29.04.2017
Kommentar

Sozialstaat mit lutherischen Wurzeln

Unser heutiges Sozialsystem hat (auch) lutherische Wurzeln. Aber: Hat die evangelische Kirche noch Kontakt zur Arbeitnehmerschaft? Kommentar von Stephan Bergmann
DGB-Plakat mit dem Motto zum 1.Mai 2017.
DGB-Plakat mit dem Motto zum 1.Mai 2017.

Arbeit ist das halbe Leben. Alle Jahre wieder am 1. Mai wird Bilanz gezogen: Wie steht es in unserem Land um menschenwürdige, gute Arbeit? Um den Schutz des arbeitsfreien Sonntags? Um Jobs, die Freude machen und angemessen bezahlt werden? Trotz starker Wirtschaft gibt es immer noch viel zu viele Menschen, die langzeitarbeitslos sind oder als Niedrigverdiener mit ihrem Geld kaum über die Runden kommen. Und selbst die Bessergestellten haben oft nur befristete Stellen und sind Stress oder gar Mobbing ausgesetzt.

Tag der Arbeit für Reformen nutzen

Am Tag der Arbeit fordern die Gewerkschaften deshalb traditionsgemäß Reformen. Aber auch eine öffentliche, dem Gemeinwohl verpflichtete Kirche tut gut daran, wenn sie Politik und Wirtschaft immer wieder an die sozialverträgliche Gestaltung des Arbeitslebens erinnert. Sie befindet sich damit in bester lutherischer Tradition.

Kein Geringerer als der Reformator selbst hat ja den weltlichen Beruf als Berufung aufgewertet, egal wo und in welcher Position. Er hat dabei sogar von Arbeit als Gottesdienst im Alltag gesprochen, wenn sie dem Nächsten diene. Genauso wie ethisches Wirtschaften dem Gemeinwohl und nicht dem Mammon. Kein Wunder, dass unser heutiges Sozialsystem lutherische Wurzeln hat.

Kann die Kirche die bildungsbürgerliche Milieuverengung in ihren Gemeinden stoppen?

So ist es nur konsequent, wenn etwa Diakonie oder übergemeindliche Werke wie der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt sich anwaltschaftlich und öffentlich für mehr soziale Gerechtigkeit einsetzen und in Projektarbeit engagieren. Luthers Kirche sollte vor allem die in Deutschland besonders große Kluft zwischen Arm und Reich und damit auch die ungerechte Besteuerung von Arbeits- und Vermögenseinkommen thematisieren.

In Sachen Alltagswelt sind dann insbesondere die Kirchengemeinden gefragt: Offen und einladend sollten sie auf die Menschen zugehen, das heißt sich auch über deren Platz in einer immer komplexeren Ökonomie kundig machen. Auf die Lebenswirklichkeit von ganz unterschiedlichen Arbeitswelten abgestimmte Beratungs- und Spiritualitätsangebote vor Ort sind nötig, will die Kirche den Trend zur bildungsbürgerlichen Milieuverengung ihrer Kerngemeinden aufhalten.

Dabei geht es um eine einfachere, barrierefreie Sprache und um niederschwelligen Zugang. Zuallererst sollten Kirchengemeinden aber all ihre Kraft in die Besuchsdienste und Kasualien stecken, um mehr persönlichen Kontakt zu den »externen« Milieus zu bekommen. Wer die Menschen in ihrem Arbeits- und Familienalltag abholt, der gewinnt sie vielleicht auch für die Gemeinschaft im gelebten Glauben.

Gerade der 1. Mai im Lutherjahr könnte dafür Ansporn sein.

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an Sonntagsblatt-Gastkommentator Stephan Bergmann: online@epv.de

 

DGB-Video zum 1. Mai 2017: »Wir sind viele, wir sind eins.«
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