22.03.2018
Märchen aus 1001 Land

Buchprojekt gibt zugewanderten Frauen eine Stimme

Es war einmal vor langer, langer Zeit… na erinnern Sie sich? An Rotkäppchen. Hänsel und Gretel. Aschenputtel. Frau Holle. Phantastische Märchen wie diese, erzählt man sich überall auf der Welt. Das verbindet uns alle. Dachten sich zwei Frauen in Nürnberg – und haben sie in ihrem besonderen Buchprojekt "Märchen aus 1001 Land" zusammengetragen, die mit ganz unterschiedlichen Frauen nach Nürnberg gekommen sind. Welch eine Bereicherung – findet Annette Link.

"Mein Märchen heißt das Baumwollmädchen und die Katze…Machtanabenja sog." Kristina Kipke lächelt. Etwas verlegen, aber mit leuchtenden Augen erinnert sich die junge Frau aus Kasachstan: "Ich weiß nicht mehr, wo und wann ich das Märchen zum ersten Mal gehört habe. Das war wohl schon im Kindergarten. Und dann habe ich es immer wieder erzählt, überall wo ich konnte." Vor einem Jahr dann wieder. Britta Fartaj von der Asyl- und Flüchtlingsberatung der Nürnberger Stadtmission war auf sie zugekommen und hatte sie nach ihrem Lieblingsmärchen gefragt.

Jetzt liegt es schön illustriert vor ihr – auf Seite 128 im Buch: "Märchen aus 1001 Land". Das Baumwollmädchen und die Katze ist eine verschachtelte Kettengesichte: Ohne Getreide für das Huhn, kein Ei für den Verkäufer, kein Kaugummi für die Kinder am Brunnen. Kein Wasser für den Baum, kein Blatt für die Kuh. Keine Milch für die Katze. Solche Kettenmärchen gibt es auch bei uns, sagt Fartaj.  
"Das finde ich das interessante. Die kulturelle Vielfalt dazustellen und trotzdem zu sagen, überall auf der Welt erzählen Eltern und Großeltern ihren Kindern Märchen und Lehren daraus – Die Moral von der Geschichte. Und das ist überall gleich." Und das verbindet uns mit Syrien, Transsilvanien, Tansania, Italien, Papua-Neuguinea, Armenien, Vietnam, Ostpreußen, Indien, und und und. Das macht das Buch: "Märchen aus 1001 Land" deutlich. Mit 33 Geschichten. Die haben den Weg zu uns nach Nürnberg gefunden, in der Erinnerung ganz unterschiedlicher Frauen.

Angefangen hat das Projekt "Märchen aus 1001 Land" mit Flüchtlingsfrauen. Aber relativ schnell war klar, dass es auch auf Frauen erweitert werden soll, die wegen der Liebe nach Nürnberg gekommen sind, zum Studium, zur Berufsausbildung oder als EU-Bürger im Zuge der Freizügigkeit oder eben auch Flüchtlingsfrauen (Spätaussiedler).
Fartaj hat die Frauen aus der ganzen Welt für ihr Buchprojekt in Nürnberg aufgespürt – zusammen mit der Dekanatsfrauenbeauftragte Gerda Fickenscher.

Unbekannte Länder - wo liegt Tatastan?

Im Buch gibt es deshalb auch Kurzinfos zum Herkunftsland. Der Märchen in Deutsch und in der Originalsprache. Ergänzt durch ein paar persönliche Worte der Erzählerin. Die Worte zu finden, das fiel nicht allen Frauen leicht. Einige waren sofort begeistert. Andere waren etwas zögerlich, das kann ich nicht, das traue ich mich nicht. Aber es hat sich dann mit der Zeit ein bisschen herauskristallisiert, dass ein bestimmter Stolz dazu kommt, aus dem eigenen Land zu erzählen und auch selber mal zur Sprache zu kommen.
Haykanush Goroyan aus Armenien zum Beispiel ist den beiden Initiatorinnen sehr dankbar. "Es ist eine Möglichkeit, unsere Sprache und unser Land vorzustellen. Und vielen Dank für diese Möglichkeit."
Die zweifache Mutter lebt seit 2015 in Nürnberg. In der armenischen Hauptstadt Jerewan hat sie Modedesign studiert. Vor allem jetzt im Winter vermisst sie die vielen sonnigen Tage in ihrer Heimat und den besonderen Geschmack des Wassers. Die vielen öffentlichen Trinkbrunnen…
"Und das war uns eben auch wichtig. Selbst wenn man das Land wegen Krieg oder dem politischen System verlassen musste; Jedes Land hat auch schöne Seiten, an die man sich erinnert und die die Menschen auch vermissen." Auch deshalb wollte Haykanusch Goroyan eigentlich eine lustige Geschichte aus Armenien erzählen – hat sich dann aber für eine lehrreiche Parabel aus ihrem Land entschieden.

Amina Pitana, bana. Die wichtigste Sache der Welt. (Orginal.Text)
Ein alternder König ruft seine drei Söhne zu sich. Er will die Thronfolge regeln. Demjenigen, dem er gelingt, die wichtigste Sache der Welt zu ergründen, der bekommt das Königreich. Der erste Sohn hat Brot gefunden als wichtigste Sache, der zweite Erde, weil ohne Erde gibt es kein Brot in der Welt. Der Dritte, der jüngste Sohn bringt seinem Vater das Licht – und besteigt als neuer König den Thron.
Dieses Märchen lehrt etwas: Das hat eine sehr tiefe Bedeutung: Ohne Licht gibt es nichts. Das Licht als Symbol für die Erkenntnis. Die Suche nach dem Sinn des Lebens – statt der Gier nach materiellem Besitz. Diese "Moral von der Geschicht" kommt im Märchenbuch nicht nur einmal vor.

Man soll Gutes tun, man soll sich besinnen auf die wesentlichen Sachen. Bei der Katzengeschichte: ich bekomme auch was, wenn ich was anderen abgebe. Man kann das Leben nur dann bewältigen, wenn ich bestimmte Aufgaben erfülle. Und das wird bei fast allen Märchen deutlich.
Kulturelle Unterschiede gibt es dann aber doch.

Böser Löwe, schlaue Schlange

Bei uns gibt es den Wolf, der immer der Böse ist. In Afrika ist es der Löwe. Bei uns ist es der Fuchs, der der Schlaue ist. In Indien ist es die Schlange, die schlau ist. Da merkt man schon die Unterschiede einfach, welche Tiere sind in den Ländern vorhanden und wer kann dann welche Charaktereigenschaften zugesprochen bekommen.
Die Dekanatsfrauenbeauftrage Gerade Fickenscher hat aber auch Unterschiede im Kern aufgespürt. Die asiatischen und auch die indischen Märchen  sind ein bisschen anders. Da wird ganz deutlich, dass die Gemeinschaft in diesen Ländern eine große Rolle spielt und dann, wenn man etwas gemeinsam macht, dann kann man es bewältigen, was in unseren Märchen nicht so deutlich ist.

Das macht nachdenklich und zeigt: Märchen sind nicht nur was für Kinder. Sie eröffnen neue Horizonte. Die aus dem Buch Märchen aus 1001 Land" besonders. Findet auch Kristina Kipke.

Das Buch "Märchen aus 1001 Nacht" kostet 10 Euro und kann über die Dekanatsfrauenbeauftragte (dekanatsfrauenbeauftragte@eckstein-evangelisch.de) bestellt werden. Mit den Erlösen werden die Projektkosten refinanziert.

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