27.04.2020
Autor will "Hitler pur" zeigen

Historiker Brendan Simms legt neue Biografie über den selbsternannten Führer Adolf Hitler vor

75 Jahre nach Kriegsende wagt Brendan Simms, Professor für Geschichte der internationalen Beziehungen der Universität Cambridge, einen radikal neuen Blick auf das Leben, Denken und Handeln Adolf Hitlers. Im Interview spricht der Historiker über seine Erkenntnisse und die Anfänge der "Bewegung" in Bayern.

In einer neuen Biografie will der Ire beweisen, dass viele der wichtigsten Dinge, die wir über Hitler zu wissen glauben, falsch sind. Sein Buch will viele Entscheidungen und Entwicklungen im "Dritten Reich" in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Herr Simms, man könnte meinen, die Person Hitler sei "ausgeforscht". Sie haben aber aus bereits bekannten Quellen neue Zusammenhänge erstellt und Schlüsse gezogen. Welche sind die wichtigsten, weswegen man Ihrem Buch Aufmerksamkeit schenken sollte?

Brendan Simms: Zum Teil benutze ich ganz neue Quellen, wie zum Beispiel die aus dem bayerischen Kriegsarchiv zu Hitlers Begegnung mit amerikanischen Soldaten im Sommer 1918, woraus sich seine Lebensraumtheorie speist.

Dazu kommen unveröffentlichte Dokumente aus dem Jahr 1944 zu seinem Rassenverständnis.

Außerdem habe ich gedruckte Quellen aus den 1920er- und 1930er-Jahren gefunden, die entweder in ihrer Wichtigkeit oder ganz übersehen worden sind. Die handeln zum Beispiel zu Hitlers Migrations-Obsession und seine Gedanken, Deutsche Juden gegen Deutschamerikaner quasi auszutauschen.

Sie schreiben, Ihr Buch handle nicht von dem Hitler, den die Deutschen gewählt, sondern von dem, den sie bekommen haben. Wie meinen Sie das?

Simms: Damit meine ich, dass die Menschen, die Hitler gewählt haben, es aus verschiedenen Gründen getan haben. Ich gehe diesen Gründen aber nicht nach, weil ich mich für Hitler interessiere und nicht für das deutsche Volk. Die wenigstens Wähler werden wohl explizit den Weltkrieg und den Genozid gewählt haben wollen. Aber das ist es, was sie bekamen.

München gilt weithin als  "Hauptstadt der Bewegung" - ist das reiner Zufall?

Simms: Dieser Titel wurde in den 1930er-Jahren auf Wunsch der Stadt von Hitler verliehen. Er sprach vorher von München als Rom oder Moskau der Bewegung, aber war sich auch bewusst, dass es aufgrund des politischen Katholismus und des Partikularismus für ihn ein hartes Pflaster war.

Welchen Stellenwert hatte München für Hitler im Vergleich zu anderen großen deutschen Städten, insbesondere Nürnberg?

Simms:

Nürnberg war für Hitler schon früh wichtig. Erstens, weil Franken anfangs für die Nazis viel empfänglicher war als Bayern.

Die Rolle von Julius Streicher in der Stadt ist natürlich bekannt. Zweitens, weil Nürnberg zur Kultstadt der Parteitage wurde, auf denen sich die Bewegung und dann das Regime präsentierten. Drittens, weil es die Verbindung zum alten Heiligen Römischen Reich hatte, weshalb er die Reichskleinodien nach dem Anschluss zurückkehren ließ.

Sie sparen in Ihrem Buch Hitlers Kindheit und Jugend sowie sein familiäres Umfeld weitgehend aus. Wieso?

Simms: Das liegt an den spärlichen Quellen. Fast alles, was tatsächlich verbürgt ist und nicht von Hitler selbst stammt oder von anderen später erdichtet worden ist, habe ich ausgewertet. Daher gibt es zu Hitlers ersten Jahren auch nur eine sehr kurze 'Skizze' wie ich im Buch klar mache.

Das meiste von dem, was man in Büchern zu Hitler vor 1919 liest, ist Kontext, oft sehr interessant und fundiert, aber doch eben nur Kontext, und nicht Hitler 'pur'. Zum Ende des Ersten Weltkrieges sah Hitler die Juden ebenso wenig als absolute Feinde an als auch die Amerikaner. Sein Vorgesetzter Hugo Gutmann, ein Jude, zeichnete ihn sogar aus.

Woher kommt der plötzliche Vernichtungswahn?

Simms: Es gibt in der Tat vor 1919 keine stichhaltigen Beweise für Judenhass bei Hitler. Brigitte Hamann hat dies bereits in ihren Arbeiten über Hitlers Wiener Zeit nachgewiesen und Thomas Weber für die Zeit des Ersten Weltkrieges.

Sein Antisemitismus wurde ihm wahrscheinlich praktisch von der Reichswehr 'gelehrt', und zwar wie es Othmar Plöckinger beschrieben hat bei seiner Ausbildung als Propagandist 1919.

Ich betone dabei besonders den Zusammenhang zum anti- (internationalen) Kapitalismus, welcher dabei viel wichtiger war als der Antibolschewismus. Dieser lieferte ein Erklärungsmuster für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg.

Sie schreiben, dass Hitler während des Ersten Weltkrieges keine Führerqualitäten entwickelt habe. Wer hat ihm diese letztlich mit welcher Intention antrainiert?

Simms: Das ist eigentlich ein Rätsel. Diese Fähigkeiten wurden wohl von der Reichswehr und seinen frühen politische Mitstreitern wie Anton Drexler 1919 anerkannt und gefördert.

Hitlers Kampf mit den Angelsachsen und andere Beweggründe seiner Politik seien Ihrer Meinung nach bislang übersehen worden. Wieso?

Simms: Warum, das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Vielleicht liest man die Geschichte rückwärts, und weil der Ostfeldzug so kläglich scheiterte und so wichtig wurde, hat man im Nachhinein den Stellenwert des Anti-Bolschewismus und der Sowjetunion übertrieben. Vielleicht will die Linke nicht hören, das Hitler ein anti(internationaler) Kapitalist gewesen ist.

Vielleicht will die extreme Rechte nicht hören, wie wenig er vom deutschen Volk im Vergleich zu den Angelsachsen hielt. Die Zentralität der Auswanderungsfrage hätte man aus den Reden der 1920 Jahre und dem Zweiten Buch herauslesen können. Natürlich waren die Quellen, die ich eingangs erwähnt habe, nicht bekannt, und das wird wohl auch eine Rolle gespielt haben.

Hitler ist medial allgegenwärtig – in zahlreichen Dokus und deren Wiederholungen im TV oder in Ausstellungen und immer wieder neuen Publikationen. Wie erklären Sie sich die anhaltende Faszination an dieser Person und wo wird’s zu viel?

Simms: Seine Person bleibt halt faszinierend, weil wohl kaum eine andere Gestalt so rasant aufgestiegen ist und so tief gefallen ist. Es ist nie falsch, sich mit Hitler und dem Nationalsozialismus zu befassen. Nur muss man dies mit Abstand und informiert tun.

Als Hitler-Biograf und Historiker – was denken Sie, wenn mit "Nazi" und anderen verunglimpfenden Vergleichen geradezu verschwenderisch umgegangen wird?

Simms: Leider ist das wenig hilfreich. Die Geschichte lässt es nicht zu, einfache oder simplizistische Parallelen aus ihr zu ziehen.

Wir können Hitler genauso in der Rhetorik eines anti-Globalisierungs-Demonstranten wie in den Argumenten der 'Alt-Right' Bewegung finden. Genauso unter den 'Verdammten der Erde' wie unter weißen Rassisten. In einem Islamisten genauso wie in einem Islamophoben, und genauso in vielen andere Menschen und an vielen anderen Orten.

Auch die beiden christlichen Kirchen arbeiten immer wieder neue Facetten ihrer Rolle im Dritten Reich aus. Was wäre mit den Kirchen Ihrer Meinung nach geschehen, hätte Hitler länger regiert?

Simms: Das wissen wir ziemlich genau, weil er während des Krieges oft darüber sprach, wie er nachher dachte, mit den Kirchen, insbesondere mit der katholischen Kirche, aufzuräumen.

Ihr Ansatz war es, in Hitlers Geist einzudringen, ohne ihn in den Ihrigen einzulassen. Wie schwierig war das? Und sind Sie nun mit Hitler fertig oder kommt noch was?

Simms: Ja, ich spreche am Anfang des Buches von der Schwierigkeit, in Hitlers Geist einzudringen, ohne sich von ihm gefangenen nehmen zu lassen. Ich bin als Biograph mit Hitler vorläufig wohl fertig, aber es kommt noch nächstes Jahr ein Buch zum Dezember 1941 mit Co-Autor, Dr. Charlie Laderman vom King's College London.

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