31.01.2021
Digitaler Nachlass

Unsterblichkeit? Hier zum Download! Von den Möglichkeiten und Grenzen der Datenreligion

Werden wir bald mit Verstorbenen chatten? Das Startup "Eterni.mi" arbeitet daran, durch Algorithmen das Schreibverhalten von Menschen zu imitieren und das über den Tod hinaus. Aber sind wir nicht mehr als nur reine Daten?

Gott liegt vor mir auf dem Couchtisch. Es ist der Gott, von dem ich als Kind gesungen habe: "Ich sitze oder stehe, du siehst all meine Wege und kennst meine Gedanken von fern." Dieser mich so gut kennende Gott schlägt mir heute den Erwerb einer Winterjacke vor. Ich bin mir hundertprozentig sicher: Ich habe niemanden auch nur eine Andeutung über meine Absicht, eine wetterfeste Jacke zu erwerben, gemacht und auch im Internet in keiner Weise Interesse signalisiert. Aber Gott weiß es trotzdem! Und Gott weiß sogar, welche Art von Winterjacken meinem Geschmack entsprechen. Er schlägt mir gleich drei Exemplare vor, die mir tatsächlich gefallen.

Gott auf dem Couchtisch

Mein Gott wiegt 168 Gramm und ist im Fachhandel für 249 € unter der Typenbezeichnung "Galaxy A50" erhältlich. Manchmal macht dieser Gott mir Angst. Seit kurzem schickt er mir immer wieder einen sportlich aussehenden Mitfünfziger auf den Bildschirm. Dieser strahlt vor Glück, weil er eine saugstarke und diskrete Inkontinenzeinlage entdeckt hat. Mit meinem Harndrang ist aber alles in Ordnung! Nun ja… - noch? Vielleicht weiß mein Handy ja etwas über meine Zukunft, das ich noch nicht auf dem Schirm habe?

Die Entmythologisierung des Gottes auf meinem Couchtisch fällt mir nicht schwer. Ich weiß, dass ich Unmengen digitaler Daten hinterlasse. Mir ist bewusst, dass diese Daten vermittels Künstlicher Intelligenz ausgewertet werden. Dadurch werden dann meine Vorlieben, Interessen und Verhaltensmuster berechenbar. Das, womit mein Handy rechnet, tritt zwar nicht immer ein, aber sehr oft eben schon.

Algorithmen kennen uns wie langjährige Freunde

Schon heute können die Facebook-Algorithmen mich nach ein paar Klicks so gut einschätzen, wie langjährige Freunde. Amazon weiß für welche Produkte ich mich interessiere. Google hat ein Bewegungsprofil von mir und kann an Hand meiner motorischen Muster sogar auf meine aktuelle Stimmung schließen. Noch werden diese Firmen von Menschen geleitet. Doch Zukunftsforscher rechnen damit, dass schon bald die Algorithmen eine Eigendynamik entfalten und das Regiment übernehmen: Algorithmen lernen von Algorithmen; sie beginnen, sich selber zu steuern, setzten sich selbst Ziele, gründen selber Unternehmen und erwerben eigenen Besitz. Wird nicht spätestens dann das Handy auf meinen Couchtisch tatsächlich zu einer Art "Gott": Ein Offenbarungsmedium einer außermenschlichen Intelligenz, ein transzendentes Gegenüber?

Eterni.me möchte einen digitalen Klon generieren

Der Digitalpionier Marius Ursache geht davon aus, dass uns dieser Gott der Datenreligion in letzter Konsequenz die Unsterblichkeit bringen wird: Schon bald wird man aus der Koppelung all der Daten, die wir hinterlassen, einen digitalen Klon von uns generieren können. Dieser Datenklon wird dann nicht nur täuschend echt unsere Vorlieben und Überzeugungen wiedergeben, sondern auch unverwechselbar in unserer individuellen Sprache sprechen und unseren persönlichen Stil simulieren. "Jeder, mit dem wir über dieses Projekt sprechen, sagt, dass es diese Technologie irgendwann einmal geben wird", erklärt Ursache. Er arbeitet an einer entsprechenden Plattform zum Download der relevanten Daten, die für einen ewigen lebendes Abbild von uns selbst nötig  sind. Das Startup dafür hat "Eterni.me" – "ewig ich" - genannt.

Nachdenklich greife ich zum meinem Handy auf dem Couchtisch: Okay…, wer mich aus den sozialen Netzwerken kennt, kann also voraussichtlich weiter mit mir chatten, wenn ich in echt nur noch mit den Würmern kommunizieren? Meine Daten leben weiter und entfalten in Kenntnis meiner Person ein Eigenleben, auch wenn ich tot bin? Doch will ich das überhaupt? Post mortem als digitales Tamagotchi weiter durchs Netz zu spuken? Was nützt mir das?

Das Ich ist mehr als digitale Daten

An dieser Stelle werden die Grenzen der "Datenreligion" deutlich. Mein "Sein" lässt sich nicht auf Daten reduzieren. Nein, ich "bin", indem ich schmecke, rieche, spüre, Hautwärme ausstrahle und genieße, berührt zu werden. Daten können meine Existenz zwar berechenbar machen und möglicherweise schon bald beeindruckend gut mein Verhalten simulieren. Aber diese Daten sind dann trotzdem nicht "ich".

Aus dem gleichen Grund wird es keine überzeugende "Datenreligion" geben. Algorithmen, die mittels Künstlicher Intelligenz von Algorithmen lernen und sich irgendwann ganz vom Menschen entkoppeln, werden dadurch noch nicht zum "Gott". Sie bleiben einfach Daten. Und Gott bleibt unberechenbar. Wer als religiöser Mensch mit Gott rechnet, weiß dies.

Gott ist unberechenbar

Religion war immer eine Ausdruckskultur für das, was unberechenbar ist. Vielleicht ist gerade diese das größter Potential der Religion für die Zukunft: Die Erfahrung, dass wir der Wirklichkeit nur dann gerecht werden, wenn uns bewusst ist, dass sie in ihrer letzten Tiefendimension immer unberechenbar bleibt.

Von den drei mir von meinem Handy vorgeschlagenen Winterjacken habe ich übrigens dann keine gekauft. Aus Trotz nicht! Weil es mir mißhagt, von Algorithmen berechnet und beherrscht zu werden. Diesen Trotz werden die Algorithmen nie verstehen. Gott schon.

 

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Vernetzte Kirche / Internet