2.02.2020
Israel

Genug vom Antisemitismus: Deutsche wanderte vor 35 Jahren nach Israel aus

Auf Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Holocaust wird stets beschworen, dass so etwas wie die Judenvernichtung im nationalsozialistischen Deutschland nie wieder passieren darf. Und dennoch ist auch der Gegenspieler Antisemitismus ständig präsent. Die 56-jährige Antje Naujoks befasste sich schon als junges Mädchen mit dem Thema und hat infolgedessen eine weitreichende Entscheidung getroffen: Obwohl sie selbst keine Jüdin ist, verließ sie Deutschland, um in Israel zu leben.
Vor 35 Jahren wanderte Antje Naujoks nach Israel aus, weil sie genug hatte vom Antisemitismus in Deutschland. Obwohl sie keine Jüdin ist, fühlt sie sich sehr wohl in ihrer Wahlheimat. Was sie an dem Land liebt und was weniger und warum sie trotzdem nicht nach Deutschland zurück möchte, hat sie Martina Klecha erzählt.

Deutschland in den 80er Jahren: Mit ein paar anderen Schülern beginnt Antje Naujoks über das jüdische Leben in ihrer Heimatstadt zu forschen. Gemeinsam entdecken sie, dass es vor dem Krieg eine größere jüdische Gemeinde dort gegeben hat: "Und dann haben wir uns überlegt, dass wir jüdische Überlebende einladen. Wir haben selbst das Geld aufgetrieben, weil es keine offizielle Sache war und wir haben außergewöhnliche Menschen getroffen." 

Doch nicht alle teilten die Begeisterung der Abiturienten: "In der Kleinstadt war das nicht ganz so einfach und nicht alle fanden das gut, was wir gemacht haben. Viele tolle Leute haben uns geholfen, aber manche haben uns auch Knüppel zwischen die Beine geschmissen. Für mich war klar, dort kann ich nicht bleiben." Eigentlich sollte sie nach ihrem Schulabschluss das Geschäft der Eltern übernehmen, doch sie entschied sich dagegen und ging nach Berlin, um Politikwissenschaften zu studieren: "Ich habe mir gedacht, Berlin ist eine weltoffene Stadt, dort wird es anders sein, doch das war es nicht." Auch in der Hauptstadt begegnete ihr Antisemtismus und die Verdrängung und Verleugnung darüber, wie die Deutschen in der NS-Zeit mit Jüdinnen und Juden umgegangen sind. 

Aus einem Jahr Auszeit in Israel wurden 35

Antje Naujoks beschloss, ein Jahr Auszeit zu nehmen und ging nach Jerusalem. Dort machte sie ein Praktikum in der nationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und arbeitete für das UN-Hilfswerk für Palästinenser im südlichen Westjordanland. Während ihrer ersten Zeit in Israel wohnte sie bei einer Holocaust-Überlebenden aus ihrer deutschen Heimatstadt: "Sie nahm mich auf wie eine Tochter", erzählt Antje Naujoks. Und so verlegte sie ihr Studium an die Hebräische Universität in Jerusalem. Als Voraussetzung dafür musste sie die Prüfung für das große Hebraicum bestehen.

Während und nach dem Studium führte sie ihre Forschungsarbeit über die Verfolgung der Juden fort und beschäftigte sich mit der Gedenk- und Erinnerungskultur. Sie begleitete Holocaust Überlebende und israelische Schülerinnen und Schüler auf ihren Reisen nach Deutschland. Und so wurden aus einem Jahr Auszeit 35 Jahre und der kleine Staat im Nahen Osten ihre Wahlheimat.

Was sie an Israel so fasziniert und was sie von Anfang an dort gehalten hat, waren die Menschen, sagt sie: "Wir sind durchgeknallt, aber sehr liebenswert", so beschreibt sie die Israelis mit ihrer saloppen Art. Und sie spricht von "uns", denn sie fühlt sich inzwischen ganz und gar als Israelin: 

"Wir kommen aus so vielen verschiedenen Nationen mit den unterschiedlichsten Mentalitäten. Und dennoch gibt es hier eine  Zusammenhalt, eine Solidarität, die ich aus Europa und Deutschland so nicht kenne."

Solidarität, Offenheit und Herzlichkeit gehören zur israelischen Gesellschaft genauso wie Ellbogen, Durchsetzungskraft und gestritten wird auch sehr gerne. Das hat die temperamentvolle und selbstbewusste Frau mit den Jahren gelernt. Dass das Land eine gewisse Aggressivität hat, damit kann sie gut leben, aber nicht mit dem Machogehabe der Männer: "Wir sind im Nahen Osten und auch wenn Israel ein sehr westliches und aufgeschlossenes Land ist, so ist doch die öffentliche Sphäre von Männern geprägt."

Bei Antje Naujoks kann man sich kaum vorstellen, dass sie sich davon beeindrucken lässt. Und tatsächlich wehrt sie sich vehement dagegen und setzt sich für die Rechte der Frauen ein. Ganz besonders bei den Beduinen, die in einer archaisch geprägten Gesellschaft leben, in der Frauen kaum Rechte haben. Seit 10 Jahren wohnt sie in Beersheva in der Negev-Wüste in einer Gegend, in der die meisten Beduinen Israels leben. 

Hauptberuflich arbeitet sie seit 20 Jahren in Neve Hanna, einem Heim für Kinder aus zerrütteten Familien. Sie ist dort für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig sowie für das Fundraising des Kinderheims. Auch in ihrer Freizeit stellt die aktive 56-Jährige einiges auf die Beine. Neben ihrem Engagement für die Beduinen hat sie In Beersheva einen deutsch-hebräischen Stammtisch gegründet, wo sich Deutsche und Israelis regelmäßig treffen: "Es macht einfach nur Spaß. Wir sind Christen, Juden, Muslime, gläubige und nichtgläubige Menschen. Menschen, die hier verheiratet sind, Volontäre und Leute, die Hebräisch oder Deutsch lernen wollen." Sie selbst beherrscht die hebräische Sprache inzwischen perfekt und wird immer wieder auch als professionelle Übersetzerin engagiert.

Technologieland Israel und Routine bei Raketenalarm

Antje Naujoks liebt Israel, nicht nur wegen der Menschen. Es gibt noch viele andere Gründe: "Das Essen, das Klima, Israel als Technologieland, welche technischen Hilfsmittel ich habe. Ich kann über drei oder vier Klimazonen wechseln und brauche keinen Regenschirm."

Regenschirm braucht sie zwar keinen, aber dafür fallen immer wieder Raketen vom Himmel, aus dem nur 50 Kilometer entfernten Gaza. Dann hat sie eine Minute Zeit, Schutz zu suchen. Angst hat sie keine, sagt sie, "aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es wäre kein mulmiges Gefühl. Aber wenn du so viele Jahre hier bist, lernst du dich auf eine Notfallroutine einzustellen." 

In ihrer Wohnung gibt es, wie in allen Neubauten Israels, einen eigenen Schutzraum. Wenn sie sich draußen aufhält, sucht sie bei Alarm einen öffentlichen Bunker auf. Ihren vielen Freunden, die es nicht gut fanden, als sie in die die Gegend gezogen ist, sagte sie: "Wenn ich das vergleiche mit den Selbstmordattentaten in den neunziger Jahren in Jerusalem, die ich auch mitbekommen habe,  muss ich sagen - es klingt absurd - aber eine Rakete ist sympathischer als ein Selbstmordattentäter." Sie hat sich daran gewöhnt. Das ist die israelische Realität.

Aus ihrer alten Heimat vermisst sie fast nichts außer Schwarzbrot, die Jahreszeiten und die deutsche Dämmerung: "Wir haben hier keine Jahreszeiten, wir haben hier keinen Frühling und keinen Herbst. Es ist bumm Sommer und knall Winter." Und es wird abends sehr plötzlich und auch früh dunkel, auch im Sommer. Das Problem mit dem Schwarzbrot hat sie vor kurzem gelöst: Seit es eine große europäische Möbelkette in Be'er Sheva gibt, die eine Schwarzbrot-Backmischung verkauft. Und mit den Jahreszeiten kann sie leben. Auf jeden Fall besser als mit der deutschen Vergangenheit im "Land der Täter".

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Jüdische Feste

Wenn am 22.12. die vierte Kerze am Adventskranz brennt, zünden jüdische Familien die erste Kerze an - allerdings am Chanukka-Leuchter. Das achttägige jüdische Lichterfest fällt dieses Jahr mit Weihnachten zusammen. Wie gefeiert wird, haben wir den Münchner Rabbiner Steven Langnas und den in München lebenden israelischen Blogger Asaf Erlich gefragt.

Kommentar

12. November 2019: Raketen werden aus Gaza auf Israel abgefeuert.
Israelische Streitkräfte töten einen palästinensischen Terrorführer in Gaza. Die Reaktion: ein Raketenhagel auf israelische Orte. Viele von ihnen kann der Raketenschutzschild "Iron Dome" abfangen, aber nicht alle. Die Raketen treffen Israel, während das Land in der schwersten innenpolitischen Krise seit Jahren steckt. Eskaliert nun die Gewalt zwischen Gaza und Israel erneut?

Religionen

Rabbiner Daniel Alter
Autor
Daniel Alter ist im Nürnberger Stadtteil Katzwang beim "Reichelsdorfer Keller" und dann in Frankfurt am Main aufgewachsen. Der 59-Jährige absolvierte eine Ausbildung zum Rabbiner durch das Abraham Geiger Kolleg in Potsdam und wurde im September 2006 ordiniert. Im Interview erklärt Daniel Alter jüdische Traditionen, spricht über das Verhältnis der Juden zum Islam und seine Erfahrungen mit Antisemitismus.
efa