21.01.2020
Juden in Deutschland

Antisemitismus-Beauftragter Felix Klein fordert, Erinnerungsarbeit mit Biografien zu stärken

Im Kampf gegen Antisemitismus brauchen jüdische Gemeinden und Museen gute Konzepte und gut geschultes pädagogisches Personal. Das wurde bei einem Expertengespräch in Fürth deutlich.
Juden vor dem Brandenburger Tor

Jüdisches Leben hat in Deutschland eine Gegenwart und ist integraler Bestandteil der Gesellschaft. Das zu verteidigen ist nach Auffassung des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, der Staat gefordert. Hierfür müsse er die Balance zwischen repressiven und präventiven Maßnahmen halten, sagte Klein am Montag in Fürth bei einem Expertengespräch.

Der Kampf gegen Antisemitismus könne die Gesellschaft auch sensibler für Rassismus, Hass gegen Muslime, Frauen und andere Gruppen machen.

Es brauche aber gegen Antisemitismus andere Instrumente als gegen Rassismus oder Hass gegen bestimmte Gruppen, erklärte Klein. Das sei nicht einmal allen Politikern klar: "Das ist ein dickes Brett, das da gebohrt werde muss." In der vom früheren Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) organisierten Runde hob Klein die Bedeutung der Erinnerungsarbeit mit Biografien hervor. Durch die Rolle der "Gerechten unter den Völkern" werde klar, "welche Möglichkeiten der Einzelne hat, etwas gegen das Böse zu tun".

Auch die Leiterin des Jüdischen Museums Franken in Fürth, Daniela Eisenstein, setzt in ihrem Haus auf biografische Zugänge. Sie forderte außerdem bessere didaktische Konzepte in der Erinnerungsarbeit und mehr pädagogisch gut geschultes Personal. Das könne "situativ beispielsweise auf das Verhalten pubertierender Jugendlicher eingehen".

In ihrem jüdischen Museum habe sie lange Zeit das Thema Antisemitismus ausklammern wollen, sagte Eisenstein, "aber die Lehrer, die uns mit ihren Klassen besuchen, wollten wissen, wie sie auf Antisemitismus reagieren sollen".

Eisenstein fragte aber auch, ob es nötig sei, Kinder in den Schulen in den Religionsunterrichten zu trennen. Die Schüler würden so vor allem die "Andersartigkeit" der anderen wahrnehmen. Die Museumsleiterin setzt große Hoffnungen auf das Festjahr "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland", das im Jahr 2021 begangen werden soll.

Erinnerungsarbeit ist nach Ansicht des Geschäftsführers der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, André Freud, kein Mittel gegen Antisemitismus. Sie würde im Gegenteil sogar die Sonderrolle der Juden noch mehr herausstellen. Gegen Judenfeindlichkeit ist laut Freud die Begegnung von Menschen mit Juden und mit Israelis "der einzige Schlüssel".

Repressionen gegen diejenigen, die gegen den Geist des Grundgesetzes verstoßen, hält der evangelische Nürnberger Regionalbischof, Stefan Ark Nitsche, für wichtig. Aber im Einsatz gegen Antisemitismus müssten auch "diejenigen gestärkt werden, die guten Willens sind".

Workshops für den Umgang mit Stammtischparolen könnten hier ein Ansatz sein, sagte Nitsche.

Der Regionalbischof hob aber auch die Rolle seiner evangelischen Kirche hervor, die derzeit "ihren theologischen Argumentationsbaukasten" danach überprüfe, wo Antijudaismus Vorschub geleistet werde. Eine Religion müsse ihren eigenen Wert anders darlegen können als über stereotype Abgrenzungen, sagte Nitsche.

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