4.09.2019
Queer leben in der Provinz

"Kunterbunt Amberg": Jugendgruppe will LGBTQ+-Menschen vernetzen

Wie schwer es sein kann, in der Provinz seine Homosexualität zu leben, davon kann Phillip Pietsch ein Lied singen. Damit sich das ändert, hat der 19-Jährige die Jugendgruppe "Kunterbunt Amberg" gegründet. Neben monatlichen Treffen der LGBTQ+-Menschen haben die jungen Leute in diesem Jahr eine ganz besondere Veranstaltung in der oberpfälzischen Stadt organisiert.
 Jugendgruppe "Kunterbunt Amberg"
Die Jugendgruppe "Kunterbunt Amberg"

"Ich liebe Männer und lebe manchmal gerne wie eine Frau. Trotzdem bin ich ein ganz normaler Mensch." Der 19-jährige Phillip Pietsch ist homosexuell und steht dazu. Er hat sogar so viel Mut, das Aushängeschild von "Kunterbunt Amberg" zu werden. Die erste Jugendgruppe für LGBTQ+. Das ist die englische Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender - auf Deutsch also Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender. Das "Q" steht für "queer", das "+" für weitere Geschlechtsidentitäten wie intersexuell oder asexuell.

"Das Ganze hat 2018 angefangen. Ich habe zunächst eine WhatsApp-Gruppe gegründet, in der wir uns zu viert untereinander ausgetauscht haben. Nachdem die Gruppe aber immer größer wurde, hatten wir die Idee 'Kunterbunt Amberg' zu gründen", erklärt der 19-Jährige. Jeden zweiten Samstag im Monat trifft sich die Organisation im Café Beanery in Amberg. "Bei uns ist jeder herzlich willkommen. Wir sind offen für jede Art von Hautfarbe, sexuelle Orientierung oder Menschen mit Behinderung. Hier soll sich jeder wohlfühlen und so sein können, wie er ist", sagt Franziska Görtz, Mitarbeiterin im Beanery.

Was "Kunterbunt Amberg" bewirken will

Erkennungszeichen der monatlichen Treffen ist eine Regenbogenflagge auf dem Tisch. In erster Linie richtet sich "Kunterbunt Amberg" an junge Menschen bis 35 Jahre aus dem LGBTQ+-Spektrum oder Menschen, die noch auf der Suche nach ihrer Identität sind. "Die Altersunterschiede sollen bei den Treffen einfach nicht zu groß sein", klärt Phillip Pietsch auf.

Ziel der Organisation ist es zum einen, LGBTQ+-Menschen aus Amberg zu vernetzen und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, zum anderen möchten die Verantwortlichen die Bevölkerung über queere Themen aufklären. "Vor allem junge Menschen wissen oftmals nicht, wie sie sich outen sollen: Wann ist der richtige Zeitpunkt, wie sage ich es am besten meinen Freunden oder meiner Familie? Wir wollen genau diesen Menschen eine Stütze sein", berichtet der Amberger. "Darüber hinaus wollen wir über LGBTQ+ aufklären. Im Schulunterricht wird zwar Sexualität durchgenommen, aber unserer Meinung nach nur angerissen. Ich hätte mir damals mehr Aufklärung gewünscht - eben, dass es nicht nur Heterosexualität und Homosexualität gibt, sondern ein breites Spektrum an Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten."

Erstmals Christopher Street Day in Amberg

Wer älter als 35 Jahre ist oder vielleicht ein Kind hat, das sich geoutet hat, kann sich auch jederzeit per E-Mail (info@kunterbunt-amberg.de) bei Phillip Pietsch melden. "Wenn das eigene Kind verkündet, dass es schwul oder lesbisch ist, überfordert das viele Eltern manchmal. Mit vielen Fragen konfrontiert sind auch Eltern von Transgendern. Schließlich hat das eigene Kind plötzlich einen neuen Vornamen." Der 19-Jährige und seine Mitstreiter haben selbst Coming-Outs hinter sich, mussten sich vielen Fragen stellen und lernen, dass es absolut legitim ist, das gleiche Geschlecht zu lieben: "Es wäre schön, wenn es in unserer Gesellschaft egal wäre, welche Geschlechtsidentität oder Sexualität ein Mensch hat."

Neben den monatlichen Treffen und Aufklärungsveranstaltungen organisierte "Kunterbunt Amberg" am 31. August 2019 auch zum allerersten Mal einen Christopher Street Day - kurz CSD - in Amberg. "In vielen Städten wie Köln, Berlin, München, Nürnberg und so weiter gibt es schon seit Jahren bzw. Jahrzehnten einen CSD. Also ein Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern. Wir wollten unbedingt in Amberg auch einen CSD veranstalten und sind stolz, dass es dieses Jahr klappt", schwärmt der 19-Jährige von der Idee.

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