30.06.2020
Fast kein Geld und ausgegrenzt

Für internationale Studierende vervielfachen sich in der Corona-Krise die Probleme

Auch für Studierende ist die Corona-Zeit hart - vor allem, wenn sie aus dem Ausland kommen. Nebenjobs brechen weg, soziale Kontakte ebenso. Seelsorger und Uni-Mitarbeiter kennen die Probleme der internationalen Studierenden gut.
Tafel Physik Formeln Student Universität Studium Schüler

Hohe Mietkosten kann sich Doriane Audrey Nkeng Mbetntang nicht leisten. Die 28-Jährige aus Kamerun wohnt in einem kleinen Zimmer eines Münchner Wohnheims. Um ihre kleine Studentenbude, die Krankenversicherung und das, was sie zum Essen und Leben braucht, zu finanzieren, jobbt sie neben dem Studium. 600 Euro pro Monat kann sie sich meist dazuverdienen. Durch die Corona-Krise brachen sämtliche Einnahmen weg. "Zum Glück hatte ich etwas in Reserve", erzählt die Mathe-Studentin. Doch jetzt inzwischen ist alles aufgebraucht.

Auch deutsche Studierende können kein Luxusleben führen. Dazu ist das BAföG zu karg. Studierende aus Ländern wie Nigeria, Kamerun, Palästina oder Jordanien müssen jedoch geradezu Überlebenskünstler sein. "Es ist weithin unbekannt, dass sie weder BAföG noch Hartz IV bekommen", sagt Pfarrerin Tabea Baader von der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) in Augsburg.

Gerade in der Krise hat Baader viel mit internationalen Studierenden zu tun. Denn über die ESGs werden Anträge an einen Notfonds der Diakonie Bayern gestellt.

Die Antragszahlen stiegen in letzter Zeit, weil Nebenjobs in der Gastronomie oder auf Messen wegbrachen. Auch Doriane Audrey Nkeng Mbetntang wusste sich in ihrer Not nicht anders zu helfen, als über die ESG in München einen Antrag an den diakonischen Fonds zu stellen. Dass die Nachfrage nach diesem schon vor mehr als 30 Jahren installierten Hilfstopf steigt, bestätigt Daniel Wagner, Pressesprecher der Diakonie. Letztes Jahr gingen bis Ende Mai 151 Anträge ein, heuer waren es im gleichen Zeitraum 229 - ein Plus von mehr als 50 Prozent.

Aktuell stünden noch rund 180.000 Euro zur Verfügung. Gelingt es nicht, den Fonds aufzustocken, könnte es eng werden. Wegen seiner geringen Höhe sei der Fonds ungeeignet, um in der aktuellen Krise zu helfen, sagt der Münchner Studierendenpfarrer Friedemann Steck. Wird ein Antrag nach einer Prüfung bewilligt, kann ein Student maximal drei Monate lang jeweils 300 Euro erhalten.

Die Corona-Notlage unter internationalen Studierenden in München sei "weitaus bedrängender, als es sich in den winzigen Zahlen" des Fonds widerspiegle, sagt er.

In Augsburg gibt Birgit Reß internationalen Studenten Rat und Orientierungshilfe im Akademischen Auslandsamt der Uni. Auch sie bekam öfter von finanziellen Nöten, allerdings auch von viel Kreativität bei der Lösung der prekären Finanzsituation mit. Fielen Jobs in der Gastronomie flach, wurde versucht, online an Geld zu kommen: "Zum Beispiel durch das Testen von Websites." Zu den finanziellen Sorgen kämen bei ausländischen Studierenden aber auch die Sorgen um ihre Familien in weit entfernten Ländern ohne gutes Gesundheitssystem.

Im Schnitt stammt jeder zehnte Student in Deutschland aus dem Ausland. Die gesellschaftliche Akzeptanz von jungen Menschen mit Migrationshintergrund hält aber mit der Internationalisierung im akademischen Bereich bei weitem nicht Schritt. "Vor allem Studierende mit dunkler Hautfarbe haben auf dem Wohnungsmarkt kaum eine Chance", sagt Reß. Sie selbst rief einmal für einen jungen Mann aus Gabun bei einem potenziellen Vermieter an: "Als er hörte, dass ich für einen dunkelhäutigen Afrikaner eine Wohnung suche, legte er auf."

Auch Pfarrerin Baader weiß von Diskriminierungen: "Eine Koreanerin berichtete mir, dass sie auf der Straße angespuckt wurde."

In der ESG an der LMU in München erfuhr Pfarrer Steck von einer Studentin aus Wuhan, dass sich Leute in der S-Bahn von ihr wegsetzten, weil sie als Chinesin erkennbar war. Und die Interkulturelle Beratungsstelle an der Uni München hatte es mit einer chinesischen Studentin zu tun, die sich über einen Brief der Telekom empörte. "Auf dem Unterschriftsfeld stand das Wort 'Corona'", berichtet Mitarbeiterin Sophie Appl.

Es gibt aber auch andere Beispiele: Der Sprecherrat der Uni Würzburg setzte sich für ins Heimatland zurückgekehrte Studierende ein, dass sie die Online-Angebote der Uni nutzen dürfen. "Wir haben uns bei der Uni-Leitung dafür eingesetzt, dass die Studierenden die begonnenen Veranstaltungen aus dem Ausland absolvieren können", berichtet Studierendenvertreterin Lucie Knorr. Seither dürfen internationale Studierende an allen Vorlesungen und Seminaren online teilnehmen. Selbst an Prüfungen können sie nun aus der Ferne teilnehmen.

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