10.04.2019
Kommentar

Wahlrecht ab 16: Warum die Politik jünger werden muss

Unsere Gesellschaft altert. Schon jetzt stehen deutschlandweit mehr als 21 Millionen Wahlberechtigte, die älter als 60 Jahre waren, nur knapp zehn Millionen möglichen Wählern unter 30 Jahren gegenüber. Es wird Zeit dieses Ungleichgewicht ein wenig zu korrigieren.
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In der Jungen Kirche Lindau ist das Wahlrecht für Jugendliche schon immer selbstverständlich – und zwar aktiv wie passiv. Das heißt, die Jugendlichen dürfen wählen. Und sie dürfen sich wählen lassen. Das Leitungsgremium der Jungen Kirche, die zur Evangelischen Jugend im Dekanat Kempten gehört, besteht aus je sechs Jugendlichen und Erwachsenen. Das Gremium hat ähnliche Aufgaben wie der Kirchenvorstand einer Gemeinde. Es entwickelt Ideen, entscheidet über Aktivitäten und Angebote der Jugendkirche – und über die Verwendung der Finanzmittel. Das ist viel Verantwortung, mit der die jungen Leute umgehen müssen. Aber es funktioniert.

Zugegeben: Die Junge Kirche Lindau ist ein sehr eng umgrenzter Bereich, bei dem es um Themen geht, die nur die Jugendlichen betreffen – ein Experimentierfeld, wenn man so will. Aber sie zeigt: Junge Menschen wollen sich für Themen engagieren, die sie betreffen. Sie wollen mitgestalten, und sie sind auch fähig dazu.

Jugendliche werden von Politik nicht wahrgenommen

Es ist daher nachvollziehbar, wenn die Evangelische Jugend in Bayern (EJ), wie auch Vertreter mehrerer Parteien, ein Wahlrecht für Jugendliche ab 16 fordert – zumindest bei den bayerischen Kommunalwahlen. Man sei nicht gewillt, darauf "noch jahrelang zu warten", sagt die EJ-Vorsitzende Paula Tiggemann. Schließlich machten auch die Kirchenvorstände evangelischer Gemeinden gute Erfahrungen damit, dass junge Menschen schon ab 14 Jahren wählen dürfen. Und: Haben unter 18-Jährige kein Wahlrecht in der Politik, würden sie von den Politikern auch nicht wahrgenommen und damit ihre Interessen nicht ausreichend berücksichtigt.

Man kann darüber streiten, ob dem so ist. Dem einen oder anderen Politiker darf man durchaus zutrauen, auch Jugendinteressen gut zu vertreten. Tatsache ist aber: Unsere Gesellschaft altert. Der Anteil der Jungen nimmt im Vergleich zu den Älteren ab. Schon 2015 standen deutschlandweit mehr als 21 Millionen Wahlberechtigte, die älter als 60 Jahre waren, nur knapp zehn Millionen möglichen Wählern unter 30 Jahren gegenüber. Jugendliche ab 16 Jahren wählen zu lassen würde dieses Ungleichgewicht ein wenig korrigieren. Es würde überdies jenen eine Stimme geben, über deren Zukunft bei Wahlen mitentschieden wird. Und es würde ohne Zweifel auch für den einen oder anderen neuen Impuls in der politischen Debatte sorgen. Erfahrung und Reife sind wichtige Eigenschaften, wenn es darum geht, Politik zu verstehen und zu gestalten. Jugendliche Ideen und frische Gedanken können dabei aber auch nicht schaden. Mit einem Wahlrecht ab 16 hätten sie mehr Chancen auf Entfaltung.

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