27.10.2020
Ausbildung

Frustrierendes Kompetenzgerangel: Noch immer arbeiten Notfallsanitäter in einer rechtlichen Grauzone

Seit nunmehr sechs Jahren gibt es das neue Berufsbild des Notfallsanitäters. Noch immer aber gibt es Probleme bei der Frage: Was dürfen Notfallsanitäter alles? Und vor allem: wann? Eine finale Klärung ist noch nicht in Sicht.

Bekommt jemand zu Hause einen Herzinfarkt, ist im besten Falle innerhalb weniger Minuten ein Notarzt zur Stelle, der Erste Hilfe leistet und eine Therapie einleitet.

Der Beruf des Notfallsanitäters

Manchmal braucht der Notarzt jedoch länger. Der Rettungswagen ist in der Regel viel früher da. Doch auch dann wird sofort professionell geholfen. Diese Aufgabe übernehmen Notfallsanitäter.

Das Berufsbild ist neu, es existiert erst seit 2014. Ab 2024 muss jeder Rettungswagen mit einem Notfallsanitäter besetzt sein. Ausgebildet wird in neu aufgebauten Berufsfachschulen.

Die Ausbildung zum Notfallsanitäter

Notfallsanitäter decken alle Bereiche der präklinischen Notfallmedizin ab. In Bayreuth ging das Bayerische Rote Kreuz (BRK) im Oktober 2014 mit einer der deutschlandweit ersten Notfallsanitäter-Berufsfachschulen an den Start, in Würzburg bildet das BRK seit fünf Jahren aus.

Bereits 325 Männer und Frauen wurden ausgebildet, sagt Schulleiter Raimund Heiny. Viele waren zuvor mehr als fünf Jahre als Rettungsassistenten tätig.

Für sie gab es eine 80-stündige Zusatzqualifikation. 80 Schüler starteten neu in die dreijährige Ausbildung, oft nach dem Abitur.

Die präklinische Arbeit der Notfallsanitäter

Bevor ein Notfallpatient in die Chirurgie einer Klinik eingeliefert wird, geschieht heute eine ganze Menge. "Das ist anders als früher, als der Patient mehr oder weniger eingepackt und ins nächste Krankenhaus gefahren wurde", sagt Heiny, der seit 1973 im Rettungsdienst tätig ist. Heute finde eine umfangreiche Versorgung statt.

Defibrillatoren würden eingesetzt, Sauerstoff verabreicht, Vitalfunktionen überwacht und oft kommen Medikamente zum Einsatz. Das alles können Notfallsanitäter. Doch es ist unklar, ob sie ihr Können tatsächlich anwenden dürfen.

Notfallsanitäter lernen, Notfalleinsätze eigenständig zu leiten, erläutert Heiny: "Anwenden dürfen sie ihr Wissen, wenn der Notarzt zwar auf dem Weg, aber noch nicht da ist."

Kritisch wird es, wenn überhaupt kein Notarzt gerufen wurde, etwa, weil die Leitstelle zum Ergebnis kam, dass dies nicht notwendig ist. Es könne aber dennoch sein, dass der Notfallsanitäter vor Ort feststellt: Er müsste dringend ein Medikament verabreichen. Er könnte das auch. Doch er weiß oft nicht, ob das nun eine der vorgegebenen Situationen ist, in denen er es auch darf.

 Die rechtlichen Grauzonen

Genaue Regelungen stehen aktuell zur Debatte, sagt Oliver Platzer, Sprecher des bayerischen Innenministeriums. Bayern habe über den Bundesrat eine Initiative zur Änderung des Notfallsanitäter-Gesetzes eingebracht.

"Ziel ist es, dem Notfallsanitäter in eng eingegrenzten Fallkonstellationen die Ausübung von Heilkunde für von ihm beherrschte Maßnahmen zu erlauben", erläutert der Sprecher. Aktuell liege ein inhaltlich ähnlicher Gesetzesvorschlag der Bundesregierung vor. Das neue Gesetz soll endlich Rechtsicherheit schaffen.

Fähigkeiten und Aufgaben

Vor Ort bleibt Notfallsanitätern keine Zeit, lange abzuwägen und erst dann zu wagen, betont Experte Heiny: "Sie haben zwei Sekunden, um zu entscheiden, was der Patient braucht.

" Gilt ihr Handeln hinterher als zu eigenmächtig, könne das "den Kopf kosten". Denn Notärzte sehen es kritisch, wenn Notfallsanitäter tun, was bisher nur ihre Sache war. "Eine umfassende Heilkundebefugnis von Notfallsanitätern wird von uns klar verneint", sagt deshalb auch Alexander Beck, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte (agbn).

Eine dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter könne ein komplettes Humanmedizin-Studium mit einer mehrjährigen notfallmedizinisch-fachspezifischen Weiterbildung nie ersetzen, sagt der Unfallchirurg aus Würzburg. Die Medizinerausbildung ist tatsächlich viel umfangreicher als die des Notfallsanitäters, bestätigt BRK-Schulleiter Heiny.

Doch zur Wahrheit gehört für den Experten auch, dass die Zusatzweiterbildung, die zum Beispiel ein Hautarzt durchlaufen muss, der Notfallmediziner werden möchte, gerade mal 250 Stunden umfasst.

Unklare Regelung der Befugnisse

Auch die Gewerkschaft ver.di sieht die Politik in der Pflicht, endlich Rechtssicherheit zu schaffen. Der aktuelle Gesetzentwurf reicht nicht, kritisiert Lorenz Ganterer, Gewerkschaftssekretär bei ver.di Bayern. Demzufolge dürfen Notfallsanitäter künftig "heilkundliche Maßnahmen auch invasiver Art" bis zum Eintreffen des Notarztes oder dem Beginn einer weiteren ärztlichen Maßnahme durchführen.

Der Entwurf wird so gelesen, dass der Notfallsanitäter versuchen muss, einen Arzt zu erreichen. Doch wie soll er dies und wie lange muss er dies versuchen?

Auswirkungen der Unsicherheiten für Auszubildende

Das Kompetenzgerangel trübt bei den Schülern die Freude an der künftigen Arbeit, beobachtet Heiny. Schließlich hängen sie sich richtig in die Ausbildung rein. Auch die Berufsfachschulen tun alles, damit Notfallsanitäter auf jede Eventualität vorbereitet sind, sagt der BRK-Mann und lotst ins Herzstück seiner Schule: das Simulationszentrum.

Hier üben die Schüler mit einem Simulationsrettungswagen. Unfälle können ebenso simuliert werden wie Notsituationen zu Hause. "Wir haben sogar eine Notaufnahme nachgebildet", erläutert er.

Heiny findet es verständlich, dass sich die Notfallsanitäter nur höchst ungern verbieten lassen wollen, das zu tun, was sie in der Schule, beim praktischen Einsatz in der Klinik während der Ausbildung sowie auf der Lehrrettungswache intensiv trainiert haben.

Und was man im Notfall auch anwenden muss, sonst würde man sich strafbar machen. Manche Absolventen entscheiden sich am Ende auch gegen einen Dienst als Notfallsanitäter. Nicht wenige studieren nach der Ausbildung Medizin. Damit sie später als Arzt volle Handlungsfreiheit haben.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema: