24.01.2019
Antisemitismus

Arye Sharuz Shalicar: Vom Sprayer aus dem Wedding zum israelischen Offizier

Persisch ist er, deutsch und israelisch. Die Heimatminister dieser Welt bekommen bei so einem Schnappatmung. Die Kurzfassung seines Lebens: von der Straßengang im Berliner Wedding zum Pressesprecher der israelischen Armee. Arye Sharuz Shalicar kennt sich ganz gut damit aus, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Sein jüngstes Buch "Der neu-deutsche Antisemit" ist eine Abrechnung mit dem aufflammenden Antisemitismus in Deutschland – knapp 75 Jahre nach dem Ende des Holocaust.
Kampf um Respekt: In den Straßen Wedding wurde er als Jude verprügelt, muslimische Freunde wie Şahin (rechts) hatte Arye (links) nur wenige.
Kampf um Respekt: In den Straßen Wedding wurde er als Jude verprügelt, muslimische Freunde wie Şahin (rechts) hatte Arye (links) nur wenige.

Geboren wurde Arye Sharuz Shalicar 1977 in Göttingen. Deutschland sollte eigentlich nur ein Zwischenstopp sein auf dem Weg nach Kanada, auf der Flucht vor dem Judenhass im Iran. Doch dann schlugen die Shalicars Wurzeln in Deutschland. Bis er 13 ist, wächst Arye in Berlin-Spandau auf. Religion spielt keine Rolle, Fußball dafür eine umso größere.

Als Aryes Mutter die Chance hat, im Wedding eine kleine Änderungsschneiderei zu übernehmen, zieht die Familie in den Berliner Problemkiez. Eine völlig neue Welt sei das für ihn gewesen, erinnert sich Shalicar. Plötzlich hätten Nationalität und ethnische Herkunft, "Rasse" und Religion eine zentrale Rolle gespielt. Fast alle seiner neuen Freunde sind aus muslimischen Einwanderer­familien. Es sind Türken, Libanesen, Kurden, Araber. Sie alle denken, Arye, mit seinen schwarzen Haaren und dem dunklen Teint, sei einer von ihnen: ein Muslim.

Der Fehler mit der Goldkette

Alles ändert sich, als Arye einen Fehler macht. Viele der Kids tragen Goldketten. Arye legt die Goldkette mit dem Davidstern an, die ihm seine Großmutter geschenkt hatte. Als ihn drei Arabisch sprechende Männer in der U-Bahn deswegen als "Scheißjude" anpöbeln, fragt er bei seinen wenig religiösen Eltern nach.

Arye Shalicar hat ein Buch über den neuen deutschen Antisemitismus geschrieben. Warum, erklärt er im Interview mit Martina Klecha (efa).

Was sein Vater damals sagte, hat Shalicar 2010 in seinem Buch "Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude" aufgeschrieben: "Eins musst du wissen und dein ganzes Leben zumindest im Hinterkopf behalten: Du bist ein Jude, und die ganze Welt hasst dich!"

Arye will seine Herkunft nicht verleugnen. Doch beste Freunde unter seinen muslimischen Kumpels werden nun von einem Tag auf den anderen zu Feinden, als sie erfahren, dass Arye Jude ist.

Kampf um Respekt mit dem Edding-Stift

Noch mehr als andere muss Arye um Respekt kämpfen – die entscheidende Währung auf der Straße. Arye greift zu Sprühdose und Edding-Stift. "Bei mir war es Vandalismus und keine Kunst", sagt Arye Shalicar über seine Graffiti-Karriere. Sein Kampfname damals: Boss Aro. Aro "bombt" praktisch den ganzen Wedding mit seinem "Tag", seiner Signatur voll. Er sprayt sogar tagsüber, an belebten Plätzen, in aller Öffentlichkeit. In der Szene macht man sich so einen Namen, verschafft sich Respekt. Boss Aro ist Mitbegründer und eine der größeren Nummern bei der Gang "Berlin Crime", die in der Hiphop-Szene legendär ist.

Mitbegründer der legendären Berliner Hiphop- und Sprayer-Gang »Berlin Crime«: »Boss Aro« vor einem Graffito seiner Sprüher-Crew »ASP«, der Abkürzung für »Aro-Sebi-Posse«.
Mitbegründer der legendären Berliner Hiphop- und Sprayer-Gang »Berlin Crime«: »Boss Aro« vor einem Graffito seiner Sprüher-Crew »ASP«, der Abkürzung für »Aro-Sebi-Posse«.
Kampf um Respekt: In den Straßen Wedding wurde er als Jude verprügelt, muslimische Freunde wie Şahin (rechts) hatte Arye (links) nur wenige.
Kampf um Respekt: In den Straßen Wedding wurde er als Jude verprügelt, muslimische Freunde wie Şahin (rechts) hatte Arye (links) nur wenige.
Kindheit in Spandau, Jugend im Wedding: Kinderfotos von Arye Sharuz Shalicar.
Kindheit in Spandau, Jugend im Wedding: Kinderfotos von Arye Sharuz Shalicar.
Arye Sharuz Shalicar war Gründungsmitglied der legendären Berliner Sprayer- und Hiphop-Gang »Berlin Crime«.
Arye Sharuz Shalicar war Gründungsmitglied der legendären Berliner Sprayer- und Hiphop-Gang »Berlin Crime«.
Arye Sharuz Shalicar ist Major der israelischen Verteidigungsstreitkräfte IDF. Heute arbeitet er im Nachrichtendienstministerium, wo er der israelischen Regierung zuarbeitet.
Arye Sharuz Shalicar ist Major der israelischen Verteidigungsstreitkräfte IDF. Heute arbeitet er im Nachrichtendienstministerium, wo er der israelischen Regierung zuarbeitet.
Selfie im Heiligen Land: 2001 machte Arye Sharuz Shalicar "Alija" und wanderte nach Israel aus -  in "das einzige Land, in dem Juden als Juden sicher leben können".
Selfie im Heiligen Land: 2001 machte Arye Sharuz Shalicar "Alija" und wanderte nach Israel aus - in "das einzige Land, in dem Juden als Juden sicher leben können".
Gehören Juden heute zu Deutschland? Diese Frage stellt Arye Sharuz Shalicar in seinem jüngsten Buch "Der neu-deutsche Antisemit" (Hentrich & Hentrich).
Gehören Juden heute zu Deutschland? Diese Frage stellt Arye Sharuz Shalicar in seinem jüngsten Buch "Der neu-deutsche Antisemit" (Hentrich & Hentrich). Fazit seiner "persönlichen Analyse" (Untertitel) ist ein "Ja, aber". Das Aber scheint wieder größer zu werden.

"Aber Berlin Crime hätte mich nicht vor einem arabischen Clan retten können, wenn es dazu gekommen wäre", erinnert sich Shalicar. Die Clans regieren die Straßen im Wedding.

Aro prügelt sich und wird von der Polizei nach Hause gebracht, er fliegt von der Schule. In der Welt der Erwachsenen, der Eltern, der deutschen Lehrer, der Polizisten und im Rest der Welt hat man derweil keine Ahnung, welche Regeln auf der Straße und im Kiez wirklich gelten. Doch am Ende landet er nicht im Knast, sondern schafft sein Abitur.

Sanitäter unter "Bio-Deutschen"

Dann, bei der Bundeswehr, ist er bei den Sanitätern. Unter lauter "Bio-Deutschen", eine völlig neue Erfahrung. Er fühlt sich wohl, aber zu Hause fühlt er sich nicht. Immer intensiver setzt er sich mit seiner jüdischen Herkunft auseinander. 2001 macht er "Alija": Er wandert aus nach Israel, "das einzige Land, in dem Juden als Juden sicher leben können". Arye macht seinen Pflichtdienst bei der Armee, dann studiert er in Jerusalem Internationale Beziehungen und schließt mit Auszeichnung ab. Er sammelt Medien­erfahrungen im Nahoststudio der ARD. 2009 rekrutiert ihn erneut die israelische Armee, in der er zum offiziellen Pressesprecher und zum Major aufsteigt. 2017 wechselte Shalicar dann ins Nachrichtendienstministerium, wo er der israelischen Regierung zuarbeitet.

Wer sich wie Shalicar von Berufs wegen viel in den digitalen Netzwerken tummelt, bekommt eine Menge Hass mit. Vieles von dem, was ihm auf Facebook, Twitter & Co. begegnet, ist in sein jüngstes Buch "Der neu-deutsche Antisemit" eingeflossen. Man könnte sagen, dass so ein zugleich realistischer wie verzerrter Eindruck entsteht, was nur auf den ersten Blick ein Widerspruch ist.

Menschen, die ihren Judenhass als "Israel-Kritik" verkleiden

Shalicar beschreibt den alten und den neuen Antisemitismus von muslimischen Migranten, den er am eigenen Leib erfahren hat. Er beschreibt den linksradikalen und den rechtsradikalen Antisemitismus, den von Menschen, die ihren Judenhass als "Israel-Kritik" verkleiden, den ganz alltäglichen – und auch den christlichen.

Wer Arye Sharuz Shalicar sieht, seine gedrungene kräftige Statur, den rasierten Schädel, der könnte ihn für einen "Sabra" halten. Was wörtlich "Kaktusfeige" heißt, bezeichnet in Israel die im Land geborenen Juden. Viele Sabras sind orientalischer Herkunft, sie gelten als selbstbewusst, hart und kämpferisch.

Doch mit seinen eigenen Kindern spricht Shalicar deutsch – mit Berliner Akzent. Auch sein Hebräisch sei noch immer nicht akzentfrei, sagt er. In Arye steckt eine Menge Deutschland. Auch hier ist ein Teil seiner Heimat. Israel und der Nahe Osten seien ihm manchmal einfach zu hart – sagt einer, der im Wedding groß wurde.

"Gehören Juden heute zu Deutschland?", fragt Shalicar im Untertitel seines Buchs. Die Bilanz ist ein "Ja, aber". Das Aber scheint wieder größer zu werden.

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