1.05.2020
Gastbeitrag

Beerdigungen in Corona-Zeiten: Wie können wir unsere Toten jetzt verabschieden?

Wenn Trauernde nicht auf dem Friedhof dabei sein können, fehlt ihnen ein echter Abschied. Wie können wir jetzt unsere Verstorbenen auf dem letzten Gang begleiten, wo wir doch zuhause bleiben sollen? Wie können wir Anteilnahme zeigen? Der Gemeindepfarrer und Autor Rainer Liepold hat sich diesen Fragen angenommen - und zeigt auf, wie Bestattungskultur in der Corona-Krise aussehen kann.

Die sieben christlichen Tugenden der Barmherzigkeit sind elementare Regeln, was Menschen füreinander tun sollen. Die siebte Tugend legt uns ans Herz, dass wir unsere Tote bestatten.

Und das scheint sich von selbst zu verstehen: Fast immer ist den Hinterbliebenen eine liebevoll gestaltete Bestattung ein Herzensanliegen. Doch wie können wir jetzt unsere Verstorbenen auf dem letzten Gang begleiten, wo wir doch zuhause bleiben müssen? Wie können wir Anteilnahme zeigen, wo wir doch Abstand halten müssen?

Anteilnahme trotz Abstand

Einen Toten gut unter die Erde zu bringen, ist schon unter Normalbedingungen eine große Herausforderung. Die derzeitige Ausgangssperre erfordert darüber hinaus von den Bestattern, Geistlichen und betroffenen Angehörigen eine ganz spezielle Art von Empathie und Kreativität.

Dazu ist es zunächst notwendig, dass wir uns bewusstmachen, was uns denn fehlt, wenn wir nicht in der gewohnten Weise Abschied nehmen können. Die uns vertrauten gemeinschaftlichen Rituale haben einen tieferen Sinn. Sie sollen den Hinterbliebenen einen Abschied ermöglichen, der ihrer zukünftigen seelischen Gesundheit dient.

Bestattungsrituale markieren Endgültigkeit des Abschieds

Idealerweise lassen wir unsere Toten so los, dass wir dann irgendwann möglichst gut, ohne sie weiterleben können. Dabei erbringt die überlieferte Ritualkette eine Leistung, die den meisten Betroffenen gar nicht bewusst ist: Bestattungsrituale markieren die Endgültigkeit des Abschieds!

Warum werden Tote mit den Beinen zuerst aus dem Haus getragen? Ursprünglich damit sie nicht den Hauseingang sehen und als Untote dorthin zurückfinden. Warum wird unmittelbar nach Eintritt des Todes immer ganz automatisch ein Fenster geöffnet?

Ursprünglich damit der Tote den Raum verlassen kann. Warum gibt es Grabsteine? Sie sollten den Sargdeckel so zu beschweren, dass man ihn nicht mehr aufkriegt – und zwar von innen nicht mehr aufkriegt. Witwen trugen einen Schleier, damit der Tote sie nicht mehr findet.

All diese Bräuche stammen aus einer Vergangenheit, die von archaisch-manischen Denken geprägt war. Sie kommen uns heute sinnlos vor. Die Angst, dass die Toten zurückkehren und durch unser Leben spuken, haben wir hinter uns gelassen.

Rituale haben tiefe psychologische Bedeutung

Aber die tiefere psychologische Bedeutung dieser alten Ritualkette hat trotzdem nicht ihre Bedeutung verloren. Auch die aufgeklärten Menschen unserer Zeit stehen vor der Herausforderung, einen Toten wirklich spürbar „gehen zu lassen“. Entsprechend muss auch heute noch eine Bestattung die Irreversibilität des Abschieds inszenieren.

Wenn der Sarg oder die Urne ins Grab gelassen wird, werden wir mit der Endgültigkeit des Abschiedes konfrontiert. Das tut weh. Aber offensichtlich brauchen wir diese Erfahrung. Sie macht den Weg dafür frei, dass wir uns später ohne den Verstorbenen im Leben wieder einrichten können. Wenn Trauernde in Folge der Ausgangssperre nicht auf dem Friedhof dabei sein können, fehlt ihnen ein echter Abschied.

Diese Erfahrung mussten Menschen in unserem Land zuletzt in der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges machen. Auf der Flucht ließen sie ihre Toten unbestattet zurück. Seitdem ist wissenschaftlich belegt, dass das Fehlen einer Bestattung es erschwert, ohne den betrauerten Menschen im Leben wieder klar zu kommen.

Bestattung nur noch mit Kernfamilie

Vor diesem Problem stehen wir jetzt wieder. Ganz konkret: Ich muss als Pfarrer gerade eine Beerdigung vorbereiten, zu der unter normalen Umständen sicher mehr als fünfzig Menschen gekommen wären. Schließlich hat die 93-jährige Verstorbene bis kurz vor ihrem Tod immer am selben Ort gelebt. Doch jetzt darf nur die Kernfamilie von ihr Abschied nehmen.

Nachbarn, Freunde und langjährige Wegbegleiter müssen zuhause bleiben. Wie können wir also denen, die nicht „in echt“ dabei sein dürfen, möglichst trotzdem zu einem echten Abschied verhelfen?

Vorschlag für das Trauern zuhause

Ich habe eine Mail mit folgendem Vorschlag verfasst: Die zuhause Trauernden mögen sich zur Zeit der Bestattung ein Foto der Verstorbenen auf den Tisch legen. Und wenn sie die Kirchenglocke hören, sollen sie das Foto ganz bewusst umdrehen.

Sie sollen dann ihre Hand auf das umgedrehte Foto legen und zwei Minuten Stille halten und am Ende ein Vaterunser sprechen. So möchte ich auch zuhause den Moment erlebbar zu machen, wo auf dem Friedhof der Sarg herabgelassen wird. Und ich habe darum gebeten, auch die Menschen telefonisch zu informieren, die nicht digital erreichbar sind.

Weiterhin habe ich angekündigt, dass ich schnell nach der Bestattung meine Ansprache per Mail zur Verfügung stellen werde. Und ich plane, ein Foto anzufügen, das den Sarg im frisch ausgehobenen Grab zeigt. Normalerweise käme mir das voyeuristisch vor. Aber derzeit glaube ich, dass es eine Hilfe ist, den Abschied als real zu erleben.

Wie Mitgefühlt und Solidarität bezeugen?

Eine zweite Herausforderung stellt sich: Wie können die Ausgangsgesperrten der betroffenen Familie ihr Mitgefühl und ihre Solidarität bezeugen? Ich habe dazu eingeladen, mir Kondolenzbotschaften zu mailen. Meine Absicht ist, diese dann am Grab vorzulesen und Fotos, bzw. Momentaufnahmen aus den Videos am Grab zu zeigen und der Kernfamilie anschließend mitzugeben.

Auch habe ich darüber informiert, welche Gärtnereien geöffnet haben und Kränze ausliefern. Ich hoffe, dass die Familie dann merkt, dass sie in ihrer Trauer keineswegs alleine ist.

Am Tag nach dem Versand dieser Mail hatte ich bereits elf Kondolenzbotschaften erhalten. Sie bezeugen in berührender Weise unser Bemühen, dass wir gerade unter diesen schwierigen Bedingungen miteinander in Verbindung blieben.

Erinnerungsgottesdienst nach der Corona-Krise

Andere Pfarrerinnen und Pfarrer sind technisch versierter als ich. Ich höre davon, dass mancherorts Trauergottesdienste inzwischen life gestreamt werden. Das beeindruckt mich.

Aber es wirft auch die Frage nach dem „digital divide“ auf: Wenn ich mir meine üblichen Trauergemeinden vor Augen führe, sind ältere Menschen mit geringerer Internetaffinität dabei stark vertreten.

Irgendwann werden die derzeitigen Beschränkungen vorbei sein. Dann können wir sicher manches „nachholen“. Im Rahmen eines Erinnerungsgottesdienstes kann die Grabrede noch einmal vor einer größeren Trauergemeinde gehalten werden.

Die digitalen und brieflichen Kondolenzbotschaften können öffentlich gewürdigt werden. Derzeit ist aber offen, wann dies möglich sein wird. Und bis dahin können wir keineswegs die Toten in einer Warteschleife parken.

Tugend der Barmherzigkeit

Dass Menschen liebevoll bestattet werden, ist nicht nur eine der sieben Tugenden der Barmherzigkeit. Es ist auch ganz konkret eine Erwartung, die Kirchenglieder an ihre Pfarrerinnen und Pfarrer haben.

Mir scheinen unter den aktuellen Bedingungen dabei zwei Aspekte dabei besonders wichtig zu sein: Auch jetzt müssen Menschen Abschied nehmen können, also die Endgültigkeit des Abschiedes irgendwie erleben.

Und zweitens müssen die Hinterbliebenen spüren, dass sie nicht alleine sind. Auch – und vielleicht sogar gerade – in Zeiten der Ausgangssperre gibt es Mitgefühl und Anteilnahme. 

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Heiraten 2020

Sarah und Christian Tultz wollten im Mai heiraten, doch dann machte ihnen die Ausbreitung des Coronavirus einen fetten Strich durch die Rechnung. Im Gespräch mit Sonntagsblatt.de erzählt die zukünftige Braut, warum sie ihre kirchliche Trauung nun erst einmal absagt - und wie es dem Paar damit geht.