10.06.2020
Digitalisierung

Werden wir gläserne Mitarbeiter? Ergebnisse einer Tagung zum Datenschutz in der digitalen Arbeitswelt

Werden wir gläserne Mitarbeiter? Wie sieht es aus mit Transparenz und Datenschutz in der digitalen Arbeitswelt. Ein Gastbeitrag von Martin Waßink, Studienleiter für Wirtschaft, Arbeitswelt und Nachhaltige Entwicklung an der Evangelischen Akademie Tutzing.
Der Psychologe Tim Hagemann spricht über die Kunst der Arbeit - was Corona mit Digitalarbeit macht.

"Daten einzusperren ist ein Verbrechen gegen die Datenheit! Liebt die Daten!" Nein, Sie haben sich nicht verlesen – das Manifest der Hackergruppe Telecomix "Liebt die Daten" vermenschlicht und überhöht - mit spitzer Feder – die Digitalisierung und deren Wesenskern als oberste Prämisse: Also Daten first, Menschen second? Diesen Fragen widmete sich die Online-Tagung "Gläserne Mitarbeiter? Transparenz und Datenschutz in der digitalen Arbeitswelt" am 27. Mai 2020 in der Evangelischen Akademie Tutzing.

Soziologe Tobias Kämpf: Wie das Konzept der "inversenen Transparenz" zu Empowerment von Beschäftigten führt.

Digitale Transparenz: Chance oder totale Kontrolle?

Was bedeuten Transparenz und Datenschutz zum Beispiel für die vielen Berufstätigen, die ihre Arbeitsleistung nun vorrangig aus dem Home-Office erbringen – sowie für die Gesellschaft als Ganzes? Wie sieht es mit dem Datenschutz bei der geplanten Tracing-App zur Eindämmung der Ausbreitung des Corona-Virus aus?

Für Tobias Kämpf vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München zeige allein die Tatsache, dass diese Konferenz online im virtuellen Raum durchführbar ist, welche Bedeutung und Kraft die Digitalisierung in der Gesellschaft bekommen habe. Er gab Einblicke in das Forschungsprojekt "inverse Transparenz" im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Die Frage nach der Art des Umgangs mit dieser Transparenz sei die Schlüsselfrage für uns als Gesellschaft in der digitalen Transformation, die wir erleben. Wie bewältigen wir den Paradigmenwechsel von der klassischen Industrie zu einer neuen Informationsökonomie? Wie können wir den Umgang mit den Daten nachhaltig gestalten?

Die neue Informationsökonomie betreffe sowohl die Dienstleistungsbranche als auch ältere Industriebranchen: Sie definiere sich dadurch, so Kämpf, dass aus einem "Zirkel aus Daten" zunächst eine gewisse Information entstehe, die dann zu innovativen Geschäftsmodellen werden, die wiederum neue Daten produzieren. So nutzt beispielsweise die Google-Maps-App die Bewegungsdaten von Handys, um ein relativ genaues Navigationssystem entstehen zu lassen.

Außerdem optimiere Netflix aus den Daten von gestreamten Filmen neue Film- und Serienangebote für dem jeweiligen Kunden angepasst sind. Auch der Automobilhersteller Tesla, der sich in erster Linie als Softwarehersteller versteht, prüfe fortlaufend seine Algorithmen der Selbststeuerung aus den Autopilot-Daten seiner Kunden.

Digitale Daten sind Rohstoff der Wertschöpfung. Daten werden zum Impuls der Innovationen.

Im zweiten Teil ging Tobias Kämpf auf Chancen und Risiken der Informationsökonomie in der Arbeitswelt ein, die nah beieinander liegen: Arbeit wird zunehmend "gläsern", gleichzeitig entstehen dadurch Muster digitaler Kontrolle. So ist etwa bekannt, dass die Bewegungsdaten von Uber-Fahrern oder Amazon-Packern heute "gemonitort" und "getrackt" werden. Aber auch bei Hochqualifizierten werden Daten genutzt, um zum Beispiel Arbeit als Wettbewerb zu inszenieren ("Gamification") und so ein "System permanenter Bewährung" erlebbar zu machen.

Die Folge: Es entsteht Druck. Das am weitesten fortgeschrittene Kontrollmodell nannte Kämpf "neue Formen der Verhaltenssteuerung": die Datenspuren, die wir beim Einkauf im Internet hinterlassen führen zu passgenauer Werbung, die unser Kaufverhalten beeinflussen. Manche Unternehmen nutzen digitale Hilfsmittel, um sogar das Sozialverhalten der Beschäftigten zu beeinflussen.

Zur nachhaltigen Gestaltung im Umgang mit Daten formulierte Kämpf vier Punkte, die seinem Ansatz der "inversen Transparenz" folgen:

  • Neue Transparenz: Es muss allen Mitarbeitenden im Betrieb bekannt sein, welche Daten über Beschäftigte in der Arbeit überhaupt anfallen ("watch the watcher").
  • Neue Beteiligung: Die Beschäftigten und ihre Interessensvertretungen müssen mitentscheiden können, welche ihrer Daten zu welchem Zweck genutzt werden – und welche Daten sie selbst für ihre Arbeitstätigkeit brauchen.
  • Neue Führungskultur: Die neue Transparenz darf nicht für ein Mehr an Kontrolle und Micro-Management genutzt werden. Stattdessen braucht es Führung auf Augenhöhe.
  • Kollektive Rechte: Die vorhandenen asymmetrischen Machtverhältnisse in der Arbeitswelt müssen durch neue kollektive Rechte wie Vertriebsvereinbarungen fortlaufend abgesichert werden.

So könnten Daten zur Basis von Innovationen werden. Wichtig ist, dass sie dazu beitragen, dass Vertrauen entsteht. Dadurch bilden sich neue Innovationskulturen, die den Beschäftigten ermöglichen, selbst aktive Gestalter zu sein statt nur Objekt von Daten. Kämpf benennt dieses Leitbild als "Empowerment der Beschäftigten".

Wird das Home-Office zur digitalen Falle für Arbeitnehmer?

Im zweiten Vortrag beschäftigte sich der Psychologe Tim Hagemann von der Fachhochschule in Bielefeld mit den digitalen Fallen unserer Arbeitswelt und speziell der Situation im Home-Office. Auch im Zuge der Veränderungen durch die Corona-Pandemie werden die "Reboundeffekte" der Digitalisierung noch schneller spürbar.

Das bedeutet: Obwohl wir effektiver arbeiten können, haben wir immer weniger Zeit. So entstehe ein permanenter Zeitdruck. Zudem entstehen neue Ängste, weil die Differenz zwischen verpassten und realisierten Möglichkeiten immer größer wird: Obwohl wir mehr tun, haben wir mehr Angst, etwas zu verpassen.

Zeiterfassung kann einerseits ein Gefühl von Sicherheit geben, aber auch Belastungsmomente entstehen lassen wie etwa die Angst, Fehler zu machen oder dem Gefühl des Kontrolliertseins ausgesetzt zu sein. Diese Angst führe zu Tunnelblick und Fokus auf Bedrohendes statt zum Blick über den Tellerrand. Nur mit ausreichend Freiräumen gelinge Arbeitszufriedenheit.

Ebenso kann ein Gefühl von "Gegenwartsverlust" belasten, die als Gegenwart empfundene Zeit schrumpft durch sogenannte Versuche von Multitasking, welches uns unproduktiver werden lässt: Eine empirische Untersuchung des Kings College zeige, dass sogar alkoholisierte Probanden fehlerfreier und produktiver arbeiten konnten als jene, deren Tätigkeit im Experiment ständig fragmentiert wurde.

Weitere Untersuchungen mit Login-Daten zeigten, dass Mitarbeitende etwa 40 bis 60 Unterbrechungen pro Arbeitstag erleben durch das Abrufen von E-Mails oder anderer Programme bei ihrer eigentlichen Tätigkeit. Hagemann stellte dabei das sogenannte Kassierersyndrom vor. Dabei führe die Schnelligkeit und Effizienz bei der Aufgabenerfüllung nicht zu einer schnelleren Beendigung sondern zu mehr auf der To-do-Liste – in die schnellere Schlange einer Kasse stellen sich mehr Leute an.

Mit Blick auf das zunehmende Home-Office als Arbeitsform und -Ort sprach Hagemann von einer Entgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben: Auf oft nur einem Handy kommen sämtliche Anrufe aus beiden Lebenswelten an. Langzeitstudien dazu zeigen, dass dadurch sowohl unsere Leistungsfähigkeit als auch unsere Gesundheit über Jahrzehnte beeinträchtigt werden.

Um die Gefahr von Erschöpfung zu vermeiden, seien ein gutes Pausen- und Erholungsmanagement sowie Rituale sehr wichtig. Wir sollten darauf achten, Erfolge darzustellen und Zeitpunkte für Rückblicke zu schaffen, um langsame Veränderungen wahrzunehmen.

Als generelle Gefahr von Digitalisierungsprozessen sprach Hagemann abschließend von einem drohenden Kompetenzverlust durch digitales Automatisieren und das Hinterlegen von Wissen. Ein Bewusstsein darüber, welches Wissen wir abgeben und welches wir behalten sei wichtig.

Thomas Petri: Digitale Transparenz & Datenschutz.

Rechtlicher Rahmen von Datenschutz in Deutschland

Nach der soziologischen und psychologischen Perspektive auf die Digitalisierung unserer Arbeitswelt gab der bayerische Datenschutzbeauftragte Thomas Petri einen umfassenden und detaillierten Einblick in den rechtlichen Rahmen von Datenschutz:

Datenschutz ist ein Grundrecht und jeder Einzelne sei damit geschützt. Die Verankerung erfolge sowohl in der Europäischer Grundrechtecharta (Art. 8) als auch in Bundes- und Landesgesetzen: Betroffene, deren Daten irgendwo erhoben werden, sind deshalb kein Spielball der Datenverarbeitung, sondern haben Einfluss darauf – und müssen zustimmen.

Petri ging ausführlich auf die Relevanz der viel diskutierten Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) ein, die in allen EU-Mitgliedsländern unmittelbar und allgemein wie ein innerstaatliches Gesetz gelte. Jede beteiligte Nation habe aber die Möglichkeit für nationale Konkretisierungs- und (seltene) Öffnungsklauseln – Datenschutz kann also durchaus als Gestaltungselement wahrgenommen werden.

Grundsätzlich gelten für jede Art der Datenerhebung gewisse Verarbeitungsgrundsätze, die sich in Art. 5ff DSGVO geregelt werden. Daten müssen:

  • nach Treu und Glauben erhoben werden,
  • einem festgelegten Ziel dienlich sein
  • und der Eingriff eine rechtmäßige gesetzliche Grundlage haben.

Diese Grundsätze ermöglichen sowohl Transparenz, Integrität und Vertraulichkeit – Datenschutz müsse nicht als Feind gesehen werden.

Ausführlich ging Petri auch auf Gesundheitsdaten ein, für die ein grundsätzliches "Verarbeitungsverbot" bestehe (Art. 9 Abs. 1 DSGVO). Dies gelte auch für Arbeitgeber. Allerdings ließen die Absätze 2 und 3 desselben Artikels in Verbindung mit § 26 Abs. 3 des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) eine Weitergabe von Persönlichkeitsdaten in der aktuellen Corona-Situation zu, wenn z.B. Mitarbeitende an Covid-19 erkrankt seien.

Eine Tracing-App für Deutschland

Für die bald kommende Tracing-App zur Eindämmung von Corona-Infektionen hielt Petri fest, dass diese vom Arbeitgeber nicht verordnet werden können. Das Prinzip der freiwilligen und anonymen Nutzung sei sehr wichtig. Zur Frage nach der Zulässigkeit von Temperaturmessungen etwa über Wärmebildkameras gebe es noch keine abschließende Meinung ob dies zulässig sei.

Die Tendenz gehe aber dazu, dies nur in Ausnahmefällen zu genehmigen, da erhöhte Temperatur kein eindeutiges Symptom für eine Covid-19-Infektion sei. Bei allen Fragen des Datenschutzes gelte es, das in der Europäischen Grundrechtecharta festgehaltene Schutzbedürfnis des Betroffenen abzuwägen mit berechtigten Interessen, insbesondere in Krisensituationen.

Das Resümee zur Tagung

An der Online-Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing mit dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (kda) der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung haben drei Wissenschaftlicher ausführlich referiert. Sie benannten neben Chancen in Form verschiedener Aspekte von Empowerment für Beschäftigte auch gesellschaftliche und psychologische Risikofaktoren. Ferner wurden die juristischen Möglichkeiten des Datenschutzrechts aufgezeigt, um die Macht im Umgang mit Daten anderer einzuschränken und totale Transparenz zu vermeiden.

Zum Schluss wurden die Teilnehmenden an ihren Bildschirmen befragt, ob sie die Digitalisierung eher als Chance auf Empowerment oder doch eher als Beherrschung und Ausübung von Kontrolle erlebten. Deutlich über die Hälfte erlebten den Prozess der Digitalisierung negativ. Nur etwa ein Fünftel der Befragten war der Meinung, dass die Chancen für Berufstätige überwiegen.

Es bleibt also ein wichtiges Thema und die Fragen nach der Rolle von Daten im gesellschaftlichen Leben wie in der Arbeitswelt aktuell. Daher planen die Veranstalter nächstes Jahr eine Präsenztagung zum selben Thema am 20. und 21. Mai 2021. Weitere Informationen zu dieser geplanten Tagung finden Sie auf der Homepage der Evangelischen Akademie Tutzing.

Das Sonntagsblatt ist Medienpartner der Evangelischen Akademie Tutzing. Weitere Informationen zur Tagung finden Sie auf der Tagungsseite der Evangelischen Akademie Tutzing.

Hintergrund zum Ablauf der Tagung

An der Tagung, die mithilfe einer Konferenz-Plattform unter Nutzung deutscher und europäischer Server für alle Audio- und Videodaten durchgeführt wurde, nahmen durchschnittlich 163 Personen teil. Die ursprünglich geplante Tagung war als zweitägige Präsenzveranstaltung gedacht und wurde auf die derzeitige Situation in der Corona-Pandemie und eine passende Online-Dauer angepasst.

Als Referierende waren drei Experten aus den Fachgebieten Soziologie, Psychologie und Rechtswissenschaften eingeladen, die nach ihren Beiträgen auch via Chat-Nachrichten auf die Fragen der Teilnehmenden eingingen. Vor jedem Vortrag las die Schauspielerin Bettina Kenter-Götte aus ganz unterschiedlichen Textgenres, um auf das jeweilige Thema hinzuleiten.

Kooperationspartner und Mitorganisatoren:

Philip Büttner
Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern

Nick Kratzer
Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V., München

Peter Lysy
Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern

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