4.12.2016
Fluchtgeschichte

Die Christin aus Karakosch

Ein ganzes Jahr. So lange dauerte die Flucht der aramäischen Christin Buschra Poles aus dem Nordirak damals. Heute, 15 Jahre später, vermittelt sie in Murnau als Dolmetscherin zwischen Geflüchteten und Behörden. Eine Geschichte vom Unterwegssein. Und vom Ankommen.
Buschra Poles aus dem Nordirak hat in Murnau eine neue Heimat gefunden.
Tausend Geschichten im Kopf: Die aramäische Christin Buschra Poles ist Dolmetscherin zwischen Sprachen und Kulturen.

An ihren ersten Tag im Asylbewerberheim in Landsberg am Lech erinnert sich Buschra Poles noch genau. "Ich stand den ganzen Tag am Fenster und habe hinausgesehen", sagt die 53-Jährige. Deutschland lag vor ihren Augen, doch im Kopf hatte sie all die Erinnerungen an Flucht und verlorene Heimat: 2001, als der Irakkrieg an den grünen Tischen der Politik Gestalt annahm, beschloss Poles, ihre Heimatstadt Karakosch im Nordirak zu verlassen. "Es ging um die Sicherheit der Kinder", sagt sie, und in ihren Augen steht harte Entschlossenheit. Ihr Mann zögerte. Also nahm die Mutter ihren zweijährigen Sohn und ging voran.

Ihr erstes Ziel war Jordanien. Dort stieß die zehnjährige Tochter zu Mutter und Bruder. Mit beiden Kindern machte Buschra Poles sich auf den Weg nach Europa. Sie erinnert sich nicht gern an dieses Jahr. "Alle Flüchtlinge erzählen die gleichen Geschichten", wehrt sie ab. Ob sie mit einem Schiff gefahren seien. "Nein, ein Meer war nicht dazwischen", weicht sie aus. Auf dem Landweg hat sie sich durchgeschlagen, mit Lastwagen und Transportern. Ihr erstes Land, das sich nach "Ankunft" anfühlte, sei Frankreich gewesen. Von dort ging es mit dem Zug nach Deutschland.

Ankerpunkte in der Fremde

Eine Nacht schlief sie bei Bekannten. Dann stellte sie den Asylantrag und kam in die Unterkunft nach Landsberg. Was heute Monate dauert, ging 2002 unfassbar schnell: "Nach nur zwei Wochen hatte ich die Anerkennung", berichtet die energische Frau. Mit ihren Kindern kam sie nach Garmisch - dort stieß ihr Mann zur Familie. Sie absolvierten den dreimonatigen Sprachkurs. Nach einem halben Jahr fand Buschra Poles eine Wohnung in Murnau.

Wieder drei Tage am Fenster. Dann beschloss die aramäische Christin, eine Kirche zu suchen - als Ankerpunkt in der Fremde. Sie fand die katholische Kirche St. Nikolaus. Sie suchte Kontakte über die Caritas, arbeitete drei Monate in einer Gärtnerei, fand dann eine Anstellung bei der Stadt als Reinigungskraft. "Ich habe zehn Jahre lang geputzt", sagt die gelernte Stimmbildnerin stolz. Seit drei Jahren übersetzt Buschra Poles nun als Dolmetscherin für Arabisch und Aramäisch in Münchner Behörden und bei der Inneren Mission.

Jetzt ist sie für viele Flüchtlinge ein Ankerpunkt, jemand, der eine erste Schneise in den Dschungel von fremden Lauten, Regeln und Gebräuchen schlägt. Die Arbeit macht ihr Spaß, doch sie bringt auch die Erinnerungen zurück. "Ich habe 1000 Geschichten im Kopf", sagt Poles. Auf dem Höhepunkt der Fluchtbewegung, im Herbst 2015, versagte ihre Stimme: "Ich konnte einen Monat lang nicht sprechen, es hat mich kaputtgemacht."

Zerstörte Heimat

Wenn Buschra Poles gefragt wird, was sie von Obergrenzen und Rückführungszentren hält, dann schweigt sie einen Moment. Sie kennt die Belastungen auf beiden Seiten: die der Gastländer, die der Geflohenen. Schließlich sagt sie mit Bedacht: "Die Welt ist in Not. Jeder möchte in seiner Heimat bleiben. Wir müssen Frieden in den Ländern machen, sonst kommt das Feuer immer näher."

Ihre eigene Heimat liegt in Trümmern. Am 6. August 2014 waren die Kämpfer des "Islamischen Staats" in Karakosch eingefallen und hatten die zu 98 Prozent christliche Bevölkerung vertrieben: 50.000 Menschen in einer Nacht. Auch Buschras Mutter und ihre acht Geschwister flohen. Heute lebt die Großfamilie verstreut über Deutschland, Kanada und Australien. Vor wenigen Wochen haben irakische Truppen Karakosch befreit. Doch alle Häuser und Kirchen sind abgebrannt. "Es hat in dieser Stadt seit drei Jahren keinen Gottesdienst mehr gegeben", sagt die Christin bitter.

Die Neuankömmlinge in Deutschland möchte sie mit ihrer Begeisterung für ihr Gastland anstecken. Deutschland ist jetzt ihr Land. Und das ihrer Kinder sowieso: Ihr Sohn hat gerade Abitur gemacht und will Mathematik studieren. Ihre Tochter ist mit einem Deutschen verheiratet - Sohn Tom kam vor zwei Monaten als Weilheimer zur Welt. Es dauert manchmal gar nicht so lang, bis Vertriebene zu Einheimischen werden. "Die zweite Generation geht ihren Weg", ist Buschra überzeugt. Ihr Enkel erfüllt sie mit Glück: "Für ihn möchte ich den Rest meines Lebens singen."

Dossier Flucht und Asyl

Weltweit sind etwa 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Auch in Bayern suchen viele Schutz. Wie geht es den Flüchtlingen hier? Welche Erfahrungen machen Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit? Lesen Sie das und mehr in unserem Dossier "Flucht und Asyl" .

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