen, was wir für Schätze haben. Das gilt auch für guten Content online. Wenn ich meinen eigenen Medienkonsum anschaue, dann scrolle ich täglich durch die Clips, dann lese ich vielleicht noch zwei, drei, vier Artikel – aber es muss mich wirklich interessieren. Ich glaube, da können wir in den Methoden auch noch besser werden.

 

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars mit dem Titel: "Online-Journalismus in der Praxis: Wie Religionen in Zeiten von Corona den digitalen Raum nutzen & innovative Ideen entwickeln" im Rahmen des Masterstudiengangs "Medien - Ethik - Religion" an der Theologischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen.

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