19.04.2020
"Lernfortschritt ist gerade völlig zweitrangig"

Drei Fragen an: BLLV-Präsidentin Fleischmann zur fortdauernden Schulschließung in Bayern

Vielen Schülerinnen und Schülern in Bayern steht wegen der Corona-Pandemie in den kommenden Wochen weiterhin Homeschooling bevor.
Simone Fleischmann. Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV)

Das mag für Eltern und Kinder aus bildungsnäheren Familien vielleicht nervig sein - für sozioökonomisch nicht so gut aufgestellte Familien und deren Kinder ergeben sich daraus noch ganz andere Probleme, ist die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), Simone Fleischmann, überzeugt.

Sie begrüßt, dass es in diesem Jahr kein Corona-Sitzenbleiben geben wird - und fordert, dass Kindern in schwierigen familiären Situationen nun verstärkt geholfen wird.

Frau Fleischmann, was halten Sie vom am Donnerstag präsentierten Stufenkonzept zur Schulöffnung?

Fleischmann: Der BLLV begrüßt die klaren Ansagen von Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) - vor allem die Aussage: Gesundheit hat Vorrang. Ein besonnenes Hochfahren des Schulbetriebs ist genau das, was wir gefordert haben, beginnend mit den höheren Klassen. In den kommenden Tagen wird man nun sehen, in welchem Umfang es den Schulaufwandsträgern möglich ist, die hygienischen Voraussetzungen in den Schulgebäuden zu schaffen. Sollte das irgendwo nicht möglich sein, können Schulleiter ihre Schule auch weiter geschlossen lassen.

Homeschooling verschärft soziale Ungleichheiten, heißt es - wie könnte man da in den kommenden Wochen gegensteuern?

Fleischmann: Wir kommen schon wenn das Lernen an den Schulen stattfindet, an die Grenzen, was das angeht. Die soziale Ungerechtigkeit schlägt auch im Präsenzunterricht durch. Ein Kind aus sozioökonomisch guten Verhältnissen hat viel mehr Chancen auf gute Noten als ein Kind aus eher schlechten sozioökonomischen Verhältnissen. Dieser Spalt verbreitert sich durchs Homeschooling. Aber aktuell geht es gar nicht zuerst ums Lernen, sondern um die Menschen - diese Kinder haben oft andere Sorgen als Unterrichtsstoff. Da geht es oft ums Überleben.

Das ist jetzt die Problemanzeige. Aber was kann man da in der inzwischen verlängerten Homeschooling-Phase ändern?

Fleischmann: Da müssen Lehrer jetzt verstärkt mit Einrichtungen der Jugendhilfe zusammenarbeiten, um diese Kinder überhaupt oder wieder zu erreichen. Für diese Kinder brauchen wir auf der Ebene der Seelsorge Unterstützung. Um es knallhart zu sagen: Der Lernfortschritt ist bei diesen Kindern gerade völlig zweitrangig. Wir müssen erst mal erreichen, dass sie diese Wochen der Isolation irgendwie schaffen. Wir können ja als Lehrer nur erahnen, was in einigen Familien los ist. Auch deshalb ist es gut, dass heuer der Druck des Sitzenbleibens wegfällt.

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