20.06.2019
Digitalisierung

Wie Digitalministerin Audrey Tang aus Taiwan sich mit Digitalisierung für Demokratie einsetzt

Radikale Transparenz, Partizipation und Interaktion: Darauf setzt die Digitalministerin Audrey Tang aus Taiwan. Warum uns ihr Modell interessieren sollte.
Audrey Tang Digitalministerin Taiwan
Digitalministerin Audrey Tang auf dem Bildschirm der re:publica 2019 in Berlin.

Unscheinbar kommt sie daher, bodenständig und offen: Audrey Tang ist Digitalministerin in Taiwan. Auf der re.publica 2019 in Berlin stellte sie die Arbeit ihres Ministeriums vor – und eroberte die Herzen der digitalen Community. "Kannst du nicht Digitalministerin in Europa werden", fragten die User im interaktiven Chat. "Das kann ich nicht, weil ich hier verpflichtet bin, aber unsere Tools sind Open Source und können von anderen Organisationen gerne genutzt werden", erwiderte Tang.

Tang, 1981 geboren, ist eine ungewöhnliche Erscheinung: Sie hat die Schule abgebrochen, freie Software programmiert und schrieb für die Programmiersprache Perl 6 verschiedene Werkzeuge. Ende 2005 änderte Autrijus, wie sie damals noch hieß, offiziell ihr Geschlecht und tritt seitdem unter ihrem englischen Namen auf. 2012 gehörte sie zu den Gründern der freien Bürgerbeteiligungsplattform g0v.tw, die darauf zielt, mehr Partizipation im Netz zu bewirken.

Im Oktober 2016 wurde sie von der neuen Regierung, der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP), zur Digitalministerin in Taiwan ernannt. Für das Land mit rund 23 Millionen Einwohnern hat die Ministerin 17 digitale Ziele gesetzt. Auf ihre Agenda gehören nicht Künstliche Intelligenz oder Big Data, sondern Ziele wie Partnerschaft, Teilhabe, Wissensmanagement und Vernetzung als Menschenrecht. Tang möchte die Vielfalt des menschlichen Lebens abbilden und die Zivilgesellschaft mit der Regierung in Einklang bringen. Audrey Tang, so schrieb die Süddeutsche Zeitung, versuche sich an "nichts Geringerem als an der digitalen Neuerfindung der Demokratie". Dazu passt auch, dass sie anstelle einer Berufsbeschreibung ihr Amt mit einem Gebet begonnen hat:

"Wenn wir 'Internet der Dinge' sehen,
lasst es uns zu einem Internet der Wesen machen.
Wenn wir 'virtuelle Realität' sehen,
lasst uns daraus geteilte Realität machen.
Wenn wir 'maschinelles Lernen' sehen,
machen wir daraus gemeinsames Lernen.
Wenn wir 'User Experience' sehen,
lasst uns menschliche Erfahrung daraus machen.
Wenn wir hören, dass 'die Eigenartigkeit naht',
erinnern wir uns: Die Pluralität ist hier."

Audrey Tang, Digitalministerin Taiwan
Audrey Tang Digitalministerin Taiwan
Digitalministerin Audrey Tang aus Taiwan - Bildschirme auf der re:publica 2019 in Berlin.

Wie das Digitalministerium in Taiwan Offenheit und Big Data nutzt:

Auf Sonntagsblatt.de präsentieren wir eine Auswahl der Ideen, die Digitalministerin Audrey Tang auf der re:publica in Berlin präsentierte – als Anregung für alle DigitalministerInnen, Kommunen, NGOs und öffentlichen Einrichtungen:

1. Offenes Haus

Jeden Mittwoch von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends steht die Digitalministerin aus Taiwan für Gespräche zur Verfügung. Jeder und jede kann persönlich mit der Ministerin sprechen und Anliegen vortragen.

2. Innovation

Jeder Bürger kann ein Projekt vorschlagen, von dem er meint, dass es eine Verbesserung für den Staat und die Gemeinschaft bedeutet. Dieses Projekt wird, wenn es mindestens 5.000 Befürworter findet, für die Dauer von einem Jahr umgesetzt und anschließend evaluiert. So können Maßnahmen erprobt und Verbesserungen rasch umgesetzt werden.

3. Ländliche Regionen

Einmal im Monat fährt die Digitalministerin in eine ländliche Region, um sich mit Problemen in ländlichen Gebieten oder kleinen Ortschaften zu beschäftigen. Über Videokonferenzen werden die Fachleute aus dem Ministerium zugeschaltet. So soll sichergestellt werden, dass Innovationsmaßnahmen nicht "von oben" vorgegeben, sondern auf regionale Anforderungen zugeschnitten werden.

4. Teilhabe und Transparenz

Auf einer digitalen Online-Plattform werden alle Themen und Pläne des Digitalministeriums kommuniziert. Bürger können jeden Posten im Haushalt einsehen und bei Fragen über einen Chat in Echtzeit mit dem Ministerium in Kontakt treten. Zudem können sie eigene Vorschläge einbringen und über geplante Gesetze und Regeln diskutieren.

5. Emotion

Nicht nur die harten Fakten, auch die Emotionen möchte die Digitalministerin in die Entscheidungsfindung einbringen. Über Künstliche Intelligenz werden Fragebögen und Kommentare ausgewertet. Ziel ist es, bei Entscheidungen die Gefühle möglichst vieler Menschen zu berücksichtigen und angemessen darauf reagieren zu können.

6. Open Data:

Alle Daten, die den Staat betreffen, werden der Öffentlichkeit weitgehend zugänglich gemacht. Ein Beispiel: Um landesweit den Klimawandel zu messen, konnten Bürger eine Messstation kaufen und im Garten oder auf ihrem Balkon fixieren. Nun können die Bürger in Echtzeit über eine interaktive Landkarte im Netz sämtliche Klimadaten abrufen.

8. Hackathon

Jedes Jahr organisiert die Digitalministerin einen Hackathon. Programmierer und Ideengeber versammeln sich und arbeiten an konkreten Projekten. Der erste Preis ist mit der Implementierung der Software in den Staatsbetrieb verbunden.

Das Gespräch auf der re:publica wurde mit Augmented Reality gezeigt. Die Publikumsdiskussion mit anschließendem Chat wurde auf YouTube aufgezeichnet und kann unter diesem Link angesehen werden.  Die Webseite der Regierung von Taiwan finden Sie hier.

Audrey Tang
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